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Hekigodos Hokku

Glänzend: Jablonskajas „Es gibt kein Ende“ am Zimmertheater

Tübingen. Ein Laufsteg scheint es zunächst. Aber im Laufe des Stücks blättert er sich auf, wird in seine Einzelteile zerlegt, mutiert zu Kähnen, Särgen, Schrankelementen, erzählt Geschichten. Und schließt sich wieder, am Ende.

01.10.2012
  • Peter Ertle

Jörg Zysik steht damit auf der shortlist für die Auszeichnung „Bühnenbild des Jahres“.

Fünf Gestalten im eng anliegenden Glitzeranzug, Galaktische, Nackte, vom sonderbaren Planeten Erde. „A walk in the park“ singen sie, und das so anhebende Stück, dieser Ausflugsreigen Anna Jablonskajas führt uns in den Menschenpark, zu Geschichten, die mindestens so verrückt, aber seelenvoller und schöner sind als die von Daniil Charms.

Würstchen in kochendem Wasser

Absurdes, megaverspieltes Theater ist nicht jedermanns Sache. Und wird es in dieser deutschsprachigen Erstaufführung doch. Kleine Prosaskizzen sind alles andere als Bühnenstoff. Und werden an diesem Abend doch im Wortsinn zauberhaftes, poetisches Theater. Weil diese Geschichten so nackt und fremd sind, gleichzeitig so glitzernd und mit so viel Entblätterungspotential, also ganz ähnlich wie die Gestalten, die zu Beginn die Bühne betreten. Weil diese Geschichten dazu zwingen, das zugehörige Theater erst zu erfinden. Und weil sich das Ensemble unter der Regie Christian Schäfers mit so viel Lust darauf einlässt. Die Geschichten beginnen so: „Ich habe Spaß daran gehabt, Würstchen in kochendem Wasser zu ertränken.“ Oder so: „Ich habe mein ganzes Leben auf die Entschlüsselung des Hoheliedes Salomos Kapitel 2, Vers 5 verwendet.“ Oder so: „Ich bin ein trauriger und unangenehmer Mensch. Ich glaube nicht an Gott und fürchte mich vor Hunden.“ Oder so: „Ich genehmige mir gern das ein oder andere Gläschen Magensaft im Café Kloake. Dort habe ich auch diese Typen kennengelernt, eine Gruppe aggressiver Cellospieler.“

Da fällt man schon mal fast vom Stuhl, und dann lärmen sie auch schon los, auf Schaumstoffcellos, Schubert goes Hardrock.

Jede Geschichte ein Schiffchen, das mit einem Tuut-Signal einläuft, denn die Übergänge sind fließend. Und so berückend wie der gesamte Bewegungsablauf dieses Abends. (Liegt es an der Choreographin und ausgewiesenen Tanzfachfrau Christine Chu? Dieser Abend tanzt!). Jeder Geschichte wird überdies ein Lied zugeordnet, das Soundmaster Thomas Maos instrumentiert. Das sind die Spielregeln. Der Rest ist: Text. Und Schauspiel-Freestyle. Menschen mit roten, gelben, schwarzen, grauen oder blauen Haaren treten auf, sie tragen ein Gebläse unterm Ballongewand, das sich während der Performance aufpumpt oder einen Pink-farbenen Bikini unterm Männermantel, sie kraulen einen großen Plüschesel am Ohr oder fahren als Tiger und Giraffe Sammeltaxi. Surreale Szenen, ein großes, bewegtes, Kinderbilderbuch, Kindertheater, allerdings für Erwachsene. Und weil Anna Jablonskaja hierzulande noch nicht so bekannt ist, soll sie hier auch mal ausführlich zitiert werden:

„Ich heiße A. Ich gehe zu Punkt B, um C zu treffen. Aber C geht zu Punkt D, und wir verfehlen uns. Am Punkt B wartet E, aber nicht auf mich, sondern auf L, der zum Punkt K gegangen ist. Und bald schon denke ich, E sei C, und E denkt, ich sei L. Obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt. Und trotzdem hören wir auf, sie zu suchen, die Richtigen. So macht es auch er, C, dort, am anderen Ende der Welt (das hier, ganz in der Nähe ist, gleich um die Ecke). Das ist eine kurze Nacherzählung der größten menschlichen Tragödie, die das Nahsein der sich fremden Seelen, das Fremdsein derer, die sich nah, einfängt.“

Hektische Wölkchen überm Vesuv

Bei so viel Poesie und Nachdenklichkeit wird es still im Zimmertheater. Und gleich wieder heiter, wenn Goethe persönlich seinen Werther am Halsband herein führt oder der Vesuv mächtig schnauft und Silberkonfetti aus seinen Taschen katapultiert, bis ihm Vulkankollege Agri scharf über den Mund fährt: „Hör auf zu simulieren! Hör auf, diese hektischen Wölkchen auszustoßen und so zu tun, als wolltest du jeden Moment Magma ausspucken! Du hast noch nicht mal genug Rotz, um dich zu schnäuzen!“ Dann bricht er aus, der Vulkan, und der Vesuv röhrt: „Burning down the house.“

Manche dieser Traumsequenzen über Schriftstellerinnen und Kreisflächenberechner, sanfte Psychopathen und aggressive Cellospieler sind anrührend, andere verstörend, manche schlagen Löcher zum Staunen und fast alle entwickeln sich anders als der Zuschauer sich das erwartet, so lange er überhaupt noch etwas erwartet, so lange er noch etwas anderes erwartet als dass dieser Abend möglichst lange währen sollte. Dieser Theaterabend, in dem ein Kalligraphiemeister auf die Frage „Was ist das?“ antwortet: „Das ist ein Hokku von Hekigodo Kawahigashi.“ Dieser Theaterabend, der so sehr Ensembleleistung ist, dass kein Schauspieler hervorgehoben werden soll, es spielten: Lucie Mackert, Johannes Karl, Endre Holéczy, Robert Arnold und Christine Diensberg.

Peter Ertle

Info: Die nächsten Aufführungen am 3., 27. und 28. Oktober jeweils um 20 Uhr im Zimmertheater.

Glänzend: Jablonskajas „Es gibt kein Ende“ am Zimmertheater
Aggressive Cellospieler tarnen sich mit Masken, um später nicht belangt werden zu können. Bild: Zimmertheater

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01.10.2012, 12:00 Uhr

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