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Die Aussicht auf schnelles Geld zog

Gemeinderat billigte Kreuzerfeld-Quartierszentrum beim Sportplatz, falls Stadt ins Förderprogramm

Etliche Ratsleute fühlten sich überrascht, überrollt und nicht glücklich, trotzdem beschlossen sie am Dienstagabend mit großer Mehrheit, das „Haus der Nachbarschaft“ für die Kreuzerfeld-Siedlung beim Sportplatz zu bauen. Grund und zugleich Voraussetzung für die Realisierung: Vom Bund erhielte die Stadt 45 Prozent, also 519 000 Euro Zuschuss.

11.11.2015

Von Gert Fleischer

Rottenburg. Über den Standort für diesen Stadtteiltreff streiten sich die Bürgerinitiative „Haus der Nachbarschaft“ – inzwischen wurde ein Förderverein daraus – und die Stadtverwaltung schon länger. Die Bewohner des Neubaugebiets „Kreuzerfeld-Süd“ hätten das Zentrum gern auf dem großen Grundstück 12608 beim südlichen Spielplatz und damit mitten im Wohngebiet. Die Stadt ginge damit lieber an den Sportplatz, der am nordwestlichen Eck von „Kreuzerfeld-Süd“ liegt.

Argumente und Gegenargumente lassen sich für beide Standorte finden. Eines der stärksten für die Stadt ist es, dass sie das etwa 3500 Quadratmeter große Grundstück 12608 für Wohnzwecke verkaufen und dabei um die 880 000 Euro erlösen könnte. Fast gleich viel, nämlich 890 000 Euro hat sie als Baukosten für den „Quartier- und Nachbarschaftstreff Kreuzerfeld“ kalkuliert. Weitere 265 000 Euro würde die Sanierung des Sportplatzes kosten. Zusammen gäbe es 519 000 Euro Zuschuss. Das Grundstück, auf dem der Sportplatz liegt, hat die Stadt von der Hospitalstiftung Rottenburg gepachtet.

Einen weiteren Vorteil beim Sportplatz-Grundstück sieht die Stadt in seiner Nähe zu den allerdings auf der anderen Seite der Weilerstraße gelegenen Kreuzerfeld-Schulen: Jugendcafé, Schülerhort und das Büro der Schulsozialarbeit hat sie in ihrem Projektantrag mit drin.

Der Förderverein sieht den Vorteil von Grundstück 12608 in seiner Zentralität mit der dadurch gegebenen sozialen Kontrolle, in seiner sicheren Erreichbarkeit ohne zu überquerende Durchgangsstraße und in seiner mehr Gestaltungsraum bietenden Größe.

Schon in der Bürgerfragestunde der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend sorgte sich Hans Schweizer, Elternbeiratsvorsitzender der Kreuzerfeld-Grundschule, ob der Plan, den Hort der Grundschule in den Quartierstreff zu verlegen, eine Weichenstellung dafür sei, künftig nicht nur Sport- und Bewegungsangebote, sondern auch die Betreuungsangebote des Ganztagsbetriebs am Sportplatz anzusiedeln. Schweizer: „Für einen Ganztagesschulbetrieb ohne Reibungsverluste scheint es uns Eltern wenig sinnvoll, dass Grundschüler einen 450 Meter langen Fußweg von den Unterrichtsräumen zu den Ganztagsangeboten zurücklegen.“

Das Förderprogramm, antwortete Oberbürgermeister Stephan Neher, biete die Chance, den Hort im jetzigen Provisorium auf dem DHL-Gelände nicht zur Dauereinrichtung werden zu lassen. Der Nachbarschaftstreff sei „nicht in Konkurrenz zu sehen zur Ganztagsbetreuung an der Schule“.

Es war Jörg Bischof (Grüne), der sich „etwas überrollt“ fühlte. Seine Fraktion hätte noch Gesprächsbedarf gehabt, aber auf so viel Geld zu verzichten wäre fahrlässig. Ein „dringendes Anliegen“ sei es den Grünen aber, dass die Schulsozialarbeit in der Schule eingerichtet wird. So sah es auch Hermann Josef Steur (SPD): „Schulsozialarbeit gehört eindeutig zur Schule.“ Wenn das sichergestellt werden kann, sei es gut.

Für den Nachbarschaftstreff sei das Grundstück 12608 besser gelegen, so Steur. Jugendlichen gefalle vermutlich eher die Sportplatz-Lösung. Über das gesamte Konzept müsse noch mal gesprochen werden. Das sei möglich, verwies der OB auf die Sitzungsvorlage. Dort ist von „Weiterentwicklung“ auch nach Einreichen der Projektanträge die Rede. Eine „generelle Veränderung“ aber sei ausgeschlossen.

Emanuel Peter (Linke) bezeichnete den städtischen Plan als „Griff in die Trickkiste, um möglichst viel Geld für die Sanierung des Sportplatzes „abzugreifen“, wie er das Vokabular des OB benutzte. Nach seinen Informationen habe die Schulleitung der Stadt „mehrfach deutlich gemacht, dass die Schulsozialarbeit aufs Schulgelände gehöre. Peter drängte darauf, dass die Verwaltung eine „partnerschaftliche Lösung“ mit der Schule anstrebt. Neher sagte, die Stadt akzeptiere, dass die Schulsozialarbeit in die Schule komme, „da braucht man gar keine Front aufzubauen“.

Peter begrüßte es, dass die Stadt „endlich den Bedarf nach einem soziokulturellen Zentrum anerkennt“. Dies sei der Bürgerinitiative zu danken. Den Standort am Sportplatz allerdings lehne die Linke ab, weil Grundstück 12608 deutliche Vorteile böte für Senioren und Eltern mit kleinen Kinden.

Hermann Sambeth sagte für die CDU, es solle zügig geplant werden. Erhalte die Stadt den Zuschlag für die Förderung, könne man den Entwurf nochmal im Detail durchplanen. Nehle Betz (JA)sagt: Wir finden es grundsätzlich gut, dass dort oben Jugend stattfinden soll.“ Alfons Heberle nannte die Straße vorm Sportplatz „sehr gefährlich“, während Simon Wipper (WiR) mehr das Positive dieser Lösung beachtet haben wollte: Das Lärmproblem sei bei Randlage geringer. Zudem werde weniger Verkehr ins Wohngebiet „Kreuzerfeld-Süd“ gezogen.

Bei vier Gegenstimmen wurde der städtische Antrag bewilligt.

An der Hangoberkante oberhalb des Sportplatzes und gegenüber der Kreuzerfeld-Randbebauung soll das Quartierszentrum nach Plänen der Plus + Bauplanung GmbH Neckartenzlingen gebaut werden. Bild: Fleischer

Am 5. Oktober gab Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, den Start frei für das Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur“. Mit 100 Millionen Euro sollen von 2016 bis 2018 „investive Projekte mit besonderer, auch überregionaler, Bedeutung und mit sehr hoher Qualität im Hinblick auf ihre Wirkungen für die soziale Integration in der Kommune und/oder zum Klimaschutz, mit überdurchschnittlichem Investitionsvolumen oder mit hohem Innovationspotenzial gefördert werden“, heißt es im Projektaufruf.
Es handelt sich um ein einmaliges Programm, das als Teil des Zukunftsinvestitionsprogramms der Bundesregierung mit dem ersten Nachtragshaushalt verabschiedet wurde. Kommunen, die über geeignete Projekte verfügen, müssen bis zum 13. November, also bis morgen, Projektskizzen vorlegen.

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Erstellt:
11. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. November 2015, 12:00 Uhr

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