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Nacht-und-Nebel-Aktion

Gestern wurde eine Flüchtlingsfamilie in den Kosovo abgeschoben

Sie hatten gewusst, dass sie eiegtnlich keine Chance auf Asyl in Deutschland haben. Zwei Mal ist der Antrag einer albanischen Familie bereits abgelehnt worden. Doch freiwillig wollten sie nicht zurück. Am gestrigen Morgen um 2 Uhr wurde die Familie aus der Notunterkunft von der Polizei abgeholt und ins Flugzeug nach Pristina gesetzt.

15.07.2015
  • dagmar stepper

Talheim. Es ist ruhig um die Mittagszeit in der Flüchtlinsunterkunft in Talheim. Ein paar Jungs, um die zehn Jahre alt, hängen miteinander rum. Ein paar Mädchen im gleichen Alter sitzen im Kreis und singen Lieder. Die ehrenamtlichen Patinnen Kathleen Schmitz und Ruth Eisenbeis sind ebenfalls da. Es fällt schwer zu glauben, dass um zwei Uhr in der Früh die Polizei vor der Tür der ehemaligen Schule stand und an die Tür klopfte. Dass sie den Namen einer Familie rief, die abgeschoben werden soll. Die albanische Familie mit ihren drei Kindern packte ihre Koffer. Der Vater rief noch seinen Bruder an und berichtete von der Abschiebung. Er habe geweint, erzählt man sich in der Flüchtlingsunterkunft.

Die Familie war erst drei Wochen in Talheim. Der Mann war aber schnell eine wertvolle Hilfe für die Ehrenamtlichen. „Er konnte gut Deutsch“, erzählt Schmitz, „er war unser Übersetzer.“ Als sie das sagt, war die Familie längst schon in Pristina im Kosovo. Der Flieger startete um 9.30 Uhr in Stuttgart. Die Patinnen erzählen, was sie von der Familie wissen. Es ist nicht viel in der kurzen Zeit. Der Sohn war um die zehn Jahre alt, die Zwillingsschwestern um die 13. Die Familie hatte Angst, in den Kosovo zurückzugehen. Sie wollten nicht freiwillig ausreisen – obwohl auch ihr zweiter Asylantrag abgelehnt worden war. Die Patinnen plädierten für die freiwillige Ausreise. „Die Wahrscheinlichkeit, hier bleiben zu können, liegt bei 0,1 Prozent“, sagt Eisenbeis. Bei einer freiwilligen Ausreise hätte die Familie das Datum selbst bestimmen können. Es wäre keine Nacht-und-Nebel-Aktion geworden. „Sie konnten sich nicht richtig verabschieden“, sagt Schmitz, „es war einfach Schluss und weg waren sie.“

Der Polizeieinsatz in Talheim hat Ängste, Sorgen und Unruhe hinterlassen. Auch wenn sich die Beamten sehr korrekt verhalten hätten. „Die Polizisten waren sehr nett“, erzählen die Kids der Talheimer Unterkunft. „In ihrer Heimat sind Polizisten gleichbedeutend mit Verbrecher“, erzählt Schmitz. Die Patinnen versuchen, den Asylbewerbern klar zu machen, dass es hier anders ist. „Deutsche Kinder haben keine Angst vor der Polizei“, erzählen sie. Um Ängsten vorzubeugen, wenn es zu solchen Situationen wie in der gestrigen Nacht kommt. Doch mitten in der Nacht so geweckt zu werden, erschreckt Kinder im Normalfall. Und noch mehr verstört es sie, wenn auf einmal drei ihrer Freunde fehlen. Denn die Kinder hatten recht schnell Freundschaft untereinander geschlossen. „Sie sind wie eine große Familie“, beschreibt es Yvonne Weber, Lehrerin der Vorbereitungsklasse an der Gemeinschaftschule. Viele aus der Talheimer Notunterkunft sind bei ihr im Unterricht.

Gesten Morgen war die Abschiebung das bestimmende Thema. „Die Kinder waren traurig, ein bisschen Angst war auch dabei“, erzählt sie. Weber ist ebenfalls betroffen. Sie hat die Fortschritte der Kinder im Deutschunterricht mitbekommen, sie hat sie ins Herz geschlossen. Der Abschied tut auch den Ehrenamtlichen weh. „Man lernt die Menschen kennen und lieben. Es sind aber nur Freunde auf Zeit“, umschreibt es Schmitz. Und sie kann verstehen, dass die Flüchtlinge nach Deutschland wollen. In der Heimat haben sie oft keine Arbeit, keine Perspektive, werden diskriminiert – wenn nicht Schlimmeres. „Sie sehen Deutschland als Chance für ein besseres Leben, vor allem besser für ihre Kinder.“

Warum die Familie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde, sei der Pragmatik geschuldet. „Die Abschiebung war um 9.30 Uhr“, so sieht es Joachim Fischer, Pressesprecher beim Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe. Das RP hatte ein komplettes Flugzeug nach Pristina gebucht, die Fluglinie bestimmt die Flugzeiten. 90 Albaner aus dem Kosovo wurden gestern abgeschoben, sie kommen aus unterschiedlichen Ecken des RP. Wann die Familie aus der Flüchtlingsunterkunft abgeholt wird, wird von der Abflugszeit bestimmt. Im Falle der Familie aus Talheim kann das eben heißen, dass es zu einer Zeit geschieht, „in der die meisten Menschen schlafen“, so Fischer. Das RP erteilt der Polizei den Abschiebe-Auftrag. Die Beamten sind nur „ausführendes Organ“, heißt es bei der Pressestelle der Polizei in Tuttlingen. Ihre Aufgabe ist es, die Menschen rechtzeitig zum Flughafen zu bringen. Und wenn die Polizei mitten in der Nacht an Türen klopft liegt es nicht am Überraschungsmoment – es sei den Rahmenbedingungen geschuldet. RP-Sprecher Fischer betont so auch: „Die freiwillige Ausreise ist für beide Seiten die bessere Variante.“ Sie wird vom RP auch finanziell gefördert.

„Menschlich ist es eine schwierige Situation“, sagt Bürgermeister Jan Zeitler, „aber am Ende eines Asylverfahrens kann die Ablehnung oder auch die Anerkennung stehen.“ Er war über die Abschiebung infomiert, versuchte noch zu erreichen, dass sie zu einem spätereren Zeitpunkt stattfindet. Doch das RP hat auf den Abflugszeit um 9.30 Uhr verwiesen. Dadurch hätten die Kosovaren in Pristina wenigstens die Möglichkeit, sich an die dortigen Behörden zu wenden. Die Abschiebung in Talheim war die erste, seit es die Gemeinschaftsunterkunft gibt. Doch Zeitlers ist Realist: „Wir müssen uns wohl darauf einstellen, dass es nicht die letzte war.“

Gestern wurde eine Flüchtlingsfamilie in den Kosovo abgeschoben

Gestern wurde eine Flüchtlingsfamilie in den Kosovo abgeschoben
Die ehemalige Schule in Obertalheim ist derzeit die Heimat von 38 Flüchtlingen aus dem Kosovo. Bis gestern Nacht wohnten hier noch 43.

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15.07.2015, 12:00 Uhr

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