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Mittelpunkt in Tübingen oder Böblingen?

Getrübtes Glück am Nabel des Landes

Seit 1986 markiert ein Steinkegel den geografischen Mittelpunkt des Landes Baden-Württemberg. Und zwar auf einer Lichtung in einem kleinen Wäldchen, das den poetischen Namen Elysium trägt.

09.11.2015
  • MADELEINE WEGNER

Der Steinkegel und damit auch der Mittelpunkt des Landes liegen im Tübinger Stadtgebiet.

Getrübtes Glück am Nabel des Landes
Geografischer Mittelpunkt von Baden-Württemberg im Tübinger "Elysium"

Vielleicht gibt es einen Zusammenhang, denn "Elysium" bezeichnet bekanntlich die Insel der Seligen, das vollkommene Glück. Dieses Glück am Nabel des Landes wurde nun getrübt, könnte man meinen, als Böblingens Oberbürgermeister Wolfgang Lützner eine kleine Tafel enthüllte. Auch sie verweist seitdem auf die Mitte des Landes. Damit ist nicht zu spaßen, das war Landrat Roland Bernhard von vornherein klar. Wissenschaftlich exakt ließ er Fachleute vom Vermessungsamt nachrechnen.

Doch wie kann das sein? Alles Ansichtssache. Und eine Frage der Herangehensweise, auch des Rechenweges: Die Vermessungsbeamten suchten vor gut drei Jahrzehnten nach dem Schwerpunkt der gesamten Fläche. Sie berechneten dazu den Flächeninhalt Baden-Württembergs anhand der Gauß'schen Flächenformel und ermittelten anschließend den Schwerpunkt in einem X-Y-Koordinatensystem. Das war das Elysium.

Getrübtes Glück am Nabel des Landes

Die Böblinger nun fanden es einleuchtender, sich am nördlichsten, östlichsten, südlichsten und westlichsten Punkt des Landes zu orientieren. Richtet man daran ein Rechteck aus und kennzeichnet dessen Mittelpunkt, landet man dort, wo die Böblinger voller Stolz kürzlich ihre Tafel enthüllten.

Man darf die Sehnsucht nach der Mitte nicht unterschätzen, es ist eine globale. Jules Verne beispielsweise schickte seinen Professor Lidenbrock zum Mittelpunkt der Erde. "In der Mitte liegt die Kraft" soll eine Zen-Weisheit lauten. Die Ortsmitte war von je her von zentraler Bedeutung für die Bewohner, und die eigene Mitte ist auch nicht ohne. Kein Wunder also, dass sich Bürgermeister und Landräte, vielleicht sogar die anderen Menschen eine Mitte direkt vor der Haustür wünschen. Man sollte doch ein großes Herz haben und jedem Menschen eine Mitte gönnen. Sicher finden sich in den Landrats- und Vermessungsämtern kompetente Fachleute, die eine geeignete Methode und damit auch eine passende Mitte finden für jeden - selbst in Orten jenseits einer vorstellbaren Mitte.

Das funktioniert sogar bis in den südwestlichsten Zipfel des Landes: Verbindet man den nördlichsten und südlichsten Punkt des Landes mit einer geraden Linie und verfährt ebenso mit dem westlichsten und östlichsten Punkt, so schneiden sich diese beiden Geraden just an einem Punkt, der nicht besonders zentral liegt- nämlich in der Nähe des Feldbergs, Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. So kommt es (je nach Berechnungsmethode), dass auch schon Ortsnamen wie Sindelfingen, Nagold und Holzgerlingen gefallen sind als Anwärter für das Zentrum des Landes.

Aber was könnte schöner sein, als gleich drei oder vier Mitten auf einmal zu haben? Wenn es sich in der einen heute mal nicht so prächtig zentrieren lässt, versucht man es in der anderen. Das Problem des variablen Nabels kennen nicht nur einzelne Bundesländer, sondern ganz ähnlich verhält es sich mit der gesamten Bundesrepublik. Ihr Nabel liegt irgendwo zwischen westlichem Thüringen, östlichem Hessen und südöstlichem Niedersachsen. Der Mittelpunkt der EU war schon in Belgien, dann in Litauen, in Hessen und im Landkreis Aschaffenburg. Das Zentrum wandert.

An diesem Beispiel könnte man sich auf Landesebene etwas abgucken: ein Wanderweg, der das offensichtlich sehr große Herz Baden-Württembergs umschließt. Der Schwäbische Albverein Ortsgruppe Böblingen schlägt einen Rundwanderweg zu "geografischen Highlights" im Süden Böblingens vor. Der Weg führt vom neunten Längengrad zur Böblinger Landes-Mitte. Und diese liegt praktischerweise gleich bei der Tübinger Straße. Damit wäre ein erster Schritt gemacht.

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09.11.2015, 12:00 Uhr

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