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Gnade für Problem-Biber
So putzig Biber auch aussehen, sie können mit ihren Dämmen und Überschwemmungen massive Probleme verursachen. Foto: dpa
Tierschutz

Gnade für Problem-Biber

Regierungspräsidium Tübingen entscheidet, dass Nager im Wald bei Mietingen bleiben dürfen. Bürgermeister kündigt Klage an.

20.12.2016
  • PETRA WALHEIM

Mietingen. Die Mietinger sind ratlos und zornig. Gestern hat das Regierungspräsidium Tübingen entschieden, dass die Biber im Wald bei Mietingen bleiben darf. „Wir hatten gehofft, dass sie eingefangen und woanders hingebracht werden“, sagt Mietingens Bürgermeister Robert Hochdorfer. Doch daraus wird nichts. Der Biber, ein streng geschütztes Säugetier, darf nicht angerührt werden, auch wenn er in seinen Revieren für erhebliche Schäden sorgen kann, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Er kann auch zur Hochwasser-Gefahr werden – wie in Mietingen (Kreis Biberach).

Dort hatte sich der Nager nach Auskunft des Bürgermeisters etwa 2013 angesiedelt. Es seien bis zu sechs Tiere. „Sie sind unheimlich fleißig.“ Sie bauen große Dämme und stauen so das Wasser des Aufhofer Bachs an. Der fließt bei Mietingen durch ein Waldgebiet und danach durch den Ort, der 4375 Einwohner hat. Als das Wasser hinter dem Damm im Wald bis zu zwei Meter hoch stand, wurde es den Mietingern mulmig. Nach einem Ortstermin wurde entschieden, den Damm abzubauen und das Wasser bis auf einen Meter abfließen zu lassen.

Das reichte nicht. Als Ende Mai diesen Jahres bei einem Unwetter mit Starkregen der Damm im Wald brach, ergossen sich nach Auskunft von Hochdorfer bis zu 15 000 Kubikmeter Wasser in den Ort. „Viele Keller liefen voll, Häuser standen unter Wasser.“ Die Schäden schätzt er auf acht bis neun Millionen Euro. Damit hatte sich der Biber im Ort seine letzten Sympathien verscherzt. Im Gemeinderat wurde entschieden: Der Biber muss weg. Hochdorfers Antrag, die Biber zu versetzen, hat das Regierungspräsidium (RP) nun endgültig abgelehnt.

Solange es andere Möglichkeiten gebe, werde eine Ausnahmegenehmigung zum Einfangen und Versetzen der Biber nicht erteilt, sagte gestern RP-Sprecher Simon Kistner. Im Übrigen käme die Versetzung der Biber einem Todesurteil gleich. „Das wäre für sie ein so großer Stress, dass sie das nicht überleben würden.“ Diese Entscheidung kann getrost als grundsätzlich angesehen und auf viele andere Problem-Biber-Fälle im Land übertragen werden.

Hochdorfer kündigte an, gegen die Entscheidung zu klagen. Er besteht auf eine langfristige Lösung. Das, was das RP vorschlägt, ist für ihn nicht akzeptabel. „Das ist eine Zumutung.“ Nach dem Willen der Behörde sollen in die Dämme Drainagen eingearbeitet werden, so dass das Wasser kontinuierlich abfließen kann. „Das Material bekommt die Gemeinde vom Land gestellt und auch die Hälfte der Kosten für den Einbau“, sagt der RP-Sprecher. Das sei eine „zumutbare Alternative“.

Hochdorfer ist überzeugt, dass die Drainagen, die aus durchlöcherten Rohren bestehen, nicht hochwassersicher sind. Das RP hält sie für wartungsfrei und leicht zu unterhalten. Außerdem könnten sie im Zusammenhang mit dem Bau eines Rückhaltebeckens eingebaut werden. Das erhöhe die Kosten, sagt Hochdorfer. Wer bezahle die?

Nicht nur Mietingen hat Problem-Biber. Je mehr Nager sich im Land ansiedeln, umso mehr Konflikte gibt es mit ihnen. Trotzdem wird ihr Schutz im Land aufrechterhalten. Nach Auskunft von Franz Spannenkrebs, Biberbeauftragter für den Regierungsbezirk (RB) Tübingen, leben in seinem Gebiet geschätzt 2000 bis 2500 Biber. Genaue Zahlen gibt es aktuell nicht. Die letzte Kartierung stamme aus dem Jahr 2010. Die neue laufe gerade erst im Kreis Biberach an. Klar sei aber, dass der RB Tübingen der mit den meisten Bibern ist. „Von den geschätzt 4000 Bibern im Land, lebt mehr als die Hälfte bei uns.“

Doch sie sind auch schon im Regierungsbezirk Freiburg angekommen. In den Kreisen Schwarzwald-Baar, Tuttlingen und Konstanz haben sie sich nach Auskunft der Biberbeauftragten Bettina Sättele bereits zahlreich angesiedelt. Sie schätzt, dass es im RB Freiburg bis zu 1000 Biber gibt – und so ein erhebliches Konfliktpotenzial mit den Landwirten. Die Nager setzen Äcker unter Wasser. Bettina Sättele fordert deshalb für Landwirte und Obstbauern Unterstützung vom Land über einen Entschädigungsfonds.

Eingewandert sind die Biber von Bayern. Dort nagen sich nach Auskunft von Franz Spannenkrebs bis zu 20 000 Tiere durch die Wälder. Weil fast alle Reviere besetzt sind, wandern sie Richtung Westen. „Sie breiten sich so lange im Land aus, bis sie auch das letzte Revier besetzt haben“, sagt Spannenkrebs. Dann reguliere die Natur die Verbreitung. „Davon sind wir aber noch weit entfernt.“ Er hält es für „ausgeschlossen“, dass in Baden-Württemberg je Biber getötet werden – was in Bayern praktiziert wird. Dort werden Problem-Biber in Ausnahmefällen von Jägern getötet.

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20.12.2016, 06:00 Uhr

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