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Mit Engelszungen

Geflügel modernisieren

Schippe ich mir also Kakaopulver aufs Hähnchenbrustfilet. Weil: Macht man jetzt so. Sagt jedenfalls die aktuelle Küchenmode. Und zum en vogue dinierenden Kreis der Ernährungsfashionistas will ich auf jeden Fall dazugehören.

02.04.2016
  • Kathrin Löffler

Andererseits sähe ich mich gern als fetzigen Freigeist. Deshalb zwinge ich mich gelegentlich, für mich ungewohnte Dinge zu tun. Es geht nie gut. Entweder, die Emanzipation aus dem eigenen Habituskorsett endet mit öffentlicher Blamage (Skateboarden), tatsächlichem Amüsement, von dem aus Imagegründen aber niemals im näheren und sehr weiten Umfeld berichtet werden kann (Aqua-Zumba) oder bösen Anfällen reaktionärer Popkulturphobie (im Fernsehen „heute +“ schauen).

Immerhin bietet die heimische Küche eine sehr einfache Möglichkeit, der eigenen Langweiligkeit mal so richtig eins mitzugeben. Es braucht lediglich einen kleinen nonkonformen Handgriff beim nächsten Supermarktbesuch. Neulich habe ich dort sehr spontan Okraschoten mitgenommen. Sie schmeckten sehr ekelhaft. Dagegen habe ich in meinem Kampf gegen kulinarische Denkverbote Steckrüben für mich entdeckt. In Scheiben geschnitten, ertränkt in Olivenöl, begraben unter Salz und Pfeffer und eine halbe Stunde im Ofen gebacken, mauserten sie sich zu meinem neuen Lieblingsgemüse. An dieser Stelle sei erwähnt, dass mir bewusst ist, allein durch die Tatsache, so etwas wie ein „Lieblingsgemüse“ zu haben, in der Beliebtheitsskala einiger Menschen etwa auf Frauke-Petry-Niveau zu rangieren.

Also jedenfalls: Kochen. Häufig besuche ich aus diesem Anlass die lokale Biowarenfiliale und erstehe veganen Sonnenblumenkern-Bärlauch-Brotaufstrich. Den kleistere ich dann als eine Art Pesto aufs gegarte Rindersteak. Dabei fühle ich mich wahnsinnig subversiv. Das Problem: Mein widersinniger Umgang mit der politisch korrekten Schmotze ergibt ein derart hervorragend mundendes halb tierfreies Tiergericht, dass mir dessen Zubereitung inzwischen zur regelmäßigen Institution geworden ist. Ich bin zum Fleischphilister mutiert. Deshalb jetzt: Abwechslung. Hähnchen mit Kakao.

Das kam so: Die Wilhelmstraße entlang geschlendert, beim regionalen Buchhandelskrösus durchs Sortiment geblättert, bei einem Kochbuch hängen geblieben. Vorne drauf steht: irgendwas mit „Super Foods“. Ha, Gesundheit, Hippnessfaktor, Haken dran. Innen drin: ein Rezept für Kakaohähnchen mit Chili und Sojasauce. Das klingt funky und vor allem: wie das perfekte Revoluzzergericht gegen meinen Uniformismus am Herd. Koch‘ ich.

Zuhause Geflügel in den Topf geschmissen (Pfanne hab ich nicht, nimmt nur Platz weg), heiß machen, Rest-Zutaten in munterem Dilettantismus dazu. Merke: Beim nächsten Mal unbedingt auch das Kochbuch samt empfohlener Zubereitungsanleitung kaufen, statt bloß die benötigten Utensilien im Kopf zu behalten. Was da nämlich vor mir herumbrutzelt, sieht aus wie irgendetwas aus dem Moor. Es ist braune Matsche mit Brocken drin. Ich esse alles auf und bin sehr stolz auf meine trendaffine Aufgeschlossenheit und meine geistige Schranken sprengende Innovationsbereitschaft. Morgen mache ich Maultaschen mit Chia-Samen-Füllung.

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02.04.2016, 01:00 Uhr

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