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Von Dettenhausen aus wird das größte Tierheim der Welt versorgt

Gegen das Elend rumänischer Straßenhunde

Das größte Tierheim der Welt befindet sich im rumänischen Pitesti und beherbergt 5400 ehemalige Straßenhunde. Versorgt wird es vor allem von Dettenhausen aus. Für die Mitarbeiter der „Tierhilfe Hoffnung“ bedeutet das, ständig neue Spender finden zu müssen.

20.08.2015
  • Stephen Gokeler

Dettenhausen.Zweieinhalb Tonnen Futter täglich, 85 Mitarbeiter vom Tierarzt bis zum Sicherheitsdienst, ein Kastrationsmobil, eine eigene Tierklinik, Schulprojekte und ein riesiges Gelände muss die Tierhilfe Hoffnung e. V. finanzieren – und jetzt auch das noch: Gerade hat die rumänische Veterinärbehörde verfügt, dass die 75 Quadratmeter großen Auslaufboxen, die überwiegend mit Kies ausgelegt sind, aus hygienischen Gründen umgehend zu betonieren oder zu pflastern seien. Selbst mit rumänischen Preisen für Material und Arbeit wird diese Anordnung 60 000 Euro verschlingen, denn es geht um nicht weniger als 11500 Quadratmeter.

Gegen das Elend rumänischer Straßenhunde
Auf diesem riesigen Gelände im rumänischen Pitesti werden unter Regie hiesiger Tierschützer 5400 Hunde versorgt – das weltweit größte Tierheim.Privatbilder

Der Vorsitzende Matthias Schmidt wirkt in den Vereinsräumen in einer ehemaligen Schreinerei nahe beim Sportgelände in Dettenhausen wie eine moderne Ausgabe des Sisyphos. „Alleine haben wir keine Chance“, sagt er. Wegen des Erlasses der Veterinärbehörde hat der Verein gerade wieder einen Hilferuf an den Kreis der Spender und Unterstützer verschickt. „Als Verein leben wir von der Hand in den Mund, ein finanzielles Polster haben wir nicht“, erklärt Schmidt. Allein gelassen fühlt er sich vor allem von Politikern in Rumänien, aber auch von EU-Bürokraten. Dabei tragen die aus seiner Sicht eine Mitverantwortung für das Elend der Straßenhunde.

Von schlimmen Zuständen für die Hunde, die vor allem durch Umsiedlungen der ländlichen Bevölkerung in Beton-Ghettos durch das Ceausescu-Regime heimatlos geworden waren, erfuhr auch Ute Langenkamp aus Dettenhausen. Seit 1985 engagierte sie sich für den Tierschutz, gründete die „Tübinger Bürgerinitiative gegen Tierversuche“ und stand lange Zeit allwöchentlich mit einem Informationsstand auf dem Tübinger Holzmarkt. Im Jahr 2000 fuhr sie mit einem VW-Bus nach Pitesti. Der Bürgermeister der Stadt in der Walachei mit etwa 150000 Einwohnern hatte zur Tötung der Straßenhunde aufgerufen. „Mit Worten kaum zu beschreiben“ sei die Situation gewesen, die sie damals vorgefunden hätten, erinnert sich Matthias Schmidt, der von Anfang an dabei war.

Gegen das Elend rumänischer Straßenhunde
Zwei der kleinen Straßenhunde schauen neugierig aus ihrer Kiste.

Auf grausame Weise waren 5000 der etwa 33000 freilebenden Hunde in der Region bereits umgebracht worden. Ute Langenkamp mietete eine stillgelegte Fuchsfarm an und traf mit dem Bürgermeister eine Vereinbarung, das Tötungsprogramm einzustellen, wenn sie sich in der Smeura, so der Name der Farm, um die Tiere kümmere.

Seit einer schweren Erkrankung vor knapp drei Jahren kann Ute Langenkamp, die von der Stuttgarter Zeitung dafür als „Mutter Tieresa“ tituliert wurde, ihr Projekt selbst nicht mehr aktiv unterstützen. Doch der Verein, den sie nach ihrem Besuch in Rumänien gegründet hat, arbeitet weiter.

Gegen das Elend rumänischer Straßenhunde
Die „Tierhilfe Hoffnung“ betreibt auch eine eigene Tierklinik..

Heute werden 5400 Hunde in Pitesti versorgt. Der frühere Bürgermeister wurde inzwischen wegen Korruption verhaftet, er hatte offenbar staatliche Tötungsprämien für Hunde, die in Wirklichkeit in der Smeura gelandet waren, in die eigene Tasche gesteckt. Von Beginn der Arbeit in Rumänien hat die Tierhilfe Hoffnung sich auf die Kastration der Straßenhunde konzentriert. „Das ist die einzige Möglichkeit, das Problem in den Griff zu bekommen“, sagt Matthias Schmidt. Er ist sich sicher, dass Rumänien heute keine Straßenhunde mehr hätte, wenn die Politik diesen Weg unterstützen würde.

Aber das Gegenteil ist der Fall. „Die Reproduktion der Hunde sichert vor Ort Wirtschaftskreisläufe und hält ein wahnsinniges System am Laufen“, sagt Schmidt. Das Kastrationsmobil des Vereins, das im ländlichen Umland Pitestis kostenlose Eingriffe an Hunden anbietet, wird deshalb von manchen Lokalpolitikern boykottiert.

Ein Rathausmitarbeiter habe neulich in einem Dorf die erschienen Bürger beschimpft, die Hunde kastrieren lassen wollten. Sie seien schuld, wenn die öffentlichen Hundefänger kein Geld mehr in die Gemeindekasse mehr brächten. Seit zwei Jahren gibt es in Rumänien ein Gesetz, wonach Straßenhunde eingefangen werden müssen. Findet sich innerhalb von zwei Wochen niemand, der den Hund bei sich aufnimmt, wird er eingeschläfert.

Die Kommunen erhalten dafür Geld von der Europäischen Union. Insgesamt 72 Euro gibt es für das Einfangen, die zweiwöchige Beherbergung und die anschließende Tötung – auch bereits kastrierter, gechipter und geimpfter Tiere. „Seither haben viele Leute Dollarzeichen in den Augen, wenn sie einen Straßenhund sehen“, sagt Schmidt.

Gegen das Elend rumänischer Straßenhunde
Matthias Schmidt mit Schützling.

Kein Wunder, denn ein Bandarbeiter in Rumänien bekommt gerade einmal 230 Euro Monatslohn. Deshalb gibt es für die Tiere nur eine Überlebenschance. Alle paar Wochen fährt ein Kleintransporter mit Futter und anderen Spenden von Dettenhausen nach Pitesti. Auf dem Rückweg bringt er kastrierte Hunde mit, die dann über eines der mehr als 100 Partnertierheime des Vereins zwischen Hamburg und Rosenheim – darunter auch die Tierheime in Stuttgart, Ludwigsburg und Böblingen – nach einer zweiwöchigen Quarantäne an neue Besitzer in Deutschland vermittelt werden.

Info:: Steuerlich absetzbare Spenden für die Dettenhäuser Tierschschutzaktion können auf das Konto der Tierhilfe Hoffnung e.V. bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE47 6415 0020 0002 4804 60, BIC: SOLADES1TUB) überwiesen werden. Wer eine Futterpartnerschaft übernehmen oder auf andere Weise helfen möchte, findet im Internet Informationen auf www.tierhilfe-hoffnung.com.

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20.08.2015, 12:00 Uhr

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