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Liebeserklärungen im Fluss

Gigaliner, Grillfahrten, Krach - Mit Stocherkahnfahrern auf dem Neckar

Unerschütterlich stehen sie hinten auf dem Kahn, stochern und steuern ganze Geburtstagsgesellschaften neckaraufwärts und -abwärts. Professionelle Flussschiffer – eine Frau ist auch dabei. Sie verstehen sich als echte Tübingen-Botschafter.

19.08.2014
  • Ernst Bauer

Tübingen. Seit einigen Jahren gibt es einen regelrechten Boom des Stocherkahnwesens in Tübingen (siehe auch Infobox) – und das Bootfahren dieser Art nur hier; was sich an heißen Sommertagen auf dem Neckar abspielt, erinnert mitunter an das Getümmel im Canal Grande; haarige Situationen sind das oft – wenn sich die Wege von erfahrenen Stocherern, rudernden Rentnern, jungen Tretbootfahrern und stochernden „Studentle“ kreuzen – die womöglich zum ersten Mal auf dem Kahn ihres Wohnheimes oder ihrer Verbindung stehen.

Die meisten gewerblichen Stocherer, rund 15, haben sich Anfang 2013 in einem eigenen Verein zusammengeschlossen: „Pro Stocherkahn“ heißt der. Und das erklärt auch schon, was dahintersteckt: „Wir leben alle hier und lieben unseren Neckar“, sagt Vereinssprecher Oliver Ueltzhöffer. Es gibt nach seiner Schilderung nicht nur einen „Riesenboom“, eine enorme Nachfrage nach Stocherkahnfahrten – und an Wochenenden oft so viele Fahrten wie Fahrer –, sondern auch „extrem viele Angebote“: Grillfahrten, Candlelight-Fahrten, Sektfrühstück auf dem Neckar, Wein- und Whisky-Seminare zu Wasser, literarische, musikalische Touren. „Das gab‘s vor fünf Jahren noch nicht“, schwärmt Ueltzhöffer. „Das hat schon Hauptstadtcharakter!“

Treffpunkt Casino, ein ganz gewöhnlicher Dienstag. Theo Grieger kommt mit der Geige angestiefelt. „Die kommt auch manchmal zum Einsatz.“ Jeden Mittwoch gibt‘s handgemachte Livemusik unter dem Motto „Radio Villa Musica goes Neckar“. Abendmusik auf den Wellen, von Klassik bis Pop. „Aber jetzt brauche ich erstmal die Grillzange“, lacht Ueltzhöffer.

Hinten am Ufer ruft ein Kunde: „Darf I was bestella?“ Kein Problem: „Sakis“, der Schatzmeister, Athanasios Liberidis, stochert kurz zu ihm hinüber. Was kostet eigentlich so eine Fahrt? Zirka 70 Euro die Stunde, je nach Wochentag, für 16 Leute. Es gab heftigen Krach mit einem der „Einzelkämpfer“ auf dem Neckar – weil der mit Croupons Preisdumping betrieb und die ganze Zunft in Verruf brachte, weil er seine Versprechen nicht einhielt. „Unsere Gäste können ja auch rechnen!“

„Unsere Gäste“, das sind vor allem Auswärtige, Nah- und Ferntouristen, die in erster Linie der Bürger- und Verkehrsverein vermittelt; eher keine Tübinger – nicht zuletzt deshalb haben sich die Pro Stocherkahn-Fahrer aber zusammengeschlossen: „Dass man den Tübingern zeigt, was sie hier vor der Haustür haben!“ Viele Bürger der Unistadt bekämen erst durch ihre Besucher aus aller Welt mit, welch’ weltweit einzigartige Tradition sie hier in der Stadt haben.

„Letztes Jahr waren Gondolière da“, erzählt Matthias Leyk, Vorsitzender von Pro Stocherkahn. „Die waren so fasziniert, die wollten nächstes Jahr mit einer Gondel kommen.“ Dabei ist deren Profession etwas was völlig anderes: „Die stochern nicht, die rudern!“ Und weil Gondolière nur auf einer Seite rudern, bewegen sie sich auch asymmetrisch. „Das sind Riesenunterschiede.“ Die Tübinger Stocherer haben deshalb eher Verbindungen zu Schiltach-Flößern – und „pflegen regelmäßig Kontakt zum Speewald“, wie Leyk berichtet, „wo sie ähnliche Stocherkähne haben, allerdings aus Aluminium; man sitzt dort ein bisschen anders“. – „Bei uns sitzt man sozial, gegenüber, bei denen wie in der Kirche“, bringt es der Grieche von Pro Stocherkahn auf den Punkt. Und im Unterschied zu Venedig „sind Frauen hier gern gesehen und kriegen auch Unterstützung“, ergänzt Simone Gärtner, die einzige professionelle „Stocheuse“ auf dem Neckar. Außerdem: „Für eine Gondel aus edlem Holz kriegen Sie hier zehn Stocherkähne!“

