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Mitgemacht und ausprobiert | Darts

Gehirn ausschalten und werfen

Die SÜDWEST PRESSE trainierte einen Abend lang mit dem zweimaligen Darts-WM-Teilnehmer Robert Marijanovic aus Freudenstadt.

10.12.2016
  • Fabian Schäfer

Da ist sie endlich. Robert Marijanovic nickt kurz, geht zum Board und zieht seine Darts heraus. Alle drei stecken in der Triple 20, dem höchsten Feld auf dem Dart-Board. „Ich habe schon an mir selbst gezweifelt“, sagt er lächelnd. Es hat tatsächlich verhältnismäßig lange gedauert, bis der zweifache WM-Teilnehmer an diesem Abend im Freudenstädter „Sammelsurium“ seine erste „180“ erzielt hat. Seit 25 Jahren spielt der 36-Jährige Darts, ist momentan die Nummer 168 der Welt und die Nummer eins in Baden-Württemberg. 2013 erreichte er beim „World Cup of Darts“, der Team-WM im Dartsport, sogar das Viertelfinale. Marijanovic ist kein typischer Dartspieler. Er ist groß, schlank, in Freudenstadt geboren – und kroatischer Staatsbürger.

Ich selbst spiele seit knapp sechs Jahren Darts. Hin und wieder mit Freunden in einer Bar, aber meist alleine zu Hause. Am heutigen Abend will ich mal sehen, wie ich mich gegen einen „Semi-Profi“, als der sich Marijanovic selbst bezeichnet, schlage. Und ob ich vielleicht ein paar Tipps abgreifen kann.

Wir spielen „Best of elf Legs“. Als Leg bezeichnet man im Dartsport ein Spiel von 501 Punkten auf Null, wobei der letzte Dart in einem Doppelfeld landen muss. Bei 20 Rest muss also die Doppel zehn getroffen werden, bei 28 Punkten die Doppel 14. Und sieh an, meine dritte Aufnahme ist direkt eine 140. Zwei Darts stecken in der Triple 20, einer knapp darunter. Es wird meine höchste Aufnahme während des gesamten Abends bleiben. Marijanovic spielt gut, vor allem seine Doppel-Quote ist beeindruckend. Schnell ist das erste Match beendet, völlig überraschend mit 0:6 gegen mich.

Möglichst wenig Bewegung

„Versuch, dich während des Wurfes weniger zu bewegen. Der Oberkörper sollte im Idealfall ganz ruhig bleiben“, erklärt Marijanovic. „Und den Arm durchstrecken. Dann hast du beim zweiten Wurf ein besseres Gefühl für die Höhe.“ Ich beherzige die Ratschläge, dennoch landen weiterhin viele meiner Würfe knapp links oder rechts neben dem 20er-Segment. Hin und wieder sind aber gute Versuche dabei. „Wichtig ist, dass keine Streuung dabei ist und die Darts nahe beieinander landen“, erklärt der Freudenstädter. Darts sei „Gehirnmemory“, Automatismen, die über Jahrzehnte im Kopf seien. „Darts ist: Gehirn ausschalten und werfen“, sagt der einstige deutsche E-Dart-Meister.

Die Sportart habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert, erzählt der Lagerleiter. „Die Dartfirmen suchen massenhaft Spieler, damit diese ihre Produkte promoten, in der Hoffnung, dass einer davon der nächste Weltmeister wird.“ Auch die Turniere an sich seien größer. „Früher waren an einem Erstrundentag in Sindelfingen 60 Leute. Heute sind es beinahe 200“, erzählt Marijanovic. Wenn im Fernsehen Darts-Übertragungen laufen, sehen bis zu 1,4 Millionen Menschen zu. Zudem sei die Leistungsdichte extrem nach oben gegangen, was es auch in Deutschland schwierig mache, sich vorne zu etablieren.

In der zweiten Runde trete ich mit Darts an, die mir Marijanovic leiht. Sie sind deutlich kürzer als meine eigenen, viel dicker und haben nur einen schwachen geriffelten Barrel (so nennt man den Mittelteil des Pfeils zwischen Spitze und Schaft). Die ersten Würfe gehen völlig daneben, langsam gewöhne ich mich aber an die neuen Darts und meine Versuche werden präziser.

VHS-Kassetten aus England

Marijanovic spielt seit 2013 die gleichen Pfeile: 22 Gramm schwer, verhältnismäßig lang, beinahe kein Grip. „Ich habe meine Darts in 25 Jahren dreimal gewechselt. Und es hat sehr viel gebracht,“ erzählt der Freudenstädter. Seit er vor drei Jahren auf seine jetzigen Darts umgestiegen sei, spiele er besser. Bei ihm zu Hause liegen noch gut 70 weitere Sets herum. Und es werden mehr. „Mein Sponsor schickt mir eigentlich jeden Dart, den ich haben will“, erklärt der 36-Jährige. Bei der Form sei er sich mittlerweile sicher, er verändere nur noch Feinheiten, wie beispielsweise den Grip. „Man gewöhnt sich sehr an seine Darts. Manchmal läufts damit, manchmal nicht. Aber es muss das Vertrauen da sein“, sagt Marijanovic.

An Darts-Zubehör zu gelangen ist heutzutage relativ einfach. Im Internet gibt es ein Dutzend Shops und in größeren Städten sogar Fachgeschäfte. Das war vor zehn Jahren auch noch anders. „Darts-Zubehör war wie Pornohefte. Man musste nicht, woher man es bekommen sollte. Jetzt ist das Angebot natürlich Wahnsinn“, berichtet Marijanovic. Damals hätten Bekannte noch VHS-Kassetten aus England mitgebracht, damit man sich die Spiele der Topstars anschauen konnte. „Heute gibt man bei YouTube Darts ein und kriegt über eine Million Ergebnisse“, sagt der geborene Freudenstädter.

Für Marijanovic machen ganz klar die Spieler die Faszination des Dartsports aus. „Das sind normale Menschen mit Tattoos, Übergewicht, einem fehlenden Schneidezahn. Menschen, die nicht gerne verlieren, und das macht diesen Sport aus“, sagt der WM-Qualifikant von 2013 und 2015. Aber auch die Fans trügen natürlich einen großen Teil bei. „Das gibt es nur beim Darts, dass 3000 Deutsche einem Holländer zujubeln.“ Darts sei auch nicht so gestellt wie beispielsweise Fußball „mit den Gelfrisuren und pinken Schuhen“. „Das ist doch nur noch Werbung mit ein bisschen Fußball“, echauffiert sich Marijanovic. Da sehe er sich sonntags lieber mal eine Partie der Spielvereinigung Freudenstadt an.

Chance genutzt

Am Ende gewinne ich genau eines von 31 Legs. Und das auch nur, weil Marijanovic mir die Chance dazu gibt: Anstatt das Spiel einfach über ein Doppel zu beenden, „trickst“ er wenig herum und versucht beispielsweise 20 Punkte Rest mit Doppel fünf, Doppel vier und Doppel eins auszuwerfen. Einmal braucht er dafür zu lange, ich treffe nach drei Fehlversuchen endlich die Doppel acht. Ich bin mit meiner Leistung zufrieden, Marijanovic hadert ein wenig mit sich. „Heute war irgendwie der Wurm drin“, sagt er. Das sei allerdings auch der Vorteil am Darts: „Es gibt kein Unentschieden, keinen Schiedsrichter, keine Elfmeter. Es ist ein Eins-gegen-Eins, wie bei den Gladiatoren“, erklärt er und packt seine Darts ein. Danach hängt er das Dart-Board von der Wand, macht die kleinen Lampen aus und stellt den Vogelkäfig zurück an seinen Platz. „Ich spiele hier selten, trainieren tue ich zu Hause“, sagt er grinsend. Zur WM hat er es in diesem Jahr nicht geschafft, daher wird er das Spektakel großteils im „Sammelsurium“ verfolgen und nebenbei mit Freunden ein paar Darts werfen. „Ansonsten heißt Weihnachtszeit auch, dass sehr viele Turniere stattfinden und ich dann dort bei Gelegenheit die WM nebenbei verfolgen werde. Und dann natürlich zu Hause auf dem Sofa“, ergänzt er.

Der Nerd, der Felsen und die große Pistole

Für die Topstars der Dartszene sind marketing-technisch zwei Dinge oft besonders wichtig: Der Spitzname und die Einlauf-/ Walk On-Musik. Der Freudenstädter Robert Marijanovic hat da noch etwas Nachholbedarf. „Einen Spitznamen habe ich eigentlich nicht. ‚Nerd‘ war mal eine Idee, wegen der Brille. Oder ‚The Rock‘, ironisch gemeint“, erzählt der zweifache WM-Teilnehmer. Er habe sogar schon mal einen Aufruf auf Facebook gestartet, mit dem er einen passenden Nickname finden wollte. Etwas Passendes war allerdings nicht dabei. Und auch bei seiner Einlauf-Musik ist er sich nicht sicher. „Ich habe ‚Big Gun‘ von AC/DC, weil ich das mal auf dem Weg zu einem Turnier gehört habe und dann spontan gefragt wurde, welches Lied ich will“, erzählt der Freudenstädter. Bei der WM hätten Qualifikanten aber sowieso keinen eigenen Walk On-Song.

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10.12.2016, 01:00 Uhr

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