Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Medizintechnik

Global Player mit Tübinger Wurzeln

Christian Otto Erbeist Präsident der Reutlinger Industrie- und Handelskammer (IHK) und mit seinem Schwager Reiner Thede einer von zwei Chefs eines oft als „hidden Champion“ bezeichneten Global Players. Dieses gepflegte Understatement hört man gerne auf der obersten Etage der Erbe Elektromedizin GmbH im Tübinger Stadtteil Derendingen, wo man sich zwar bescheiden gibt, seines Werts als Weltmarktführer aber durchaus bewusst ist.

28.10.2016
  • Bernd Ulrich Steinhilber | FOTO: Unternehmen

Patienten, Kliniken, Praxen, Ärzte: Sie alle profitieren vom Erfolg dieses Ur-Tübinger Familienunternehmens, von seinen chirurgischen Systemen, die in Tübingen, teils auch in Rangendingen, entwickelt und produziert und die weltweit über 13 Tochterfirmen vertrieben werden. Erbe ist Weltmarktführer in Sachen Hochfrequenzchirurgie nach einer langen, 1851 am Tübinger Holzmarkt solide gegründeten und heuer in der fünften Generation fortdauernden erfolgreichen Firmengeschichte. Nicht zuletzt gilt das Unternehmen als einer der wichtigsten Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler der Universitätsstadt.

Von den weltweit 950 Mitarbeitern produzieren 600 in Tübingen medizinische Gerätschaften, Zubehör und wiederverwendbare Instrumente. 50 Beschäftigte stellen in Rangendingen Einweginstrumente her. Hier wie dort unterhält Erbe eine Entwicklungsabteilung, derweil sich die Tochterunternehmen in Belgien, China, Frankreich, Indien, Italien, in den Niederlanden, in Österreich, Russland, Singapur, USA, Peru, im Libanon sowie bald auch in Brasilien und Südkorea um Marketing sowie den technischen Service kümmern und zur Exportquote von 86 Prozent beitragen.

Freilich erwirtschaftet Erbe mit über 40 Prozent in den Euro-Staaten den größten Teil seines Umsatzes und ist mit 25 Prozent gut im USA-Geschäft unterwegs. Überraschen mag, dass auch China ein wachsender Markt ist, der mit rund zehn Prozent zum Umsatz beiträgt. „China ist unser drittgrößter Markt“, stellt Erbe im Gespräch mit dem TAGBLATT fest. Und keine Angst macht es ihm, dass man dort als Marktführer „gnadenlos kopiert“ wird. „Denn wir sind den Chinesen mit unseren Innovationen immer in Stück voraus.“

Das Unternehmen machte sich früh daran, ausländische Märkte zu erschließen. Schon Helmut Erbe hat 1968 das erste Auslands-Tochterunternehmen in Wien und später sechs weitere aufgebaut. Heute ist die Firma, die weltweit 441 Patente und Gebrauchsmuster in 157 Patentfamilien hält, in 110 Ländern unterwegs und wird weiter wachsen. Seit Christian O. Erbe und sein Schwager die Erbe Elektromedizin im Jahr 2003 übernommen haben, ist das Familienunternehmen auf das Doppelte seiner Größe angewachsen. Verdoppelt haben sich nach einer mehr als 30 Millionen Euro teuren Investition in den Tübinger Stammsitz vor zwei Jahren nicht nur die Quadratmeter. Verdoppelt haben sich auch Mitarbeiterzahl und der Umsatz auf über 205 Millionen Euro.

„Das Unternehmen ist seit 2003 sehr stark gewachsen“, erklärt Erbe. Die Organisationsstruktur sei „komplett geändert“ worden, Geschäftsprozesse habe man analysiert und die IT-Infrastruktur neu aufgestellt. Rund 13 Prozent des Umsatzes fließen seitdem in Forschung, Produktentwicklung und Grundlagenentwicklung, wozu Erbe neben Mechanikern und Fluidikern auch Plasmaphysiker, Biochemiker und Chemiker beschäftigt. „Wir entwickeln Komponenten, die noch gar nicht marktreif sind und erst in fünf bis zehn Jahren erschwinglich sein dürften.“

Fünf Multi-Center-Studien hat das Unternehmen derzeit am Laufen, die über die technische Qualität der Produkte hinaus deren klinische Relevanz nachweisen sollen. Zum Beispiel hinsichtlich des frühen Blasenkarzinoms, wo es darum geht, den Krebs invasiv aus der Blasenschleimhaut zu entfernen. Verbreitet werden die Erkenntnisse auf urologischen Messen und Vorträgen auf Fachkongressen, um dort die Ärzte zu erreichen.

