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Münzen und Notizen aus dem Marktbrunnen erzählen Stadtgeschichte

Gold in der Schweinsblase

Wegen schwerer Witterungsschäden musste Rottenburgs gotischer Marktbrunnen vor hundert Jahren durch eine Kopie ersetzt werden. Beim Abbau des steinernen Original-Kunstwerks fand sich eine völlig durchnässte Urkunde samt sieben Geldstücken.

18.06.2011
  • Ursula Kuttler-Merz

Rottenburg. „Im Jahr eintausendachthundertsiebenundvierzig nach Christi Geburt, einundvierzig Jahre nach dem Übergang der früher niederhohenbergischen Stadt Rottenburg a.N. an die Krone Württemberg (...) wurde dieser Bronnen, Marktbronnen genannt, gemäß Beschluss des hiesigen Stadtrats (...) neu hergestellt.“ So beginnt die in der „Bronnensäule“ entdeckte Botschaft. Sie lag in einer angeblich zinnernen Kapsel, die in Anwesenheit städtischer Honoratioren feierlich geöffnet wurde.

Den mittelalterlichen Marktbrunnen erbaute, diesem Papier zufolge, „die Frau Erzherzogin von Österreich Mechthild geborene Pfalzgräfin bei Rhein wahrscheinlich als Denkmal für ihren 1463 zu Wien verstorbenen Gemahl Erzherzog Albrecht VI“. Nach heutigen Erkenntnissen gilt dies allerdings als unwahrscheinlich. Unabhängig von der Stifterfrage wurde der Brunnen – einer der schönsten in Südwestdeutschland – im Jahr 1847, auf Beschluss des Stadtschultheißen Hofmeister und des Gemeinderats, restauriert und zwar von Bildhauer Machold aus Reutlingen mit „Beihilfe des hiesigen Steinhauermeisters“ Bartholomäus Hofmeister.

Grund für derartige Erneuerungen waren nicht nur Verwitterungsschäden, sondern auch Lausbuben, die bei herbstlichen Zielübungen mit Kastanien auf die bröckelnden Steinverzierungen schossen.

Die Brunnen-Kapsel enthielt neben der Urkunde zwei Goldgulden von 1847, eine Jubiläumsmünze zur Feier des 25-jährigen Regierungsjubiläums von König Wilhelm, einen halben Gulden von 1847 sowie Münzen zu sechs, drei, einem und einem halben Kreuzer aus dem selben Jahr.

Beigelegt war außerdem eine durch Wasserschaden fast unleserlich gewordene Beschreibung der Stadt, die im Staatsarchiv Stuttgart rekonstruiert wurde. Demnach gab es damals außer Bischof, Priesterseminar, Oberamt, Oberamtsgericht, Dekan, Revierförster und Cameralamt „deutsche Schulen, an denen derzeit 6 Haupt- und 3 Unterlehrer und 1 Schulgehilfe angestellt sind“, dazu ein Gymnasium „mit 3 Präzeptoren und eine Realschule mit 1 Lehrer“ – ein überschaubares Bildungsangebot. Die „Seelenzahl Rottenburgs am 3. Dezember 1846 belief sich auf 3210 männlichen und 3245 weiblichen Geschlechts.“

1846 kaufte Rottenburg Weizen in Nordamerika

Der „dißjährige Hopfen“ erreichte, so die Aufzeichnung, „obwohl nach Quantität und Qualität ausgezeichnet, einen Preis von nur 8 - 10 Gulden pr. Centner“. Die Getreidepreise stiegen in eine Höhe, „wie sie seit 1817 (damals herrschte eine furchtbare Hungersnot) nicht mehr vorgekommen, z.B. kostete 1 Scheffel Dinkel 18 Gulden“.

Die Preise stiegen so stark, dass die Rottenburger Stadtpflege „mit anderen Städten nordamerikanischen Weizen aufkaufte“ und hierfür ein Kapital von 11 000 Gulden aufnehmen musste – eine ungeheure Summe. Den Bürgern wurden „diese Früchte“ zu herabgesetzten Preisen „verabfolgt“. Doch wenigstens war der „heurige Obstertrag ein recht gesegneter“. Die nächste Ernte war glücklicherweise wieder besser. Zum Aufatmen hatten die Bürger dennoch wenig Anlass, denn in jenem Jahr gab es auch in Rottenburg statt der Teuerung die Unruhen der 1848er Revolution.

Das Geheimnis der laut Urkunden aus Zinn hergestellten Marktbrunnen-Kapsel ließ sich im Stadtarchiv lüften: Dort fand sich eine Rechnung des 1798 in Horb als Sohn eines Zinngießers geborenen, in Rottenburg mit einer Wendelstein-Tochter verheirateten Zinngießers Aloys Besson, der das Behältnis einst fertigte. Es war aber, laut Auflistung vom 28. Oktober 1847, gar nicht aus Zinn sondern „von Bley“!

Um den Inhalt der Kapsel künftig vor Witterungseinflüssen zu schützen, wurde die Urkunde in eine Schweinsblase eingehüllt und die Geldstücke in Wachs eingedrückt. Flaschnermeister Johann Diebold lötete die Kapsel zu, und Bildhauer Josef Walz setzte sie wieder im mittelalterlichen Brunnen ein.

Die Hohlräume wurden mit Zement ausgegossen und durch einen heißen Wachsguss nach außen isoliert, was Stadtschultheiß Winghofer, Gemeinderat, Stadtbaumeister Bock, Bildhauer Walz und Ratschreiber Johner urkundlich bezeugten.

Der jetzige Rottenburger Marktbrunnen, eine Kopie des in der Morizkirche untergebrachten gotischen Originals, konnte im Advent 1911 eingeweiht werden – ohne Gold und Schweinsblase.

Gold in der Schweinsblase
Vor hundert Jahren wurde der gotische Marktbrunnen durch eine Kopie ersetzt.

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18.06.2011, 12:00 Uhr

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