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„Gezielte Angstmache“
Gerd Gigerenzer lehrt am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Foto: Dietmar Gust
Interview mit Risikoforscher Gerd Gigerenzer

„Gezielte Angstmache“

Ziel von Terroristen ist es, unsere Gesellschaft zu destabilisieren, sagt der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer. Ein Gespräch über Angst.

21.12.2016
  • Mathias Puddig

Ist es im öffentlichen Raum – etwa auf Weihnachtsmärkten – gefährlicher geworden, oder hat sich durch den Anschlag nichts verändert?

Gerd Gigerenzer: Deutschland hatte bislang Glück. Falls es aber ein terroristischer Anschlag war, dann es ist jetzt passiert. Man kann nun überlegen, ob man noch auf den Weihnachtsmarkt gehen kann. Ich selbst werde auf den Weihnachtsmarkt gehen. Es ist ganz wichtig, dass man sich als Gesellschaft nicht einschüchtern und verängstigen lässt. Das Ziel des Terrorismus – wenn es denn Terrorismus war – sind ja nicht die unglücklichen Menschen, die am Montagabend ums Leben gekommen sind. Es geht den islamistischen Terroristen um etwas Größeres, nämlich unsere Gesellschaft zu destabilisieren, zu verängstigen. Das nennt man den Zweitschlag der Terroristen. Der Erstschlag ist die physische Gewalt, der Zweitschlag geht mit Hilfe unserer Angst. Und dem können wir entgegentreten.

Dennoch: Ist es aus Ihrer Sicht als Risikoforscher jetzt gefährlicher im öffentlichen Raum?

In Bezug auf islamistischen Terror können wir das nicht wissen. Wenn es aber um die Angst geht, ums Leben zu kommen – egal wodurch – , dann sollte man auf andere Dinge achten.

Zum Beispiel?

In den nächsten zwei Wochen werden wohl in Deutschland genauso viele Menschen ihr Leben durch Autofahrer verlieren, die am Steuer texten, wie am Montag auf dem Breitscheidplatz. Das ist der ganz allgemeine Wahnsinn.

Die Wahrnehmung ist doch aber anders. Wieso liegen viele so falsch?

Es ist leicht, in uns Angst vor sogenannten Schockrisiken auszulösen, also wenn viele Menschen zu einem einzigen Zeitpunkt sterben, wie bei einem Anschlag oder Flugzeugunglück. Es ist schwerer, Angst auszulösen, wenn genauso viele oder mehr Menschen verteilt übers Jahr umkommen, also zum Beispiel durch Rauchen oder fahrlässig herbeigeführte Autounfälle. Das ist ein psychologischer Mechanismus, den auch Terroristen ausnutzen, um uns gezielt Angst zu machen. Die Methode ist, dass die Opfer willkürlich sind. Das ist anders als beim Terrorismus der RAF, wo sich Terroristen gezielt die Opfer aussuchten. Es kann jetzt jeden treffen. Das kann leichter Angst machen.

Es wird Menschen geben, die Angst haben, auf Weihnachtsmärkte zu gehen. Wie lässt sich dem begegnen?

Einmal rational: Man kann überlegen, was einen wahrscheinlich tötet. Das ist in Deutschland bisher nicht islamistischer Terrorismus, das sind andere Gefahren: dass Menschen immer weniger Kontrolle über digitale Geräte haben, oder dass sie rauchen. Man sollte das relativ einschätzen. Außerdem ist es wichtig, klar zu sehen, dass es keine absoluten Sicherheiten gibt. Man lebt immer unter Risiko. Zum dritten kann helfen, emotionalen Widerstand in sich aufzubauen. Wir müssen unsere demokratischen Werte verteidigen, wir dürfen nicht wegrennen.

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21.12.2016, 06:00 Uhr

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