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Wenn Schulkinder sich frühzeitig in die Ferien verabschieden

Gomaringer Rektor schickte zum Abflug die Polizei

Ein Rektor rief die Polizei, weil eine Grundschülerin zu früh in den Urlaub flog. Die Eltern sind empört, der Schulleiter verweist auf seine Pflichten – und darauf, dass er keine Ausnahme machen kann. Früher wegzufahren ist reizvoll – denn außerhalb der Ferien sind die Flüge billiger.

28.07.2012
  • gabi Schweizer, Ulrike Pfeil

Gomaringen / Kreis Tübingen. Sie wollten zur Oma nach Kalabrien. Vanessa, 18 Jahre alt, und Rebecca, die siebenjährige Schwester. Im Geschäft ihres Vaters Massimo L. türmt sich die Arbeit. Vor dem 20. August würden er und seine Frau nicht wegkommen, das zeichnete sich in den vergangenen Tagen ab. Und so beschloss er, Rebecca in Vanessas Obhut zu geben. Vor einer Woche hatte er den Flug gebucht – 350 Euro für beide, ein Schnäppchen. Das Problem: Der Flug ging schon am Mittwoch – dem letzten Schultag.

Am Montagabend schrieb Massimo L. eine Mail an den Rektor der Gomaringer Schloss-Schule mit der Bitte, Rebecca am Mittwoch vom Unterricht zu befreien. Der Flug sei umgebucht worden, las Joachim Allgaier. Und wurde hellhörig, denn aus langer Erfahrung weiß er: „Der Ferienbeginn wird entweder vom Wetter oder von den Kosten der Flüge bestimmt.“ Jedenfalls: Allgaier rief beim Reisebüro an. Und fand heraus, dass das so nicht stimmte. Eine falsche Formulierung, sagt L. zu der Mail – er habe die Sache schon am Dienstagmorgen richtiggestellt und Allgaier – nach Aufforderung – sogar die Buchungsunterlagen geschickt.

Allgaier jedenfalls sagte Nein zum frühen Ferienbeginn. Er betont, dass er keinen Präzendenzfall schaffen wollte. Was er einer Familie gestatte, müsse er allen erlauben. Das Kultusministerium habe die Schulen angewiesen, gerade vor Ferienbeginn ganz genau zu prüfen, ob jemand einfach den Urlaub verlängern möchte. Was nicht erlaubt ist.

Andererseits gibt es Fälle, in denen Kinder nicht zur Schule müssen – freudige, wie der 90. Geburtstag der Oma, und traurige, wie Beerdigungen. Der Gomaringer Rektor verlangt dann einen Nachweis. Eine Todesanzeige in der Zeitung zum Beispiel. Andere Kollegen bauen auf gegenseitiges Vertrauen. Robert Conzelmann, Leiter der Mössinger Gottlieb-Rühle-Schule, möchte „nicht Polizei spielen“. Wer eine Beurlaubung will, muss aber einen schriftlichen Antrag stellen.

Joachim Allgaier findet es nicht richtig, dass er erst gefragt wurde, als der Flug schon gebucht war. Und so bat er die Polizei um „Amtshilfe“, als Rebecca am Mittwoch nicht auftauchte – die Beamten sollten am Flughafen nachsehen, ob das Mädchen dort sei. So kann der Rektor Anzeige erstatten – ein Bußgeld ist wohl die Folge. Doch auch Massimo L. mag die Sache nicht auf sich beruhen lassen und will Dienstaufsichtsbeschwerde einlegen. Die Tochter sei nach dem Polizei-Intermezzo völlig aufgelöst gewesen und wolle gar nicht mehr in Italien bleiben. Die Polizei versichert, die Befragung sei ruhig verlaufen. Anwalt Rainer Schumann sieht es so: Da hat jemand die Tochter nicht einfach krank gemeldet – „und dann steht ein siebenjähriges Kind am Flughafen und heult“.

Dass Schüler am letzten Schultag frei haben wollen, um vorzeitig in die Ferien aufzubrechen, oder krank gemeldet werden, ist keine Seltenheit. „Die Omas und Opas sterben immer vor den Ferien und sind hinterher wieder wohlauf“, berichtet eine Tübinger Schulsekretärin aus ihrer Erfahrung mit einschlägigen Ausreden. Andererseits versteht sie die Eltern: „Die Wirtschaft ist schuld.“ Denn mit dem ersten Ferientag verteuern sich die Flüge in Ferienregionen meist empfindlich.

Anfragen auf vorzeitige Beurlaubung kennt auch Karl-Heinz Zimmermann, der stellvertretende Leiter der Gewerblichen Schule in Tübingen. „Wir versuchen das zu verhindern“, sagt er. „Aber wenn sich jemand krank meldet, können wir es nicht nachprüfen.“ Vor Jahren entschuldigte sich ein Schüler mal von Mallorca aus mit einer Mail: Er habe nicht gewusst, dass die Pfingstferien in jenem Jahr nur eine Woche dauerten. Er bekam eine Verwarnung.

Schulleiter haben auf das Einhalten der Schulpflicht zu achten. Dabei sollte „die Verhältnismäßigkeit gewahrt sein“, teilt das Kultusministerium in Stuttgart mit. Das Einschalten der Polizei sei „die Ausnahme“. Da die Verletzung der Schulpflicht als Ordnungswidrigkeit eingestuft ist, könne die Polizei lediglich die Personalien der säumigen Schüler aufnehmen. „Die Möglichkeit einer Beurlaubung vor oder nach Ferien wegen einer Urlaubsreise ist (...) nicht vorgesehen und darf von den Schulleiterinnen und Schulleitern nur unter Anlegung strengster Maßstäbe ausgesprochen werden“, heißt es in der Erklärung des Ministeriums, das zum Gomaringer Fall nicht direkt Stellung nahm. Konkrete Zahlen zu Beurlaubungswünschen hat das Ministerium nicht.

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28.07.2012, 12:00 Uhr

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