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Arzt-Praxen sollen schließen

Gesetzentwurf hat statistische Überversorgung im Visier

Ist der Kreis Tübingen mit Ärzten überversorgt? Laut Statistik schon. Mehr als 50 Arztpraxen müssten in den kommenden Jahren geschlossen werden, würden die Vorgaben eines Berliner Gesetzentwurfs strikt umgesetzt. Doch es gibt etliche Hintertüren.

11.11.2014
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) schlägt Alarm. Ein Gesetzentwurf im Gesundheitsministerium sieht vor, die Zahl der Arztpraxen in den Regionen zu reduzieren, in denen der Versorgungsgrad über 110 Prozent liegt. Ziel des Gesetzes ist es, mehr Ärzte dazu zu bewegen, sich im ländlichen Raum niederzulassen, der unter Ärztemangel leidet. Dazu soll die Praxis-Dichte in Ballungszentren reduziert werden.

Im Kreis Tübingen wären neben den Hausärzten zahlreiche Facharztgruppen betroffen, wie Pressesprecher Kai Sonntag von der KV Baden-Württemberg auf Anfrage mitteilt (siehe: „Vom Augenarzt bis zum Neurologen“).

„Seit Jahren gibt es die Diskussion, dass die Versorgungsprobleme auf dem Land davon kommen, dass es zu viele Ärzte in der Stadt gibt“, so Sonntag. „Ärzte sind aber keine Schachfiguren, die sich hin- und herschieben lassen.“

Zudem seien die statistischen Vorgaben über das Verhältnis von Arzt und Einwohnerzahl in ihrer Absolutheit oft nicht geeignet, die Realität mit all ihren Besonderheiten abzubilden, sagt Sonntag. Ein Gynäkologe, der eine Kinderwunschpraxis betreibt, stehe nicht für die gynäkologische Allgemeinversorgung zur Verfügung. Er hat aber einen regulären Kassensitz inne. Ähnlich sieht es zum Beispiel mit Augenärzten aus, die sich auf Lasertherapien spezialisiert haben.

Bislang hat das Gesetz noch den Status eines „Referentenentwurfs“, zu dem jetzt die Länder und die Verbände gehört werden. Danach kommt es ins Kabinett und im Frühjahr 2015 ins Parlament. Über den Wortlaut und darüber, was genau es bewirken kann, wird aber bereits jetzt heftig gestritten.

Die Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium und Tübinger CDU-Abgeordnete Annette Widmann-Mauz bezeichnete die Stellungnahme der Verbände als „ziemliche Panikmache“. Die Regelung sehe Folgendes vor: Sobald ein Arzt in Ruhestand geht und seine Praxis an einen Nachfolger übergeben will, werde künftig die Versorgungslage geprüft. Wenn der Versorgungsgrad über 110 Prozent liege, soll die KV den Kassensitz zurückkaufen – außer es gebe zwingende Gründe für die Patientenversorgung, dass der Sitz erhalten bleibe. Für diese Prüfung sei ein Zulassungsausschuss zuständig, der sich paritätisch aus Krankenkassen und Ärzten zusammensetze. Den Ärzten reiche dabei eine Stimmengleichheit gegen die Kassen, sagte Widmann-Mauz. „Wenn die Ärzte sich einig sind, passiert nichts.“

Ein Argument, eine Praxis zu halten, könne zum Beispiel sein, dass in diesem Facharztbereich schon jetzt Patienten sehr lange auf Termine warten müssen. Auch wenn ein Angehöriger oder ein bis dahin in der Praxis angestellter Arzt die Praxis weiterführen will, wird der Bestand garantiert. „Es gibt eine Vielzahl von Ausnahmen“, so Widmann-Mauz.

Gesetzentwurf hat statistische Überversorgung im Visier
Medizinische Überversorgung? Noch machen die Wartezimmer ihrem Namen alle Ehre – hier ein Blick in den Wartebereich der Tübinger Kinderarztpraxis Barner und Asenbauer. Geht es nach einem neuen Gesetzentwurf, dürfte das Zimmer demnächst noch voller werden. Bild: Metz

Im Kreis Tübingen gelten laut Statistik folgende Facharzt-Bereiche als überversorgt (in Klammer die Zahl der Kassensitze, die gestrichen werden sollen): Augenärzte (4 von 13), Chirurgen (5 von 10,5), Frauenärzte (4 von 24), HNO-Ärzte (1 von 8), Hautärzte (5 von 10), Kinderärzte (4 von 14), Nervenärzte (6 von 14), Orthopäden (1 von 10), Urologen (1 von 5).
In der hausärztlichen Versorgung ist der Kreis in zwei Statistik-Bezirke eingeteilt. Im Bezirk Tübingen gäbe es demnach 13 Hausärzte zu viel, der Bezirk Rottenburg ist laut Statistik nicht überversorgt. In der Region Neckar Alb sind 25 fachärztliche Internisten auf der Streichliste, 9 Anästhesisten und ein Radiologe. Eine Sondersituation gibt es bei den Psychotherapeuten. Wie viele Ärzte pro Einwohner notwendig sind, das ist bundesweit einheitlich, je nach Fachrichtung, festgeschrieben vom Gemeinsamen Bundesausschuss, einem paritätisch besetzten Gremium aus Krankenkassen und Ärzten. Das Arzt-Einwohner-Verhältnis wird auch als Versorgungsgrad bezeichnet. Überversorgt gilt eine Region, wenn der Versorgungsgrad bei über 110 Prozent liegt.

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11.11.2014, 12:00 Uhr

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