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Nicht auf Sand gebaut

GiantGiantSand präsentierten die United States des Indie-Rock

Elf Musiker und ein Baby brachte Howard Gelb von GiantSand am Samstag auf die Bühne des Reutlinger franz. K. Aus GiantSand wurde GiantGiantSand, und über 300 Besucher waren begeistert von einem fulminanten, anarchischen Konzert.

20.08.2012

Von Fred Keicher

Reutlingen. Auf dem Raucherbalkon des franz. K steht ein älterer Mann mit Basecap und checkt in aller Ruhe auf einem Laptop seine E-Mail. Schon länger her, dass der anrührend schnulzige Brian Lopez den Eröffnungsgig beendet hatte. Aber der Bandleader findet noch Zeit für einen kleinen Schwatz.

In vollendeter amerikanischer Höflichkeit übersetzt er noch seinen Nachnamen ins Englische: „Gelb wie Yellow“. „Ich mach das jetzt schon seit 35 Jahren“, sagt der 55-Jährige. Die Band verjünge sich immer wieder, die Musiker, mit denen er jetzt spiele, seien 30 Jahre jünger als er. Die Band verändere sich ständig. „Wir spielen Punk, Jazz, Country, Folk, Rock?n?Roll, Indie-Rock halt. Hauptsache kein Mainstream.“ Angefangen hat Gelb in Tuscon, Arizona. Dabei war damals Peter Ptacek, der als Fünfjähriger 1956 aus Ostberlin abgehauen ist. Gelb hat jetzt lange in Berlin gelebt. Er ist mit einer Dänin verheiratet und fünf Kinder großgezogen, sagt er nicht ohne Stolz.

Nur vier seiner Musiker sind Amerikaner: der Gitarrist Brian Lopez, der Akkordeonist Gabriel Sulivan, der Trompeter Jon Villa und die Sängerin Lonna Kelley. Die anderen sechs kommen „aus dem tiefen Süden Skandinaviens: Dänemark“: Nikolaj Heyman, der an der Wurlitzer-Orgel hochinspirierte Faxen macht, der Bassist Thøger T. Lund und der Schlagzeuger Peter Dombernowsky. Dazu kommen der Violinist Asger Christensen und die Bratschistin Iris Jakobsen, die sich ihr Baby auf den Rücken geschnallt hat. Das trägt dicke Ohrschützer und kräht bisweilen fröhlich dazwischen.

Der Hauptakt beginnt fast unbemerkt. Gelb setzt sich ans Klavier und beginnt zu klimpern. Aus dem Geklimper wird langsam der „Saint Louis Blues“. Wie zufällig kommen die anderen Musiker dazu, und nehmen die Melodie und den Rhythmus auf. „Watching the waters flow, watching the river go“, singt Gelb mit seiner näselden dunklen Stimme.

Als Wüstenrock wird seine Musik bezeichnet, als würde diese hilflose Bezeichnung irgendetwas erklären. Auf der Bühne herrscht ein kreatives Chaos. Nicht dass die Musiker gegeneinander spielen, aber sie lieben es, sich Streiche zu spielen. Heyman hat auf seiner Orgel plötzlich ein Kästchen, das einfach schräge Töne von sich gibt. Sulivan zieht sein Akkordeon durch die Luft als wolle er ihm Seifenblasen entlocken. Jon Villa bläst die Trompete so, dass man versteht, warum die Gringo-Cowboys Gänsehaut kriegten, wenn sie sie hörten.

Und Howard Gelb versucht das Ganze zusammenzuhalten. Ruft mal „Lonna, do you still wanna“, als Lonna Kelley fehlt, die sich im Laufe des Konzert als prima Sängerin entpuppt. Leider geht unter, dass es in den Texten um das Leben der einfachen Leute ging, der Flüchtlinge im Grenzstaat Arizona etwa.

Die Zuschauer fühlen sich durch das variantenreiche, witzige Spektakel glänzend unterhalten. Zwei Zugabenblöcke entringen sie der Band. Aber dann lockt der Biergarten an diesem heißesten Tag im Jahr.

Wenn der Mexikaner (Jon Villa, hier in friedlicher Absicht), die Trompete bläst, werden die Gringos immer noch misstrauisch: Gabriel Sulivan (Mitte) und an der Bo-Diddley-Gitarre Howard Gelb (rechts).Bild: Haas

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Erstellt:
20. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. August 2012, 12:00 Uhr

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