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So viele Händler wie noch nie

Gestern begann der Umbrisch-Provenzalische Markt

Es riecht nach Merguez und Ratatouille, nach Pecorino und Wein, Kräutern und Lavendel: Mit dem Umbrisch-Provenzalischen Markt weht wieder ein mediterranes Lüftchen durch Tübingen.

17.09.2010

Von Matthias Reichert

Tübingen. Für Michael Lucke ist es „die fünfte Jahreszeit in Tübingen“. Zeit zum „gut Essen, Trinken und alle Sinneschärfen – zum Schluss spannt dann der Anzug“, juxte der Erste Bürgermeister gestern Mittag bei der Eröffnung. „Die Stadt wird langsam zu eng“; diesmal werden bis zu 150 000 Besucher erwartet. Helmut Doppelgatz vom Partnerschaftsverein aus Aix bekam von Lucke eine Krawatte mit Tübinger Stadtwappen überreicht: „Die werde ich mindestens einmal im Monat tragen.“ 2010 werden zugleich 50 Jahre Jumelage gefeiert; Doppelgatz berichtete vom Austausch mit Musik und Sport.

In der Neckargasse kann man einem Seifensieder zusehen. „Savonnerie Bleujaune“ heißt der Betrieb aus Luberon in der Provence. Sieben Jahre stellen sie dort schon eigene Seifen her – mit einem Sud aus Oliven- und Kräuteröl, Butter, einer alkoholischen Essenz und Parfüm, verrät Najet Vallet. „Wir verkaufen in Italien, an zwei Orten in Deutschland – aber nicht in Tübingen –, in Dänemark und in den USA.“ 16 Mitarbeiter fabrizieren die Seifen und Essenzen.

Um die 80 Stände sind dieses Jahr in der Innenstadt aufgebaut. Etwa 30 Händler kommen aus Aix-en-Provence, gut 20 aus Perugia. So groß war der Markt noch nie, sagt Hans-Peter Schwarz vom Vorstand des Tübinger Handel- und Gewerbevereins. „Das ist eine gelebte Partnerschaft. Im Prinzip ist man das ganze Jahr im Gespräch“ – und besucht sich gegenseitig auf den großen Märkten, zu Weihnachten in Aix und im Sommer in Perugia.

Pasta, Tourtons, Calissons

In der Neuen Straße brutzelt das obligatorische Spanferkel, nebenan findet man Salami und Prosciutto, diverse Pecorino-Sorten, aus den Bergen oder mit Trüffeln. Oben an der Stiftskirche warten provenzalischer Schafs-, Ziegen- oder Kuhkäse, wahlweise Würste. Den Teller Ratatouille gibt?s heuer schon für fünf Euro. Auf dem Marktplatz kochen die Tü-Gast-Wirte. „Wir haben was probiert und eingekauft – richtig nett“, lobt ein Ehepaar aus Ludwigsburg nach dem ersten Besuch auf dem Markt.

Weine vom eigenen Weingut, selbst hergestellte Schokolade, Pasta mit leckeren Soßen, getrocknete Tomaten in Olivenöl, Gänseleberpastete, provenzalischer Nougat, Calissons – Konfekt in Form eines Weberschiffchens –, wahlweise die frittierten, süß oder salzig gefüllten Tourtons sind nur einige Spezialitäten. Gesichtscreme mit Olivenöl gefällig? Weitere Händler bieten Blumen, Töpfe aus Olivenholz, Lederwaren, oder Textilien feil. An der Kirchgasse stanzt Raniero de Marzo aus Perugia mit der Maschine Muster in ein Holzstück. Er fertigt in seinem Holzstudio Skulpturen, Schalen, Löffel, Mörser. Nebenan zeigt Stefano Ajello, wie er alte, bemalte Schränke und Fensterläden restauriert: Die Holzteile werden schonend gebeizt und chemiefrei behandelt, die Farben sehen danach aus wie neu.

Das Trio Do Ré La Cigale spielt provenzalische Lieder und jazzt mit Bass und Gitarre, die italienischen Schauspieler Domenico Madera und Daniele Celli zeigen als Straßentheater Le onde Clownerien, packen zur Erheiterung der Passanten zwei volle Koffer, einen Globus und Sonnenblumen aus ihrem Wägelchen. Pop-Art-Gläser mit Motiven von James Rizzi werden zugunsten der Tübinger Kinder-Rheuma-Ambulanz verkauft. Die Fördergemeinschaft lernbehinderter Kinder bietet Tombola-Lose. „Schenkst du uns was?“ – die Punks sind auch dabei.

Manche Stammkunden pilgerten gestern gleich wieder zu ihrem Lieblingshändler vom Vorjahr. Das Wetter hielt; zur Eröffnung kam die Sonne raus. „Vier Tage Regen wären auch eine Katastrophe“, sagt Hans-Peter Schwarz. Der HGV-Mann hat zum Auftakt Philatelisten getroffen, die extra wegen des Post-Sonderstempels aus dem Rheinland angereist waren. Andere Gäste seien aus dem Badischen und aus der Pfalz gekommen, bevor die Straßen richtig voll werden.

Im Rathaus-Saal wird wieder italienisch getafelt – inklusive umbrischem Antipasti-Buffet. Die Marktstände öffnen heute und morgen von 10 bis 22 Uhr. Speis? und Trank gibt?s bis 1 Uhr, im Rathaus von 11 Uhr bis Mitternacht. Samstag von 10 bis 18 Uhr ist Kinderfest in und um den Pfleghof, ab 14 Uhr Boulespielen auf der Platanenallee. Allein am Sonntag mit Stadtlauf erwartet Schwarz 50 000 Besucher. Nachmittags haben von 13 bis 18 Uhr etliche Geschäfte in der Innenstadt geöffnet. Das letzte Glas Wein sollte man bis 20 Uhr getrunken haben.

Der Umbrisch-Provenzalische Markt in Tübingen hat begonnen
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Baguette und Käse: Französischer geht es kaum. Am Donnerstag hat der Umbrisch-Provenzalische Markt in Tübingen begonnen. Mittwochabend war die offizielle Eröffnung.

50 Jahre besteht die Partnerschaft zwischen Tübingen und der französischen Stadt Aix en Provence schon. Für den italienischen Part des Marktes sorgte die Partnerschaft der Universitätsstadt mit dem italienischen Perugia.

Für die Besucher gab es vieles zu sehen und einiges zu riechen - wie hier der Lavendel nebst Seife daraus. So mancher fand auch etwas zum Mitnehmen.

An allen guten Plätzen in der Altstadt hatten sich Straßenmusiker aufgestellt. Manche sind zwar öfter zu hören, der Freude der Marktgänger tat das keinen Abbruch.

Jedes Jahr dabei sind die auf historisch gemachten Gemälde in ungewöhnlichen Formaten. Sie kommen aus Perugia und werden zwar neu gemalt, aber auf antikem Holz, etwa alten, abgebeizten Fensterläden.

Bei "Libri in pelle", einem Stand mit Bilderrahmen und Lederhüllen, entstanden schon am Donnerstag die ersten Erinnerungsfotos für die italienische Heimat.

Der Tübinger Gärtner Gerhard Kehrer verwandelt die Mitte des Marktplatzes alljährlich in einen französisch anmutenden Garten. Im Hintergrund spielt Do Ré La Cigale aus Aix en Provence.

Bei "Odeur et love" (Geruch und Liebe) gibt es tatsächlich allerhand Gewürze zu erschnuppern - die zweite Behauptung blieb ungeprüft.

Die Spezialitäten aus anderen Ländern bleiben trotzdem Geschmackssache. Aber auch die Stopfleber fanden sich Liebhaber.

Die Italienerin Valentina Calderini bemalt auf dem Markt Keramik, die am Ende allerdings deutlich bunter ist.

Das schwierigste am dreisprachigen Markt ist mit den Marktbeschickern zu reden. Am einfachsten haben es da die Clowns. Sie werden auch ohne Worte verstanden.

Erster Andrang auf dem Markt am Donnerstagnachmittag. Bis zu 150.000 Besucher werden erwartet.

Hier stellt Ulrich Scheel aus Tübingen seine Keramik-Werke aus.

Artischocken und Knoblauch – solche prächtigen Blüten treibt der diesjährige Markt.Bilder: Metz

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Erstellt:
17. September 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2010, 12:00 Uhr

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