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Debatte bei der Grünen Jugend

Geht’s nicht eine Nummer kleiner?

Bei der Landesversammlung der Grünen Jugend in Tübingen musste sich Boris Palmer kritische Fragen zu seinen Medienauftritten anhören – und warb dafür, Heikles nicht zu verschweigen.

07.11.2016
  • Wolfgang Albers

Perfekt gerechnet war das nicht, aber in der Tendenz stimmte die Kalkulation schon, die Boris Palmer aufmachte: „Der Beifall für mich steht bei einem Prozent, verglichen mit dem für Chris Kühn.“ Tübingens grüner OB und der Grünen-Bundestagsabgeordnete waren zu Gast auf der Landesmitgliederversammlung der Grünen Jugend. Übers Wochenende hatte die in der Waldorfschule getagt, und am Sonntagmorgen sollten die beiden Grünen-Promis ins Streitgespräch kommen.

Eigentlich war es aber eher – ein Tribunal? Eine Rechtfertigungsstunde? Schnell zeigte sich: Es ging eigentlich nur um Boris Palmer und seine medialen Auftritte. „Boris, geht es nicht manchmal eine Nummer kleiner?“, fragte – unter heftigem Applaus – Lena Schwelling, die Landessprecherin der Grünen Jugend.

Blonde Professorentöchter, Schießbefehl für Grenzer, Wir-schaffen-das-nicht, jetzt noch Verständnis für die AfD – Boris Palmer hat etliches gesagt, was gegen den grünen Konsens geht. Oder: Er soll es gesagt haben.

Das war gleich der Punkt, auf den Boris Palmer zusteuerte: „Immer wird ein einzelner Satz skandalisiert.“ Und aus dem Zusammenhang gerissen. Zum Beispiel das mit den Grenzern. Da hätten ihn die Journalisten geradezu in die Antwort getrieben, dass zur Sicherung der Grenzen auch Grenzer mit Waffen gehören: „Alle Grenztruppen haben Waffen. Das ist doch trivial. Aber deshalb habe ich doch nicht einen Schießbefehl gefordert.“ Aber so sei halt das Mediengeschäft: „Die Agenturen ziehen die Sätze raus, die am meisten Klicks bringen. Und du hast hinterher ein Problem.“

Das Palmer-Prinzip nannte Lena Schwelling das: Hinterher sage er, er werde verkürzt wiedergegeben. „Aber“, so ihr Einwand: „Du bist doch medienerfahren genug.“ Könne man da nicht vorsichtiger werden in den Äußerungen?“

„Kann ich schon“, sagte Boris Palmer: „Aber da habe ich überhaupt keinen Bock drauf. Das wird dann ein Politikersprech, das sich überall absichert. So eine Plastiksülze ist Gift für die Demokratie – das mach ich nicht, das will ich nicht.“ Auch wenn er dabei mal Fehler mache: „Klar, das mit den blonden Professorentöchtern war Unsinn.“

Was also tun? Chris Kühn wünscht sich mehr positive als negative Wortmeldungen. Also nicht über Obergrenzen reden, sondern über Willkommenskultur: „Da hat Tübingen unfassbar Großartiges geleistet. Damit hättest du bundesweit laufen sollen, als OB, der das hinkriegt.“

Ja, ein Wir-Schaffen-es-nicht sei nur erlaubt, wenn man alles tue, um es zu schaffen, sagt Boris Palmer: „Aber Schwarzmalerei war das nicht. Wären weiterhin so viele Flüchtlinge zu uns gekommen, dann hätten wir neben dezentralen Wohnungen auch Container-Unterkünfte. Wir sind in vielen Punkten am Anschlag gewesen – und das zu benennen, ist meine Pflicht als OB.“

Nicht darüber zu reden, sei eine Diskursblockade: „Es funktioniert nicht, Lösungen zu finden, ohne vorher das Problem zu beschreiben.“ Das werde er weiter tun, auch wenn er dafür ausgegrenzt oder als Rassist beschimpft werde: „So bin ich halt – ich nehme den Streit auf mich und steh ihn durch.“

Aber einen Wunsch an den Parteinachwuchs hat Boris Palmer, der immer wieder für den Mut zur Debatte und Toleranz mit unbequemen Ansichten plädierte, doch. Gerade im Hinblick auf die Klage einer jungen Wahlkämpferin: „Mach uns die Arbeit nicht zu schwer. Es ist nicht unsere Aufgabe, deine Aussagen zu rechtfertigen.“ Sein Wunsch also: Man möge bei Schlagwort-Debatten „zumindest innerparteilich auf den Ursprungstext zurückgehen“. Und am Wahlkampfstand müsse niemand ihn rechtfertigen. „Sagt einfach: Wir haben Streit in der Sache, aber er ist kein Rassist, wie ich auch von Grünen immer wieder genannt werde. So etwas hilft nur den wirklichen Rassisten.“

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07.11.2016, 01:00 Uhr

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