Wer baut die hiesigen Kähne? 90 Prozent der neuen Boote kommen aus Hirschau, von Bootsbauer Rudolf Raidt. „Der beliefert den ganzen Neckar.“ Jährlich werden etwa zehn Prozent der 120 Kähne erneuert, die am Casino, beim Hölderlinturm und an drei weiteren Anlegestellen vertäut sind. „Manche halten fünf Jahre, andere zwanzig – je nach Pflege und Glück.“ Oft ist ein Boot von Haus aus mit Pilz befallen. Die meisten kamen früher aus Österreich. „Die ganz alten Modelle waren Nachen aus dem Rheintal“, weiß Leyk, kleinere Boote, die waren vorne und hinten stumpf; sie wurden durch die „Zille“ mit spitzem Bug abgelöst. „Die hat sich einfach durchgesetzt.“ Die Kähne in den 1950er und 60er Jahren waren noch wesentlich kleiner, mit zehn bis zwölf Plätzen. Jetzt tauchen plötzlich „Gigaliner“ auf – mit zehn Plätzen mehr, aber kaum mehr als einen Meter länger. „Deshalb sagen wir auch Sardinenbüchsen.“ Der Schrecken nicht nur für die traditionsbewussten Profistocherer: „Letztes Jahr wollte ich neben so einem einparken, doch durch die Hebelwirkung reißt‘s mir alle Bretter weg“, erzählt Theo Grieger. Eine Gruppe vom Schweizer Konsulat habe er an Bord gehabt und sich so aufgeregt, dass er sich gleich ans Ordnungsamt wandte. Und? „Die machen leider nix.“ Dabei ist nach Ansicht der Profis schon das Stochern mit so schweren Kähnen nicht ungefährlich: Ein normaler Kahn wiegt leer 400 Kilo und voll besetzt etwa 1,6 Tonnen – ein Gigaliner kommt auf fast drei Tonnen. „Und jetzt erklären Sie mir mal, wie wir das steuern sollen mit der Stange!“, so Ueltzhöffer.

Unglaublich, was sie immer wieder erleben: Hagelunwetter, Hochwasser, abgesoffene Kähne, sturzbesoffene Junggesellen, Hochzeitsgesellschaften, die sie händeringend bitten müssen, doch auf die Anwohner etwas Rücksicht zu nehmen. „Ich hatte schon zwei Heiratsanträge auf dem Boot dieses Jahr“, erzählt Thomas Schneider. „Positiv“ seien die ausgegangen. Einer habe auch einen gesungenen Hochzeitsantrag gemacht. „Gott sei Dank hat sie ihn angenommen!“

Gigaliner, Grillfahrten, Krach - Mit Stocherkahnfahrern auf dem Neckar
Viele Stocherkähne liegen am Casino; aber die Stocherer hier sitzen alle in einem Boot – mit ihrem Verein „Pro Stocherkahn“ wollen sie die alte Neckarschifffahrts-Tradition in Tübingen hochhalten (von links): Athanasios Liberidis, Oliver Ueltzhöffer, Simone Gärtner, Thomas Schneider, Matthias Leyk, Theo Grieger. Bild: Metz

Schon im 16. Jahrhundert fuhren Neckarfischer mit Stocherkähnen, die es in heutiger Form seit dem 19. Jahrhundert gibt. Bekannt wurden sie durch die Kähne der Studentenverbindungen und das seit 1956 alljährlich veranstaltete Stocherkahnrennen.
Touristische Stocherkahnfahrten haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Es gibt viele haupt- und nebenberufliche Stocherer und eine Fülle von Themenfahrten. Der Tübinger Bürger- und Verkehrsverein vermittelt die meisten Fahrten. „Es ist unser Aushängeschild schlechthin“, sagt BVV-Geschäftsführerin Gabriele Eberle, ein touristisches Highlight in Tübingen. Die Anlegestellen seien aber nicht gerade ein Aushängeschild – „die sind einfach miserabel; da gibt‘s keine Beleuchtung, keine Klos“. Da müsste die Stadt dringend etwas tun. Das gehöre einfach zum „Entrée“.

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19.08.2014, 12:00 Uhr

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