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Leitartikel zum Terror in Russland

Gemeinsamer Feind

In Russland wird zurzeit alles Mögliche mit Korruption gleichgesetzt. Auch der Terror: Eine Oppositionszeitung machte überteuerte, jedoch nicht funktionierende Metalldetektorrahmen in der Petersburger Metro für die 14 Toten bei dem Bombenanschlag am Montag verantwortlich. Ihr Produzent soll im Gegensatz zur Konkurrenz eine Lizenz des Staatssicherheitsdienstes FSB besessen haben.

06.04.2017
  • Stefan Scholl

Das riecht nach Schmiergeld. Aber es ist dumm zu glauben, die 325 Detektorrahmen hätten die Petersburger Metro schützen können. Würden die Bedienungsmannschaften bei 2,7 Millionen Passagieren am Tag jeden Fahrgast mit Metall im Gepäck kontrollieren, der Betrieb kollabierte schlicht.

Feuerlöscher verwandeln sich in Höllenmaschinen, Schwerlaster in Schlachtwalzen, Maschinenpistolen aber bleiben Maschinenpistolen, der Terror hat seine eigene Multikultur entwickelt – Europa muss sich daran gewöhnen, dass er den zivilen Alltag ständig bedroht. Auch wenn Russland die EU propagandistisch bekriegt, der islamistische Terror ist ein Feind, den man gemeinsam bekämpfen sollte. Wobei die Europäer die russischen Antiterrorkrieger fragen sollten, ob ihre Taktik wirklich hilft, syrische Rebellen-Ortschaften blind mit Fassbombenteppichen zu belegen? Und ob Giftgas aus den Überlebenden wirklich friedliche Menschen macht?

Der blutige Knall in Petersburg war für Russland schmerzlich. Er zerriss die selbstgerechte Gewissheit vieler Hurra-Patrioten, solange der eigene Polizeistaat nur hart genug zupacke, sei man vor Anschlägen gefeit – im Gegensatz zum liberalen Westen.

Es knallte in Wladimir Putins Heimatstadt, ausgerechnet an einem Tag, an dem er selbst hier Hof hielt und Petersburg voll mit Sicherheitsbeamten war. Eine staatssicherheitliche Blamage. Mehrere Oppositionelle verkündeten prompt, der Kreml wolle den Terrorschlag zum Anlass nehmen, sie noch mehr zu unterdrücken. Sie irren gründlich.

Die Staatsmacht bemühte sich nach dem Attentat um Alltagsgeschäftigkeit. Etwas krampfhaft. Ein Anziehen der Daumenschrauben war nicht zu bemerken. Premierminister Dmitri Medwedew äußerte sich nach Wochen endlich zu den Korruptionsvorwürfen des Oppositionspolitikers Aleksei Nawalny auf Youtube. Das Alltagsgeschäft wird immer häufiger mit Korruption gleichgesetzt. Statt des Kremls scheint plötzlich Nawalny die Überschrift der politischen Agenda zu diktieren: Antikorruption.

Jetzt bläst das Regime zum Gegenangriff. Nach Zeitungsberichten sollen die Provinzverwaltungen am Sonntag Kundgebungen gegen den Terror organisieren, vor allem in den Städten, in denen zwei Wochen zuvor die Leute gegen die Korruption auf die Straße gegangen sind. Ein Sprecher Putins dementierte sofort, dass der Kreml irgendetwas organisiere, das Volk selbst konsolidiere sich…

Es sieht trotzdem so aus, als wolle die Staatsmacht den Anschlag für ihre Zwecke nutzen. Das wirkt zynisch. Aber „Kampf gegen den Terror“ ist eine Parole, die Russlands Obrigkeit zurzeit viel mehr passt als „Kampf gegen die Korruption“.

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06.04.2017, 06:00 Uhr

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