U-Boot-Deal

Geheim bis zum Schluss

Frankreich fühlt sich von den USA und Australien hintergangen. Das Zerwürfnis könnte die Nato belasten.

20.09.2021

Von Peter Heusch

Paris. „Doppelzüngigkeit“, „Dolchstoß in den Rücken“, „Verrat“ – solch scharfe Worte aus dem Mund des sonst sehr besonnen französischen Außenministers Jean-Yves Le Drian sind mehr als ungewöhnlich. Aber sie spiegeln die enorme Empörung wider, die der geplatzte U-Boot-Deal mit Australien provoziert hat. Und es geht dabei keineswegs nur um jene 56 Milliarden Euro des bei seinem Abschluss im Jahr 2016 als „Jahrhundertvertrag“ bezeichneten Rüstungsauftrags, die Paris nun in den Wind schreiben muss.

Schwerer wiegt, dass sich die Franzosen sowohl von den Australiern als auch von Amerikanern und Briten hintergangen fühlen. Völlig überraschend nämlich haben Washington, London und Canberra am Mittwoch die Gründung eines neuen Sicherheitsbündnisses bekanntgegeben, welches sich den Expansionsbestrebungen Chinas im indopazifischen Raum entgegenstellen will. Nur wenige Stunden später annullierte Australien seine Bestellung von zwölf dieselbetriebenen französischen U-Booten und kündigte an, diese durch atombetriebene amerikanische U-Boote ersetzen zu wollen.

Vertrauensbruch beklagt

Besonders erbittert reagieren französische Regierungskreise darauf, dass sie von den drei Alliierten vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. So wurde das Sicherheitsbündnis ohne jegliche Konsultation der Verbündeten geschmiedet. Frankreich fühlt sich dabei als vernachlässigbare Größe düpiert, obwohl es wegen seiner Überseegebiete wie Neukaledonien und Französisch-Polynesien im Indopazifik militärisch sehr präsent ist. Die Australier sollen zudem bis zuletzt nicht angedeutet haben, dass sie offenbar schon länger über die Aufkündigung des Rüstungsvertrags mit Frankreich nachdachten.

Fuchsteufelswild ordnete Staatspräsident Emmanuel Macron noch am Freitag an, die französischen Botschafter aus Washington und Canberra zu Konsultationen zurückzurufen. Dieser zwischen Alliierten außergewöhnliche Schritt, der eine Premiere in den französisch-amerikanischen Beziehungen darstellt, belegt die Schwere der diplomatischen Krise.

Auf die Frage, warum er nicht auch den französischen Botschafter in London zurückgerufen habe, antwortete Le Drian kühl, dass man den „Opportunismus der Briten“ hinlänglich kenne und daher nicht sonderlich überrascht sei. Anders sehe das im Falle der Amerikaner und der Australier aus, deren „Lügen“ ein „schwerer Vertrauensbruch“ sei. Ein Vertrauensbruch, so Drian, der auch die Zukunft der Nato in Frage stelle. Einen Austritt Frankreichs aus dem Bündnis schloss er auf Nachfrage allerdings aus.

In Washington hofft man, die Krise kommende Woche am Rande der UN-Vollversammlung in New York entschärfen oder beilegen zu können. Peter Heusch

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Erstellt:
20. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. September 2021, 06:00 Uhr

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