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Naher Osten

„Geistiger Nährboden für Radikale“

Wie geht es mit den Krisenherden Syrien und Irak weiter und was bedeutet das für Europa? Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler und UN-Experten Wilfried Buchta.

29.12.2016
  • VON MARTIN GEHLEN

Kairo. Die nahöstliche Staatenwelt bewegt sich in Richtung Auflösung. Sie befindet sich in einem gesellschaftlichen, politischen und staatlichen Zersetzungsprozess. Die Konflikte in Syrien, Irak und weiteren Ländern werden andauern, wahrscheinlich für die nächsten Jahre und Jahrzehnte.

Herr Buchta, Europa und die USA schauen dem Gemetzel in Syrien ohnmächtig zu, was viel Kritik ausgelöst hat. Was ist falsch gelaufen in der westlichen Syrienpolitik?

Wilfried Buchta: Wir hatten immer ein falsches Bild von der Gesamtlage im Nahen Osten, von dem Zustand dieser Staaten, von dem Charakter dieser Regime und vom Charakter der islamischen Gesellschaften. Es galt lange die Maxime, man könne durch wirtschaftliche Kooperation diese Staaten stabilisieren und dafür im Gegenzug politische Reformen einfordern. Diese Illusionen gehen jetzt nach und nach zu Bruch. Das wird dazu führen, dass wir bescheidener und realistischer werden. Wir müssen uns darüber klar werden, Militärinterventionen verschlimmern nur bestehende Übel. Die westliche Demokratie hat in den meisten islamisch geprägten Nahoststaaten keine Wurzeln geschlagen. Wir müssen uns mit den unguten Realitäten der Region abfinden, so schwer es uns fällt. Morsche Staaten, die nur durch Sicherheitsapparate zusammengehalten werden, sind dazu verdammt, sich selbst zu zerstören. Wir können nur noch humanitäre Hilfe leisten für bestimmte, in Not geratene Bevölkerungsgruppen.

Sie haben ein Buch über Fundamentalismus im Nahen Osten geschrieben und kritisieren darin vor allem die von Saudi-Arabien finanzierte Salafistenmission. Wie stark hat dies zu der Explosion des Nahen Osten beigetragen?

Der Salafismus, der seit Jahrzehnten von den Staaten der Arabischen Halbinsel gefördert wird, hat den traditionellen, konservativen Volksislam schwächer und schwächer gemacht. Dadurch ist die politische und kulturelle Pluralität der Region stark geschrumpft. Der Sufi-Islam ist teilweise ausgerottet worden, andere tolerantere und moderatere Formen des Islam wurden an den Rand gedrängt. Daraus ist ein geistiger Nährboden entstanden für Radikale wie Al-Kaida und den IS. Für diesen Trend in der islamischen Welt und auch unter Muslimen in Europa ist vor allem Saudi-Arabien mit seiner Missionsarbeit verantwortlich.

Nach Erkenntnissen von BND und Verfassungsschutz fördern Missionsbewegungen aus Saudi-Arabien, Kuwait und Katar religiöse Eiferer in vielen deutschen Städten. Wie sollte Deutschland reagieren?

Jedes Jahr fließen Milliarden an saudischen Petrodollars an solche Gruppen. Die meisten Staaten Europas, insbesondere aber Deutschland, treten diesen Tendenzen nicht entschieden genug entgegen. Das wird uns noch teuer zu stehen kommen. Nicht alle Salafisten sind gewaltbereit. Aber ihr orthodox-militantes Milieu ist eine Vorstufe zum Dschihadismus, wobei die ideologischen Grenzen zwischen Salafisten und Dschihadisten fließend sind. Daher ist es naheliegend, dass ein Teil dieser Leute in das Umfeld von Al-Kaida und IS gerät. Die Salafisten sind, obwohl gering an der Zahl, überproportional gefährlich.

Wie wird der Nahe Osten in zehn Jahren aussehen? Auf was muss sich Europa als nördlicher Nachbar einstellen?

Die wirtschaftliche Lage in den meisten Ländern ist desaströs und wird es bleiben. Überall in der Region droht eine demographische Explosion. In Staaten wie Irak, Iran oder Ägypten hat sich die Bevölkerung in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt, diese Tendenz hält an. Die jungen Leute werden immer unzufriedener und rebellischer. Die machthabenden Eliten dagegen sind durch die Bank egoistisch, verantwortungslos, korrupt und teils sogar offen kriminell. Statt auf Reformen und demokratische Öffnung setzten sie fast überall auf harte Repression. Das Ergebnis ist katastrophal: ein kulturelles und gesellschaftliches Klima, das von Hoffnungslosigkeit, Frustration und zunehmender Gewalt bestimmt ist. Europa muss sich auch in den kommenden Jahren nicht nur auf wachsende Flüchtlingsströme aus dem Nahen Osten und aus Afrika einstellen. Es wird wohl auch zunehmend zum Aktionsfeld dschihadistischer Terroristen, die die Konflikte in ihren Heimatstaaten zu uns tragen.

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29.12.2016, 06:00 Uhr

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