"Eine kleine Clique denkt, ihr gehöre die Stadt"

Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 versammeln sich zum Massenprotest

Tausende Menschen aus allen Himmelsrichtungen sind am Samstag zum "Protestival" im Stuttgarter Schlossgarten gezogen. Sie wollen das umstrittene Milliardenprojekt Stuttgart 21 stoppen.

12.07.2010

Von CLAUDIA REICHERTER

Das Aktionsbündnis gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 lässt die Muskeln spielen. Tausende Menschen folgten am Samstag trotz sengender Hitze dem Aufruf der Organisatoren in die Landeshauptstadt. Der Polizei zufolge zogen 5000, den Veranstaltern nach 20 000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Sternmärschen von drei Himmelsrichtungen aus zum "Protestival" im Stuttgarter Schlossgarten. Ihr Ziel: "Stuttgart 21 stoppen."

Hintergrund des wachsenden Protests gegen das städtebaulich, finanziell, ökologisch und bahnbetrieblich umstrittene Projekt ist dem Bündnis zufolge die "Rekordverschuldung des Landes". Die Gegner sagen, statt der anfänglich angeführten vier solle die geplante Bahnhofstieferlegung voraussichtlich zehn Milliarden Euro kosten, die Streckenerneuerung statt zwei etwa fünf Milliarden. Bei Kitas und Kultur hingegen werde der Rotstift angesetzt. Würde die Neubaustrecke storniert und Stuttgart 21 abgeblasen, ließen sich "auf einen Schlag zehn Milliarden Euro sparen", sagt der Verkehrsexperte und Grünen-Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann.

Die Pläne zum teilweisen Abriss des Hauptbahnhofs und dessen Verlegung unter die Erde seien kein Verkehrsprojekt, sondern ein Immobilienspekulations-Objekt, meint Parkschützer Dieter Laube. Denn die freiwerdende Fläche über der Erde solle später gewinnbringend bebaut werden. "Hier denkt eine kleine Clique, ihr gehöre die Stadt." An sie gerichtet skandieren an diesem Samstag die Sternmarschierer aus dem Neckar-, Fils- und Donautal, von den Fildern sowie aus Konstanz, Tübingen, Freiburg und Backnang, die sich vom Bad Cannstatter Bahnhof aus zur Großdemo aufmachen: "Ihr könnt uns nicht vertreiben, wir wollen oben bleiben!"

Oben bleiben, so heißt auch die Hymne von Rapper Borna für das Mitte 2007 von Bündnis 90/ Die Grünen, Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Initiative Leben in Stuttgart, dem Verkehrsclub Baden-Württemberg und Pro Bahn gegründete Aktionsbündnis, das im Internet über die Foren "Parkschützer.de" und "kopfbahnhof-21.de" schon mehr als 15 000 Unterstützer gefunden hat. Der Slogan bezieht sich auf die Alternative zur Bahnhofstieferlegung: die Sanierung des Kopfbahnhofs und eine Modernisierung der Gleisanlagen ohne teure Tunnels, genannt "K 21".

Denn da der Bau eines unterirdischen Durchgangsbahnhofs eine Grundwasserabsenkung nötig machte, würden sowohl die Heilquellen von Cannstatt und Berg als auch die Platanenallee im Schlosspark gefährdet, warnt Ursel Beck vom Ortsverband der Linkspartei beim Zwischenstopp am Mineralbad Leuze. Um eine Klage des privaten Betreibers gegen Stuttgart 21 zu verhindern, habe die Stadt 2006 "völlig überteuert für zehn Millionen Euro" das Mineralbad Berg gekauft. Kosten, die mit dem Projekt zusammenhängen, aber in keiner Auflistung vorkommen. "Das kann man auch Korruption nennen", ruft ein Mittsechziger. Einer Reutlinger Demonstrantin "stellen sich die Haare zu Berge".

Weiter zieht die Gruppe durch die Wera-Straße zum Willy-Brandt-Platz. Vor dem Bahnhofsgebäude vereinen sich die Marschierer von Cannstatt, vom Wilhelmsplatz und der Liederhalle zum kurzen Sitzstreik auf glühendem Asphalt. Dann geht es in den Schlossgarten, wo sich die meisten unter ausladende Platanen flüchten. 282 der prächtigen, teilweise hunderte von Jahren alten Parkbäume sollen dem Bauvorhaben zum Opfer fallen. Gasaustausch- und Luftfilterleistung einer 100-jährigen Buche wären nur durch die Neupflanzung von 2000 Jungbäumen für 150 000 Euro auszugleichen, informiert ein Flugblatt. Geplant sind aber nur 200, außerhalb der Stadt.

Parkschützer Christoph Reinstadler erklärt beim anschließenden Protest-Festival mit namhaften Rednern und Musikern am Landespavillon: "Wir sind überparteilich, aber nicht unpolitisch, entschlossen, aber gewaltfrei, bunt und laut, aber keine Chaoten." Viele tausend Menschen, die sich schützend vor ihren Bahnhof und ihren Park stellen, könne man nicht übergehen.

Auf dem Altar des "Kannibalen Stuttgart 21, der alles auffrisst", werde neben den Bäumen auch "der Rest an demokratischen Strukturen" im Land geopfert, sagt der Schauspieler und Hauptredner Walter Sittler, der auch der Bundesversammlung bei der Präsidentenwahl angehörte. Hier werde "mit Milliardenaufwand ein Engpass aufgebaut", ergänzt der Grünen-Politiker Hermann und fordert: "Schluss mit dem Unsinn!" "Wir wollen ein Schienennetz, das den Bürgern nützt, und kein Prestigeprojekt", bekräftigt die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender.

Drei Landschaftsgärtner machen vor, wie sich die Baumfällaktion anhören könnte, die wegen der Landtagswahl 2011 verschoben wurde. "An diesen Sound werden wir uns nicht gewöhnen", rufen sie - und tausende Menschen jubeln ihnen bei diesem Protestfest zu.

Massenhafter Widerstand: Das Projekt Stuttgart 21 spaltet die Landeshauptstadt. Foto: dpa

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Erstellt:
12. Juli 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juli 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2010, 12:00 Uhr

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