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Der Mann für hundert Stunden

Gerhard Hocker wartet die Motorsegler

Über den Wolken kann es noch so herrlich sein. Um das Gefühl grenzenloser Freiheit richtig genießen zu können, müssen sich Piloten auf die Sicherheit ihrer Flugzeuge verlassen. Für die sorgt seit 1974 Gerhard Hocker, der selbst auch mit 81 Jahren noch gerne den Aufwind im Motorsegler sucht.

19.05.2012
  • Uschi Hahn

Der Beginn seiner Fliegerkarriere bedeutete für Gerhard Hocker eher Frust. „Meine Flieger haben immer gegautscht“, sagt der heute 81-Jährige über sein Jugendhobby, die Modellfliegerei. Im Nachkriegsdeutschland gab es ein Flugverbot. So mussten sich Hocker und fünf weitere flugbegeisterte junge Männer aus Kayh mit selbst gebastelten Flugzeugmodellen aus Balsaholz begnügen. Und Hockers Flieger hatten damals „halt nie den richtigen Schwerpunkt“, wie er heute weiß.

Kaum hatten 1950 die Amerikaner das Nachkriegsflugverbot in ihrer Besatzungszone aufgehoben, schlossen sich die sechs Kayher den Unterjesinger Segelfliegern an, die sie bei einem Modellflugtag kennengelernt hatten. Gebastelt wurde weiter. Denn Geld, um sich ein fertige Segelflugzeug anzuschaffen, war nicht da. Stattdessen baute sich der junge Fliegerverein einen Doppelsitzer. Die Tragflächen und das Leitwerk waren aus Holz, der Rumpf aus Stahlrohr.

Ein Jahr Arbeit am ersten Flugzeug

Ein Teil des ersten Unterjesinger Doppelraabs entstand sogar in einer Kayher Küche, wo die Gruppe um Hocker die Nasenrippen, den vorderen Teil vom Flügel also, produzierte: „Da hat man lauter kleine Stäble in eine Schablone gelegt und sie verleimt“, beschreibt der Fliegerveteran das Gemeinschaftswerk, bei dem er seine beruflichen Kenntnisse als Stuhlbauer gut einbringen konnte.

Die Tragflächen wurden dann in der Unterjesinger Kelter zusammengesetzt und bespannt. Den Stahlrohrrumpf indes haben die Flieger bei einem befreundeten Zimmermann in Rottenburg gebaut. Je ein Jahr arbeiteten die Hobby-Piloten damals an ihren ersten beiden Flugzeugen.

Parallel dazu machte Hocker seinen Traum vom Fliegen war. Nach 32 Ausbildungs-Starts durfte er zum ersten Mal alleine in die Luft, 1952 war das. „Das war, wie wenn man zum ersten Mal ein Auto ohne den Fahrlehrer lenken darf“, beschreibt Hocker das erhebende Gefühl.

Als größtes Highlight dieser Zeit wird dem Kayher aber die Einladung nach Spanien in Erinnerung bleiben. 1954 im Oktober fuhren er und drei andere Piloten im alten Käfer über die Pyrenäen zu einem dreiwöchigen, kostenlosen Fliegerurlaub. Eingefädelt hatte das der deutsche Aero-Club. Spanisch konnte keiner der vier deutschen Flugsportler. Die Verständigung habe dennoch geklappt – „mit Händen und Füßen“, wie sich Hocker erinnert.

Damals durften die Unterjesingen Flieger nur dann im Ammertal starten, wenn Felder und Wiesen abgeerntet waren. Stattdessen flogen sie in Kornwestheim oder auf dem Klippeneck am Albrand bei Denkingen los.

Erst 1972 taten sich die Unterjesinger mit den Flugsportlern aus Herrenberg zusammen, die damals bereits zwölf Jahre vom Flugplatz in Poltringen aus starteten. Seither bilden die beiden Clubs den Flugsportverein Ammerbuch. Ihr gemeinsamer Flugplatz ist mit einer Asphaltpiste so ausgebaut, dass Starts das ganze Jahr über möglich sind. Aber jeder Verein hat weiter seine eigenen Flugzeuge.

Im Jahr 1974 kauften sich die Unterjesinger Flieger ihren ersten Motorsegler – einen Falken. In Betrieb durften die Flieger aus dem Ammertal ihr neues Flugzeug erst, nachdem jemand die Motorwart-Prüfung abgelegt hatte. Der Jemand war Gerhard Hocker. Seither ist er Motorsegler-Wart. „Irgendjemand musste es halt machen“, begründet er seinen Job.

Zum Pflichtgefühl kam schnell der Spaß an der Verantwortung. Alle hundert Flugstunden, so sind die strengen Vorschriften, muss ein Motor-Segelflugzeug gewartet werden: Ölwechsel, Kerzenwechsel, Bremsen, Fahrwerk und Reifen überprüfen … „Man ist für die Sicherheit verantwortlich“, beschreibt der Hobby-Pilot seine Aufgabe, bei der er von zwei weiteren alten Flugsporthasen, Heinz Züfle aus Unterjesingen und Dieter Schiller aus Pfäffingen, unterstützt wird. Zu dritt seien sie bei jedem 100-Stunden-Check drei bis vier Stunden beschäftigt, berichtet Hocker.

In den knapp 40 Jahren Jahren, die er jetzt als Motor-Wart zuständig ist, haben die Unterjesinger Flugsportler bereits den vierten Motorsegler gekauft. Wenn er über das aktuelle Modell, eine Super-Dimona HK36 spricht, bekommt Hockers sonst sehr nüchterne Stimme einen fast zärtlichen Unterton.

Mit den selbst gebauten Flugzeugen der ersten Stunde haben die modernen Maschinen kaum noch etwas zu tun. Kunststoff hat längst das Holz ersetzt. Hocker trauert den Holzflugzeugen nicht nach. „Wollen sie heute noch in einem alten VW Käfer fahren“, fragt er rhetorisch und schüttelt den Kopf. Kunststoff sei leichter und leistungsstärker. Mit den neuen Maschinen könne man „viel besser über Land fliegen“. Nein, ein Nostalgiker ist Gerhard Hocker nicht.

Mit 81 braucht er noch keine Brille

Mit „der Dimona“ oder auch mit dem selbststartenden Segelflugzeug, dessen Mini-Motor in der Luft eingeklappt wird, geht Hocker noch immer gerne selbst in die Luft. Dass er dafür fit genug ist, bestätigt dem Rentner, der bis 1993 bei einem Polstermöbel-Hersteller als Meister gearbeitet hat, die alljährliche Untersuchung beim Flugarzt. Der 81-Jährige braucht noch nicht einmal eine Brille.

Rund fünf Stunden in der Woche verbringt Gerhard Hocker auf dem Flugplatz in Poltringen. Seine Frau, die vor zehn Jahren gestorben ist, teilte seine Flugleidenschaft nicht. Je einmal habe er sie im Segelflugzeug und im Motorsegler mitgenommen. „Das hat ihr keinen spaß gemacht“, sagt der Witwer mit Bedauern. Auch Tochter und Enkeltochter wollen von der Fliegerei nichts wissen.

Hocker selbst muss auf die Frage, was er am Fliegen so toll findet, nicht eine Sekunde überlegen: „Der Blick von oben ist einfach herrlich“, sagt er und schwärmt vom Schwarzwald, den Alpen, der Alb oder vom Bodensee. Zum Reiz der Vogelperspektive kommt für Hocker die spezielle Faszination beim Segelflug: „Das lautlose Gleiten, das Thermik-Suchen – und alles in der Hoffnung, dass man nicht absäuft“, beschreibt er die Mischung aus Genuss und Nervenkitzel.

Fehlt all das, findet Hocker auch das Fliegen uninteressant. Er, der kürzlich vom Baden-Württembergischen Luftfahrtverband für seine 60-jährige Mitgliedschaft mit der Wolf-Hirt-Medaille ausgezeichnet wurde, saß in seinem Leben erst ein einziges Mal in einer großen Verkehrsmaschine. Damals ging es in den Urlaub nach Kreta. Gerhard Hocker fand das Großraumerlebnis über den Wolken einfach nur langweilig.

Gerhard Hocker wartet die Motorsegler
Nach 100 Stunden in der Luft muss ein Motorsegler gewartet werden. Gerhard Hocker erledigt das seit 1974 mit Liebe und Akribie. Bild: Grohe

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19.05.2012, 12:00 Uhr

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