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Reustener Ausstellung „Rien ne va plus“

Glück, Spiel und Glücksspiel: Alles ist möglich

Kunstwerke, um die gespielt wird, Kunstwerke, in denen es um Spiel geht und Kunstwerke, die bespielbar sind: In der Ausstellung „Rien ne va plus“ des Süddeutschen Kunstvereins in Reusten sind sie alle gemeinsam zu sehen.

07.07.2015
  • Miri Watson

Reusten.„Auch wenn ‚nichts geht mehr‘ die Übersetzung von ‚rien ne va plus‘ ist, so kommt mit dem Aussprechen dieser Worte eigentlich der Moment, in dem alles geht: „Das Roulette dreht sich und der Ausgang ist noch offen“, so der Kurator Thomas Nolden über die Ausstellung. Ähnlich läuft es im Kunstbetrieb – so zumindest die Annahme des Süddeutschen Kunstvereins. Zur Ausstellungseröffnung am Sonntag gab es deshalb eine Podiumsdiskussion zum Thema „Glücksspiel Kunst“. Geladen waren der Tübinger Sammler und Kunsthistoriker Walter Springer, der Berliner Künstler und Professor Thaddäus Hüppi, die Frankfurter Künstlerin Daniela Kneip Velescu und der Stuttgarter Galerist Mario Strzelski.

Knapp 60 Interessierte hatten sich im schattigen Hof des Süddeutschen Kunstvereins in Reusten versammelt, um mehr über das zu erfahren, was im Kunstbetrieb falsch läuft. So wies Moderatorin Uschi Goetz gleich zu Beginn darauf hin, dass in den vergangenen Jahren ein Trend entstanden sei, in Kunst zu investieren und dadurch würde immer mehr Geld für Kunst auf den Tisch gelegt. Dennoch würde das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Künstlers nur etwa 17 000 Euro betragen – das einer Künstlerin allerdings sogar nur knapp über 12 000 Euro. „Ist Kunst in Wirklichkeit männlich?“, fragte Goetz die Diskutanten.

„Auf die Gefahr hin, für einen Macho gehalten zu werden“, eröffnete Galerist Strzelski dem Publikum, dass bei einer Künstlerin die Gefahr ja zu groß sei, dass sie eines Tages schwanger werde. Und dann würde sie anderthalb Jahre keine Kunst machen, außer wenn er als Galerist sie darum bitte. Auch falls das nicht auf alle Künstlerinnen zutreffen sollte: „Ich habe bisher kaum Kunst von Frauen gesehen, die mir gefallen hat“, so Strzelski, der selbst nur zwei „Alibi-Frauen“ im Programm hat.

Trotz solcher Aussagen sah die Künstlerin Kneip Velescu das Problem nicht im Kunstbetrieb selbst, sondern vielmehr in der prekären Bezahlung der anderen Jobs, die Kunstschaffende häufig machen müssen, um sich zu finanzieren. „Wäre man da besser abgesichert, wäre es für viele leichter, mehr Zeit in die Kunst zu investieren“, sagte Kneip Velescu. Der Kunsthistoriker Springer ergänzte, ein weiteres Problem sei, dass die großen Summen nicht in den Galerien über den Tisch gingen, sondern vielmehr in den Auktionshäusern. „Die Künstler selbst bekommen dann nur einen Bruchteil des Geldes“, so Springer.

Ob die schlechte Situation vieler junger Künstler vielleicht auch damit zusammenhänge, dass sie an den Kunsthochschulen nicht lernten, sich gut zu verkaufen? „Das Kunststudium soll zuallererst einmal bei der Selbstfindung helfen“, sagte Professor Hüppi. Wer Glück hat, wird vielleicht irgendwann einmal entdeckt und kann fortan von seiner Kunst leben, wer Pech hat, eben nicht.

Eine Bühne sowohl für die Glücklichen als auch für die Pechvögel bietet derweil die Ausstellung in Reusten: Hier werden bekannte Namen völlig gleichberechtigt neben Hobby-Künstlern ausgestellt. Manche der Bilder sind 40 Euro wert, andere bis zu 25 000 Euro. Welches Bild wie viel kostet? Die Liste trägt der Kurator Nolden immer bei sich.

Auch die Namen der Künstler stehen nicht direkt bei den Bildern; die können allerdings von Interessierten auf einer ausliegenden Liste nachgesehen werden. „Unser Wunsch ist, dass die Betrachter völlig unvoreingenommen an die Ausstellung herangehen“, so Nolden. Das eigene Urteil des Publikums soll dadurch ernst genommen werden. Von Gemälden und Collagen über Fotografien und einem Kurzfilm bis zu Installationen aus Filzfiguren ist alles dabei.

Info: Noch bis zum 11. Juli ist die Ausstellung in der Jesingerstraße 8 zu sehen, werktags von 16 bis 19 Uhr, am Wochenende von 11 bis 19 Uhr.

Glück, Spiel und Glücksspiel: Alles ist möglich
Die Bilder der Ausstellung im Süddeutschen Kunstverein sind bewusst nur mit Nummern versehen, hier 65: ein expressives Gemälde von Karim Stonjeck.Bilder: Watson

Glück, Spiel und Glücksspiel: Alles ist möglich
Programmatischer Ausstellungsbeitrag: „Ablassautomaten“ von Paul Donda.

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07.07.2015, 12:00 Uhr

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