Mit zwei Planungstools erschließt sich Erbe die Zukunft: der ZRM genannten Zukunfts-Road-Map für eine künftige Technologie, und dem PRM, der Produkt-Road-Map für Projekte, die einmal zu Produkten führen, aber langjährige Forschung voraussetzen. Drei Produktgruppen umfasst das Portfolio. Da sind einmal Geräte und Arbeitsstationen (von denen der Hochfrequenzgenerator am meisten nachgefragt wird), das Zubehör (wie etwa der Fußschalter) sowie (Einweg-)Instrumente in hohen Stückzahlen, darunter Sonden für die Gastroenterologie.

Dabei ist die Elektromedizin das Alleinstellungsmerkmal des Unternehmens: Wasserstrahl- und Hochfrequenz-Chirurgiegeräte, die mit Argon-Plasma-Geräten kombiniert werden können. Medizinisches Hightech also, mit dem sich Gewebe selektiv bearbeiten lässt, ohne Nerven oder Blutgefäße zu schädigen – und mit dem sich Blutungen stillen lassen, was alles an die Firmentradition seit ihren Anfängen erinnert. Schon Christian Heinrich Erbe hatte in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts ein erstes elektrisches Instrumentarium zur Gastroenterologie entwickelt, bei dem ein erhitzter Platindraht zum Trennen menschlichen Gewebes eingesetzt wurde.

„Wir können heute jedem Arzt seine optimale Arbeitsstation zusammenstellen“, sagt Erbe. 22 000 Variationen seien möglich, wovon die maximale Ausstattung für 50 000 Euro zu haben ist. „Ich bin am richtigen Ort angekommen“, fasst der heute 55-jährige Christian O. seine Vita zusammen. Selbstredend war der Weg dorthin vorbestimmt und von der Familie so auch erwartet worden. Doch waren durchaus andere Konstellationen denkbar, auch noch, nachdem er sich als Schüler während der Schulferien gründlich im elterlichen Betrieb umgesehen hatte: „Mich hat als junger Mensch brennend Theologie interessiert“, weil es „so viele ungelöste Fragen in der Welt gibt“. Für das Abitur wählte er Religion als Prüfungsfach. Doch auch Biologie und Technik zählten damals zum Kanon seiner Vorlieben. Heute sieht er in ihnen eine „zentrale Kombination“, die ihn zu seiner Aufgabe als Firmenchef befähigen.

Freilich qualifizierte er sich nach dem Schulabschluss mit einem Studium der Betriebswirtschaft und des Wirtschaftsingenieurswesens in Berlin und Karlsruhe, bevor er 1992 in das Unternehmen eintrat und ihm die Geschäftsführung der für Osteuropa zuständigen Wiener Tochtergesellschaft übertragen wurde. Zudem hatte er, als er 2003 nach Deutschland zurückkehrte, acht Jahre lang den Erbe-Ableger in Nordamerika geleitet.

Ein wenig erinnert Christian O. an den Firmengründer Christian Heinrich Erbe, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Ehrenämter übernommen hatte und sich als Gemeinderat und Schöffe, als Waisenrichter und vereidigter Eichmeister betätige.

Christian O. Erbe ist seit 2004 im Vorstand des Fachverbandes Elektromedizinische Technik des Zentralverbandes der Elektrotechnik- und Elektronikindustrie aktiv und seit 2014 dessen Vorsitzender. Seit 2005 gehört er der IHK-Vollversammlung an, deren Tübinger Gremium er von 2005 bis 2010 leitete. 2008 wurde er zum Vizepräsidenten, 2010 zum Präsidenten der IHK gewählt. Darüber hinaus engagiert sich Erbe in Hochschul-Gremien, Kuratorien und Einrichtungen zur Grundlagenforschung und wirkt als Fachrichter für Handelsrecht am Landgericht Tübingen.

Nicht dauernd kann er sich deshalb in der Derendinger Firmenzentrale aufhalten. Wenn er morgens kommt, hat Erbe nicht selten einen Termin hinter sich und wenn er abends das Unternehmen verlässt, warten die Ehrenämter.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball