Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Den Säsack zum Reden gebracht

Geschichten von Kindheit und Arbeit, vom Flachs und vom Mosten

Im Kusterdinger Bürger- und Kulturhaus beim Klosterhof wurde gestern das jüngste Museum im Kreis Tübingen eröffnet. Ein Begleitbuch bringt die historischen Gegenstände zum Sprechen: So karg, aber auch so gesellig war das Leben und Arbeiten im Dorf.

26.10.2012
  • Ulrike Pfeil

Kusterdingen. Wer dieses Gebäude im Kusterdinger Ortsmittelpunkt für „altes Glomp“ hielt, das man am besten abreißen sollte, musste schon oft Abbitte leisten. Auch gestern wieder, als die Scheunentore des beispielhaft sanierten und ausgebauten „Klosterhofs“ für eine besondere Premiere offen standen: An schön gedeckten Tischen saßen erwartungsvolle Bürgerinnen und Bürger, um bei Kaffee, Kuchen und Most die Eröffnung der „Museumsstube“ zu feiern – und gleich einen Blick hineinzuwerfen.

Die „Stube“– sie wurde hier bereits ausführlich beschrieben – ist eine original erhaltene Wohnung, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert als „Ausgedingehaus“ diente. Dort zog sich ein nicht ganz armer Bauer aufs Altenteil zurück. Sie ist nun zeitgenössisch möbliert und ausgestattet mit Gegenständen, die der Klosterhof-Förderverein in den letzten Jahren gesammelt hat oder von Kusterdingern zugetragen bekam. Die Idee war, wie der Vereinsvorsitzende Wolfgang Liese-Grässer sagte, „das Leben um 1800 sichtbar zu machen“.

Weil man aber nur sieht, was man weiß, gibt es nun zu diesem Museum ein Begleitbuch, das entlang der Ausstellungsgegenstände mit vielen farbigen Bildern vom Lauf des Lebens „in der alten Zeit“ erzählt: Von Kindheit, Spiel und Schule, Heirat, Arbeit, Muße. Die Mähringer Journalistin Eleonore Wittke und der frühere Ortsarchivar Manfred Wandel ergänzten sich als Autoren – Wittke mit einfühlendem Erzählton, Wandel mit seiner großen Ortskenntnis.

„Das Leben beginnt in der Bettlade“, begann Manfred Wandel seine kleine Lesung zur Buchpräsentation (die Co-Autorin war wegen einer Erkrankung verhindert). Ein original Kusterdinger Bettgestell ist auch die jüngste Errungenschaft der Museumsstube: Das hölzerne Ehebett, vom Reutlinger Heimatmuseum langfristig ausgeliehen, steht nun im kleinen Schlafraum direkt an der Ofenwand, mit dem Nachttopf drunter und dem Kinderbettchen daneben. Hausgeburten waren üblich, meistens ohne Arzt, die Kindersterblichkeit war hoch. Die Kinder liefen im bäuerlichen Werktag mit. Waren sie unruhig, wurde ihnen ein in Most getunkter Leinenlappen in den Mund gesteckt.

Leinen und Most, lange die beiden wichtigsten Kusterdinger Produkte, nehmen einen größeren Teil des Buchs ein. Der lange, umständliche Weg von der Flachs- oder Hanfpflanze zum feinen oder groben Leinenstoff ist in einer ausführlichen Beschreibung von Adam Zeeb aus dem Gemeindearchiv nachzuverfolgen. Der „zweihäusige“ Hanf hatte frühe, „männliche“ Stengel und späte, „weibliche“, auch „Femmle“ genannt. Zum Hanfbrechen, mit dem die Faser vom Halm getrennt wurde, kamen die Frauen auf Brechplätzen beim Friedhof zusammen. Es war ein besonderer Tag geselliger Arbeit. Am Ende fuhr der Bauer einen Wagen voller Werg nach Hause, das Rohmaterial, das dann noch gerieben, gehechelt, geschwungen und gesponnen wurde, ehe es über die Haspel auf den Webrahmen kam. Um beispielsweise Stoff für einen Säsack abzugeben.

Auch das Mosten war ein Gemeinschaftsereignis, angefangen vom Schütteln und Auflesen der Äpfel und Birnen auf den Streuobstwiesen. Weil die Kinder überhaupt viel in der Landwirtschaft helfen mussten, setzte sich die Schulpflicht nur mühsam durch. Später aber wurde es in der Schule wichtig, ob man „erscht“ oder „letschd“ saß, also in der ersten Bank für die besten Schüler, oder in der letzten für die „Dummen“.

An dieser Stelle nickten ältere Zuhörerinnen, und auch, als von den Puppen die Rede war, die man „Dogga“ nannte, oder von der „Brotschaukel“ im Vorratskeller. Gar nicht so weit weg, die „alte Zeit“. Archivbilder: Sommer, privat

Info: Die Besichtigung der Kusterdinger Museumsstube ist nur nach Anmeldung möglich (Ansprechpersonen unter www.klosterhof-kusterdingen.de/Förderverein). Das Begleitbuch „Geschichte und Geschichten vom ländlichen Wohnen und Arbeiten in der alten Zeit in Kusterdingen“ gibt es bei Führungen oder über den Verein zum Preis von 5 Euro.

Geschichten von Kindheit und Arbeit, vom Flachs und vom Mosten
Stühle, Tische, irdenes Geschirr, alte Bilder: Im „Marmorsaal“, dem Wohnzimmer der neu eröffneten Museumsstube im Kusterdinger Bürger- und Kulturhaus beim Klosterhof, erläutert Wolfgang Liese-Grässer, der Vorsitzende des Fördervereins (rechts), den ersten Besuchern das Konzept der Sammlung. Links mit Fotoapparat Thomas Gollhardt, ebenfalls vom Förderverein, der die Herstellung des Museumsbuchs mit seinen Computerkenntnissen unterstützte. Bild: Pfeil

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

26.10.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball