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Götz Adriani steuert den Tübinger Vertrag an
Beheims Porträt des Kaisers Maximilian, Kohle auf feinem Bütten, um 1518. Für 18300 Euro wurde es erst in diesem Oktober in einem Münchner Auktionshaus ersteigert.
Vom Schälen der Zwiebel

Götz Adriani steuert den Tübinger Vertrag an

Der erste Schritt ist getan: Tübingens Gemeinderat billigte das Konzept, mit dem Götz Adriani in der Kunsthalle die große Ausstellung zu „500 Jahre Tübinger Vertrag“ retten will. Sie soll nun nur noch 600 000 Euro statt einer Million Euro kosten. Ein Drittel müsste die Stadt beisteuern.

19.12.2012

Tübingen. Das ehrgeizige Unterfangen stand auf der Kippe, nachdem der ursprünglich ausgeguckte Berliner Ausstellungsmacher Daniel Tyradellis wieder abgesagt hatte. So ganz hatte sich Adriani als Kunsthallen-Partner des städtisch befeuerten Projekts auch nicht mit dem Freiheitsbegriff von Tyradellis angefreundet, es eher kritisch gesehen. Außerdem, so der Stiftungsvorsitzende gestern zum TAGBLATT, war bislang zu wenig der Aspekt berücksichtigt, was der damalige Kaiser Maximilian als oberste Reichsinstanz für eine Rolle spielte in den Verhandlungen um den Tübinger Vertrag von 1514.

Als Adriani am Montagabend im Tübinger Gemeinderat für das Vorhaben warb, hatte er ein voraussichtliches Exponat gleich dabei, auf das er stolz sein darf: Hans Sebald Beheims Maximilian-Porträt, entstanden nach der – heute in der Wiener Albertina befindlichen – Zeichnung des mutmaßlichen Beheim-Lehrers Dürer. Mit der Albertina stellte Adriani gleich einen hochkarätigen Leihgeber in Aussicht, zu dem der Kunsthallen-Chef einen guten Draht hat. Auch im Fürstenhaus derer von Waldburg-Wolfegg, bei den Nachfahren des berüchtigten „Bauern-Jörgs“, hofft Adriani offene Türen einzurennen, ebenso bei weiteren Privatsammlern.

Es gibt bereits Kontakte zur Tübinger Uni (siehe auch weiter hinten auf Seite 21) und zum Fraunhofer-Institut, das für die technischen Dinge bereit stünde, aber auch für das didaktische Konzept, die „Flachware“ näher ans Volk zu bringen. Adriani hat einen auswärtigen Historiker an der Hand, der über den Armen Konrad und den Tübinger Vertrag promoviert hat und als landeskundiger Kurator dabei wäre. Die Kunsthalle übernimmt die organisatorische Aufgaben, die Stadt wäre weiterhin Mitveranstalterin und fürs Marketing zuständig.

„Ohne Ihr Plazet kann ich nicht anfangen“, bat Adriani die Stadträte um zügige Zustimmung. Mit dem alten Konzept waren die Gesamtkosten der Ausstellung auf eine Million Euro beziffert worden. Adriani glaubt, „mit 600 000 Euro müsste das zu stemmen sein“. Mit OB Boris Palmer macht er die Rechnung auf, dass ein Drittel von der Stadt und ein weiteres Drittel vom Land kommen sollten.

100 000 Euro kämen dabei von der Kunsthallen-Stiftung, und zwar aus den Zins-Erlösen des Stiftungskapitals, wie Adriani gestern präzisierte. Die fehlenden 100 000 Euro dieser Kalkulation müssten dann über den Kartenverkauf eingespielt werden. Das sollte zu schaffen sein, meint Adriani, er rechnet mit 40 000 bis 50 000 Besuchern.

Götz Adriani erinnert sich noch gut an die kleine Jubiläumsausstellung zum Tübinger Vertrag vor 50 Jahren, als er hier studierte. Vor allem ein paar Stadtansichten aus dem 19. und 20. Jahrhundert gab es da zu sehen, und „das ominöse Theaterstück“ auf dem Marktplatz (Paul Wanners „Der Tübinger Vertrag“). Adriani: „Das ist einer Stadt wie Tübingen nicht gemäß.“

Der 72-jährige Adriani, der 2009 bereits bei Burda in Baden-Baden mit einer großen Habsburger-Schau („Die Künstler der Kaiser“) glänzte, interessiert sich schon länger mit Herzblut für Geschichte, wie er sagt. Im Gemeinderat hielt er eine kleine Lehrstunde ab; stufte den Tübinger Vertrag dabei ein als „Produkt zwischen Herrschaft und Landständen zum Unglück des gemeinen Mannes“ und als „großen Fortschritt zwischen Herzog und Ehrbarkeit unter Weglassung des Adels und des kleinen Mannes“. Das sei keineswegs die „Magna Charta Württembergs“, kein „Vertrag zwischen Gleichrangigen, sondern ein Schiedsspruch: Vertragt Euch!“

Adriani richtete die Ausstellung an der „Metapher einer Zwiebel“ aus, mit dem Vertrag als Kern und der Umbruchzeit um das Jahr 1514 als erste Schicht. Machiavellis „Principe“, Thomas Morus’ „Utopia“, Martin Waldseemüllers Weltkarte von 1507, die erstmals die Neue Welt als Amerika bezeichnete (Adriani: „Der Name kam aus Freiburg!“); dazu Papst Leo X. und sein Ablasshandel, auf den der Protestantismus zurückgeht, Dürers „Melancholia“: Es war, so Adriani, ein „ungemein spannende Zeit!“

Eine weitere Schalenschicht würde untersuchen, ob und wie der Tübinger Vertrag zwischen die Magna Charta von 1215 und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 passt. „England und Württemberg haben Verträge entwickelt, die über Jahrhunderte gut funktioniert haben.“ Die letzte Schale gilt dem Nachwirken im 19. Jahrhundert. Uhlands „altem Recht“, aber auch Friedrich Engels, der in seinem Bauernkriegs-Panorama von 1875 kein gutes Haar am Tübinger Vertrag ließ.

Wichtig ist für Adriani die Einbeziehung des Kaisers: Wie er die Propagandamittel und Medien der damaligen Zeit, den Holzschnitt und den Buchdruck, zu nutzen verstand. Und wie die Habsburger den württembergischen Herzog zur Räson brachten und unter Kuratel stellten. Ein Aspekt, der im vorigen Konzept noch nicht unterstrichen wurde. Die zeitgenössische Bildende Kunst sieht der Kunsthallen-Chef dagegen nicht in der Pflicht: „Ai Weiwei hat nichts mit dem Tübinger Vertrag zu tun, mehr mit dem Platz des himmlischen Friedens!“ Die Fraktionen im Gemeinderat folgten nicht nur aufmerksam dem Vortrag, sondern dann auch dem Ausstellungsmacher in der Sache. Manche Stadträte möchten allerdings das Stadtmuseum stärker einbeziehen. Außerdem wollen die Mehrheitsfraktionen den städtischen Anteil mit 200 000 Euro deckeln. So steht er bereits im Haushaltsentwurf. Erste 20 000 Euro wurden vorgestern gleich genehmigt, als Grundlage für Verhandlungen mit dem Land.

Dass die Landesregierung den Tübinger Antrag mit dem Hinweis verwirft, nur Landesausstellungen zu fördern, glaubte Adriani gestern gegenüber dem TAGBLATT nicht: „Sie fördert Arme-Konrad-Aktivitäten im Remstal mit dem gleichen Betrag!“ Im „frühen Frühjahr“ müsse die Finanzierung stehen, der Zeitdruck sei da: „Man hätte vor zwei Jahren beginnen sollen.“ Termin ist nun nicht Juli, sondern September 2014.

Götz Adriani steuert den Tübinger Vertrag an
Tübingens Wappen über dem Tübinger Vertrag, als Kopie im Stadtarchiv vorhanden.

Götz Adriani steuert den Tübinger Vertrag an

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19.12.2012, 12:00 Uhr

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