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Mehr Industriegebiete im Neckartal?

Gerangel um Gewerbeflächen: Rat vor schwerer Entscheidung

Der Tübinger Wirtschaft gehen die Flächen aus. Verwaltung und Gemeinderat überlegen, wo neue Gewerbegebiete ausgewiesen werden können. Im Gespräch sind vor allem Flächen im Neckartal. Doch dort befinden sich wichtige Trinkwasser- und Reservebrunnen. Und bei denen dürfe es „keine Kompromisse“ geben, warnen die Stadtwerke.

25.11.2014
  • Volker Rekittke

Tübingen. In der Universitätsstadt expandierten in den vergangenen Jahren viele Betriebe – die Zahl der verfügbaren Gewerbeflächen ging zurück. „Die Unternehmen der Region brauchen Platz. Sie müssen wachsen können“, sagt Christian Erbe, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen-Tübingen. Doch wo? Das neue Hochwasserschutzgesetz macht die Suche nicht leichter.

Gerangel um Gewerbeflächen: Rat vor schwerer Entscheidung
Was wird aus dem Trinkwasserbrunnen im Wasserschutzgebiet Au an der Eisenbahnstraße, wenn hier oder gleich nebenan Industrieflächen entstehen?Bild: Rekittke

„Boris Palmer steht jetzt vor dem Offenbarungseid“, sagt Bio-Bauer Peter Bosch: „Wird er als grüner OB im Wasserschutzgebiet Gewerbeflächen ausweisen?“ Der langjährige Stadtrat Bosch war von 1969 bis 2008 Betreiber des Sophienhofs, der mitten im Wasserschutzgebiet im Neckartal liegt. Bosch kennt das Land, er hat immer gegen „die Versiegelung dieses hervorragenden Ackerbodens“ gekämpft. Bosch kennt auch die städtische „Gewerbeflächenstrategie 2020“. „Vor allem im Neckartal sind größere Gewerbegebietsausweisungen noch denkbar“, heißt es in der Vorlage von 2012, für die OB Boris Palmer verantwortlich zeichnet. Genannt werden:

  • die 2,6 Hektar „Vor dem Großholz“, die sich östlich an den Hornbach-Markt anschließen,
  • >> die Traufwiesen, zwischen B 27 und Waldrand (5,2 Hektar)
  • >> sowie der westliche Teil des 12,2 Hektar großen Wasserschutzgebiets „Au“ (angrenzend an Möck).

Der Gemeinderat wird wohl noch vor der Sommerpause 2015 in das Planverfahren einsteigen, so die städtische Pressesprecherin Claudia Salden. Danach wird der Flächennutzungsplan beim Nachbarschaftsverband fortgeschrieben, samt artenschutzrechtlicher Überprüfung der potenziellen Gebiete. Im Anschluss beginnt das Bebauungsplanverfahren, wobei die Beteiligung der Öffentlichkeit „eine große Rolle“ spielen soll.

„Wenn im Tal immer mehr Fläche überbaut wird, kann sich immer weniger Grundwasser neu bilden“, gibt Peter Bosch zu bedenken. Der Grundwasserspiegel sinkt. Hinzu kommt: Die Traufwiesen wie auch die Fläche „Vor dem Großholz“ liegen in der Wasserschutzzone III A. Dort sind Industrie- und Gewerbegebiete verboten, sofern durch sie eine Gefährdung des Grundwassers zu befürchten ist. Und schließlich diene das Neckartal auch als Kaltluftschneise für die Tübinger Südstadt – wichtig für den Luftaustausch, auch angesichts der Feinstaubproblematik.

„Unter dem enormen Druck, Flächen auszuweisen, fängt man manchmal an zu tricksen“, sagt Bosch. Denn die Traufwiesen und das Großholz-Gebiet waren unter OB Eugen Schmid zu „Ausgleichsflächen“ für das damals umstrittene Industriegebiet „Neckaraue“ bestimmt worden. Bosch: „Wo will man nun den Ausgleich für den Ausgleich schaffen?“

Bei den Traufwiesen sei der längliche Zuschnitt „nicht ideal“, sagt der Tübinger Stadtplaner Tim von Winning. Wegen des gesetzlich vorgeschriebenen Abstands zum Wald und zur B 27 bliebe ein recht schmaler Streifen übrig, auf dem in die Höhe gebaut werden müsste. Für das Wasserschutzgebiet „Au“ spreche die Größe des „hervorragend geschnittenen“ Areals, die gute Verkehrsanbindung und die günstige Lage. Die „Au“ ist umgeben von Gewerbegebieten, wodurch Lärm und andere Emissionen kein größeres Problem darstellen sollten. Der größte Nachteil: Dort liegt ein Reservebrunnen „mit sehr guter Wasserqualität“, der für die Tübinger Trinkwasserversorgung einmal wichtig werden könnte (siehe Kasten).

„Es ist eine extrem schwierige Abwägung“, so von Winning. Grundsätzlich wäre es möglich, sowohl die Traufwiesen wie auch das Wasserschutzgebiet Au zu erschließen. Doch selbst eine nur teilweise Bebauung der Au würde bedeuten, dass das Wasserschutzgebiet aufgegeben werden müsste. Ein im Technischen Rathaus erstellter „Steckbrief“ prognostiziert denn auch „erhebliche Eingriffe in die Schutzgüter Pflanzen und Tiere, Boden, Wasser (Wasserschutzzone II und I), Klima und Landschaftsbild/Erholung“.

Ein Viertel des Tübinger Trinkwassers wird aus Brunnen im Neckartal gewonnen, drei Viertel kommen aus dem Bodensee. Sollte die Wasserversorgung aus dem Bodensee ausfallen – etwa durch einen Terroranschlag, einen Flugzeugabsturz oder andere Verunreinigungen – könnte Tübingen sich durch seine derzeit betriebenen sowie die Reservebrunnen vollständig selbst versorgen. „Die Brunnen im Neckartal sind für die Trinkwasserversorgung unabdingbar. Hier können keine Kompromisse zugunsten neuer Gewerbeflächen gemacht werden“, so Cornelia Szelényi, Sprecherin der Stadtwerke Tübingen. Auch der Au-Brunnen ist Teil des Konzeptes – für den Fall, dass das Wasser aus dem Bodensee einmal nicht durch die Pipelines fließen sollte.

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25.11.2014, 12:00 Uhr

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