Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Gestatten, Trickfilm!
„Herr Rossi sucht das Glück“ und sein Schöpfer Bruno Bozzetto wird in Stuttgart gefeiert. Foto: ITFS
Kino

Gestatten, Trickfilm!

Von „Signor Rossi“ bis zur Apokalypse: Grenzenlos animiert präsentiert sich das so populäre wie ambitionierte Stuttgarter Festival.

29.04.2017
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Stuttgart. Die kleinen Dinge, die unter der verborgenen Bodenklappe hausen. Erinnerungen, die beim Entrümpeln eines Hauses lebendig werden. Drei Freunde, denen die Köpfe vertauscht werden, was zu überraschenden Einsichten führt. Ein Hund und eine Katze, die am Flughafen aufeinandertreffen und sich an ihre unglückliche Liebelei erinnern . . .

Das sind nur einige der Protagonisten, die beim Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart (ITFS) von Dienstag an auf der Leinwand zu Leben erwachen. Geschichten und Figuren aus allen Ländern, aus allen Lebenslagen, aus realen und fantastischen Welten – der Fantasie der Animationskünstler ist keine Grenze gesetzt. So klingt das Motto der 24. Auflage des ITFS äußerst passend: „Animation without borders“.

Grenzenlose Animation, das ist zunächst ganz konkret zu nehmen. Trickfilmer von allen Kontinenten zeigen ihre Werke, es gibt ein „Arab Animation Forum“ und „Crazy Horse Sessions“ mit Teams aus Ägypten, den USA und Großbritannien, eine Werkschau gilt der kroatischen Animationsszene, und in persona wird Bruno Bozzetto, der Vater von Signor Rossi, gefeiert.

„In einer Zeit, in der wieder mehr über Grenzen als deren Überwindung gesprochen wird, gilt es für ein Festival mit internationaler Ausrichtung noch mehr zu verdeutlichen, wofür die Kunst der Animation steht: für Offenheit und Universalität, Kommunikation und Austausch“, betonten die ITFS-Geschäftsführer Dittmar Lumpp und Ulrich Wegenast. Trickfilm ist für die beiden ein Medium der „Entgrenzung und der Erweiterung“. Animation mache unterschiedliche Kulturen sichtbar und sei eine globale Bildsprache.

Auch technische Grenzen weichen auf, wenn die Welten des Animationsfilms mit denen der Computerspiele und Virtual Reality verschmelzen, wenn die Schnittstellen zwischen Spiel, Technologie und Gesellschaft untersucht werden. Dazu passen die Kooperationen des ITFS ins Bild: mit der Internationalen Konferenz für Animation, Effekte, Spiele und Transmedia (FMX), dem Animation Production Day und dem Werbefilm-Festival Spotlight, die in der kommenden Woche in Stuttgart stattfinden.

1772 eingereichte Filme, 85 000 erwartete Besucher: Das ITFS wächst weiter, wenn auch nicht grenzenlos. Insgesamt werden 70 000 Euro Preisgeld vergeben, vom renommierten Internationalen Wettbewerb bis zum Deutschen Animationssprecherpreis. Für den sind Anja Kling (als Mathilda in „Angry Birds“), Alexandra Maria Lara (Roswitha in „Sing“) und Friedrich von Thun (Hasenlehrer Eitelfritz in „Die Häschenschule“) nominiert.

50 Stunden Open Air

Auch räumlich dehnt sich das Festival in Stuttgart noch aus. Wie immer schlägt das Herz des ITFS in und um die Innenplatz-Kinos und auf dem Schlossplatz, wo 50 Stunden Open-Air-Unterhaltung geboten werden. Die „GameZone“ ist erstmals auf 2000 Quadratmetern im Kunstgebäude beheimatet. Mit dabei sind auch das Gerber-Einkaufszentrum, die Wilhelma und das Mercedes- Benz-Museum. Die Breuninger- Fassade am Marktplatz dient erneut als „Wall of Animation“.

Die Film-Sektionen glänzen mit Geschichten, wie sie eben nur der Animationsfilm dank seiner originären Techniken und Bilder-Möglichkeiten erzählen kann: wenn mit Zeiten und Orten und Dimensionen jongliert wird, wenn Dokumentarisches und Artifizielles ineinandergreifen, wenn mit Stift und Knete, Puppen, Papier und Pixel Welten und Leben erschaffen werden. Das Spektrum reicht vom anzüglichen 25-Sekunden-Knaller „How to have a romantic date“ im Kurzfilm-Wettbewerb bis zum mehr als zweistündigen japanischen Anime-Opus „In this corner of the world“.

Man schaue und staune also. Wie etwa der Brite Ross Hogg in vier Minuten „Life Cycles“ Alltagsbanalitäten, den Wahnsinn der Zeitläufte und multimediale Abstumpfung virtuos zusammenmontiert. Wie in „The Head Vanishes“ eine älteren Dame etwas neben der Spur ist und ihren Kopf unterm Arm spazieren trägt, was gar nicht schlimm ist. Wie in „Branded Dreams“ Werbung die Menschen bildlich bis in die Träume verfolgen. Und wie in „Mein zweites Auge“ zwei arabische Brüder den Krieg überleben und die Oud zu spielen lernen: gemeinsam, mit jeweils nur noch einem Arm und einem Auge.

Die thematische Bandbreite ist gewaltig, sie reicht von der Computerspielsucht über die Wirtschaftskrise bis zur Love Story. Erzählt wird von Menschen, Dingen und Tieren, die wiederum oft für Allzumenschliches stehen: Man begegnet einem betrunkenen Dachs, einem selbstzerstörerisch verfressenen Chamäleon und gegnerischen Pistolenkugeln, die sich ineinander verlieben. Und immer wieder geht es um Krieg, Gewalt, Zerstörung. Erschütternd ist geradezu, wie der spanische Sechsminüter „Tote Pferde“ Bombenhagel, Flucht und Verderben aus der Sicht eines Kindes schildert.

Animation kann alles: schrullig, poetisch, aberwitzig, süffisant, schwarzhumorig, surreal, kunstsinnig und auch brutal erzählen. Grenzenlos eben.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

29.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball