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Gehörten die aufgetauchte Hellebarde und das Horn dem letzten Empfinger Nachtwächter?
Dieses Bild zeigt das Kopfstück der übergebenen Hellebarde und das Signalhorn. Gehörten sie tatsächlich dem letzten Empfinger Nachtwächter?Bild: sei
Zwei Schätze für die Nachwelt?

Gehörten die aufgetauchte Hellebarde und das Horn dem letzten Empfinger Nachtwächter?

Anton Deuringer sind kürzlich zwei alte Gegenstände übergeben worden, die nun im Empfinger Rathaus oder im Heimatmuseum eine neue Bleibe finden können. Es soll sich dabei um die Hellebarde und das Horn des letzten Empfinger Nachtwächters, August Hiener, „Gomperle“ genannt, handeln.

07.11.2015
  • Reinhard Seidel

Der Name „Gomperle“ taucht in einem uralten Empfinger Lied auf, in dem heißt es unter anderem: „I schtand uff Gomperles Mischte, schau übers Gschpäna Haus…“. Hiener hat in der Dettenseer Straße gewohnt. Außerdem ist Hiener mit Hellebarde und Horn im Empfinger Heimatbuch von 1972 auf Seite 176 unter der Überschrift „Verlorene Dorfgeselligkeit“ verewigt worden (siehe rechts) .

Vergleicht man nun aber die aufgetauchte Hellebarde und das Horn mit der Abbildung, so könnte tatsächlich das Signalhorn von Hiener stammen. Die Hellebarde jedoch sieht anders aus. Hier kann nur spekuliert werden. Hatte Hiener nicht nur eine Hieb- und Stichwaffe? Stammt sie nicht von ihm? Ist sie früher oder später entstanden? Es darf noch geforscht werden. Vielleicht kann auch ein Leser einen wertvollen Hinweis geben.

Der mittlerweile gestorbene Heimatforscher und Autor Georg Walter, er ist der Vater von Roland Walter, dem Chef der Vereinsgemeinschaft und Sprecher des heutigen Heimatkreises, schrieb 1972 im Heimatbuch über den letzten Empfinger Nachtwächter folgendes: Wir wollen den Gang durch unsere heimatkundliche Betrachtung nichtbeenden, ohne noch einen Blick zuwerfen auf die Zeit der Dorfgeselligkeit und Gemütlichkeit, in der noch Orginale geboren wurden, die leider in unserem Atomzeitalter nicht mehr gedeihen können und uns dadurch ein gutes Stück an Volkspoesie verloren ging.

Wohlbehütet wurden die Bürger von dem Nachtwächter, der bei drohender Gefahr sein „Helfio“, „Feurio“ oder gar „Mordio“ in die Nacht hinaus rief. Nur zu gern erinnert sich die ältere Genartion an den letzten Nachtwächter: August Hiener, zu dessen Tätigkeit das Abbieten der Polizeistunden in den Wirtschaften sowie das Verbieten, wenn Missetäter die Ruhe und Ordnung störten, gehörten.

Wenn er gegen Mitternacht im Wirtslokal erschien, eingehüllt in seinen grauen Dienstmantel mit Pelzmütze, Laterne und Horn und streng dienstlich „Meine Herren, die Polizeistunde ist vorüber“, gebot, wußte man, dass dieses Gebot „unter Umständen“ kein Ultimatum war, denn es tat ihm selbst leid, oftmals so eine nette Gesellschaft stören und zerstreuen zu müssen. Unter solchen Umständen gönnte er sich manchmal selber etwas Ruhe und wenn er dann dem letzten Gast auf den Rücken geschaut hatte, konnte er anderntags seiner dienstlichen Obrigkeit melden, daß alles in Ruhe und Ordnung verlaufen sei.

Sein Dienst dauerte sommers von nachts zehn bis morgens drei Uhr. In den Wintermonaten von abends sieben bis fünf Uhr morgens. Die Stunden hatte er während seiner Dienstzeit auszurufen, noch lange als die Kirchenuhr längst die Stunden schlug.

Sein Amt versah August Hiener ganz besonders liebevoll in der Silvesternacht. Schlag 12 Uhr Mitternacht sang er auf dem Marktplatz sein „Hört ihr Leut und lasst euch sagen …“. Von dort trat er seine Runde an und sang an verschiedenen Plätzen, wobei er jedesmal nach Beendigung seines Liedes, das ungezählte Strophen aufwies und großteils seiner eigenem Phantasie entsprang, zwölf Mal in sein Horn blies. Natürlich konnte er nicht überall auf einmal sein und so tutete er noch bis in die Morgenstunde seine zwölf Töne in das neugeborene Jahr hinein.

Aus einer in der Gemeinde-Registratur vorgefundenen Verhandlungsniederschrift geht hervor, dass vor 1900 das Amt des Nachtwächters sehr ernst genommen wurde. Nach der Wahl, die von den Gemeinderäten und dem Bürgerausschuß vorgenommen wurde, mußte sich der Nachtwächter beim Oberamt in Haigerloch vorstellen, wobei er vereidigt wurde. Es wurde ihm zur Pflicht gemacht, jedes polizeiwidrige Verhalten sofort zur Anzeige zu bringen. Hauptsächlich habe er „verdächtige Häuser, aufgehendes Feuer oder Straßenunfug zur Nachtzeit sofort ins Auge zu fassen und zu melden“. An bestimmten Stellen des Ortes hatte er die Stunden auszurufen. Später wurde es ihm freigestellt, anstatt der Stunden auszurufen, mit einem Horn zu blasen, jedoch hatte er das Horn selbst zu stellen. Für den Betrieb seiner Laterne standen ihm jährlich zwei Liter Erdöl zu Verfügung. Sein jährlicher Lohn waren achtzig Mark, zwei Raummeter Scheiterholz und fünfzig Reisigwellen.

Getreu und gewissenhaft tat August Heiner bis wenige Jahre vor seinem Lebensende seine Pflicht. Im Alter von 91 Jahren starb er am 5. Juni 1936.

Gehörten die aufgetauchte Hellebarde und das Horn dem letzten Empfinger Nachtwächter?
August „Gomperle“ Hiener, der letzte Nachtwächter von Empfingen. In der Hand hält er eine Hellebarde, um den Hals hängt sein Signalhorn.Repros: wbr

Gehörten die aufgetauchte Hellebarde und das Horn dem letzten Empfinger Nachtwächter?
Im Jahr 1959 feierte der Empfinger Musikverein vom Samstag, 11. bis Montag, 13. Juli, das „Musik und Heimatfest“ anlässlich 400 Jahre Volksmusik und 400 Jahre Zugehörigkeit zu Hohenzollern. Beim Kinderumzug mimte ein Junge im dunklen Mantel mit Hellebarde, Horn und Laterne den letzten Empfinger Nachtwächter.

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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