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Gottes eingesperrte Kinder
Die 29-jährige Deborah Feldman auf Lesereise in Ulm. Foto: Lars Schwerdtfeger
Deborah Feldman hatte die Kraft, sich aus einer jüdischen Sekte zu befreien: "Unorthodox"

Gottes eingesperrte Kinder

Es ist ein erschütterndes Buch gegen religiösen Fundamentalismus. Mit "Unorthodox" landete Deborah Feldman in den USA einen Bestseller, jetzt ist ihre autobiografische Erzählung auf Deutsch erschienen.

19.04.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Am Morgen nach der Hochzeit kommt Tante Chaya mit dem elektrischen Rasierer ins Schlafzimmer. "Es ist seltsam, mein Haar in den Eimer fallen zu sehen, aber da geht es dahin, in flauschigen braunen Büscheln", erinnert sich die Ich-Erzählerin. In der ultraorthodoxen Satmar-Gemeinde werden bis heute verheiratete Frauen geschoren. Das ist jüdischer Fundamentalismus mitten in New York, in Brooklyn-Williamsburg. Die chassidischen Satmarer mit ungarischen Wurzeln leben noch im 18. Jahrhundert - wie in einem alten Schtetl.

Gegründet hat sich die Satmar-Gemeinde freilich nach dem Zweiten Weltkrieg. Kahle Köpfe, auffällige Kleidung? Abstand sollen die Juden wahren zur Welt. "Assimilation war der Grund für den Holocaust", bläuen die Lehrer den Schülern ein. Opfer müssen Gott fortwährend gebracht werden. "Ehrlecher", frommer als je ein Jude gewesen ist, sollen die Menschen sein, fordert der Rabbi. Die Shoah, so lernen sie es, war eine von Gott verhängte Strafe. "Wenn wir uns bis aufs Äußerste bemühen, dass Gott stolz auf uns ist, werde er uns niemals mehr so wehtun, wie er es im Krieg getan." Das hörte Deborah Feldman als Kind von ihrer Großmutter Bubby - und mit 17 wird sie selbst verheiratet und rasiert.

Heute ist sie 29 Jahre alt, eine toughe, intelligente, fröhliche Amerikanerin mit schulterlangen braunen Haaren. Und eine Bestsellerautorin. Deborah Feldman ist der Hölle entkommen, sie hat sich selbstbewusst, mutig, mit viel Kraft befreit und die ersten 23 Jahre ihres Lebens dann hinter sich gelassen: auch mit einem Buch. Sie hat alles aufgeschrieben, so erschütternd offen wie analytisch klar und mit überwältigendem Gerechtigkeitsempfinden. "Unorthodox" heißt die autobiografische Erzählung, die Deborah Feldman 2012 in den USA veröffentlichte und die dort schnell eine Millionenauflage erreichte. Seit bald zwei Jahren lebt die Autorin mit ihrem Sohn in Berlin und findet nun auch in Deutschland mit ihrem Buch ein großes Publikum.

Sie erspart dem Leser kein Detail, schreibt aber ohne Hass, in einem ruhigen Tonfall, auch mal mit heiterer Lakonie. Nach der Zwangsehe muss eine Satmarerin fleißig gebären, um die Population zu garantieren. Auch davon erzählt die Autorin: wie Sexualität ein Tabu ist, wie schon ein Kind lernt, dass der Körper eine Quelle des Bösen ist, aber wie Frau und Mann in der Hochzeitsnacht dann gleichermaßen ahnungslos und furchtbar gehemmt sich begegnen. Deborah Feldman endete beim chassidischen Sexualtherapeuten, ihr "Muskelgedächtnis" war lange nicht zu korrigieren, sie litt unter "Vaginismus", ihre Psyche wehrte sich.

Als sie und ihr Mann Eli nach einem Jahr dann doch die Ehe "vollziehen", wird sie schwanger. Die Geburt ihres Sohnes aber ist ein entscheidender Auslöser ihrer Fluchtgedanken: "Ich wollte keinen anderen Menschen zu dem verurteilen, was ich erlebt habe." Das heißt: in einer Welt aufwachsen, in der fast alles verboten ist, auch Englisch als eine Sprache des Teufels.

Deborah las als Kind heimlich die verbotenen Bücher, träumte sich wie Alice in ein Wunderland. Und weil sie die Tochter eines geistig behinderten Mannes war, ihre ahnungslose Mutter nach der arrangierten Ehe bald davonlief, litt das Kind auch darunter, "Produkt eines Skandals" zu sein. Ein Leben in Ritualen, in Angst und Unterdrückung. Das erzählt sie in ihrem auch literarisch wertvollen Buch zunächst aus der kindlichen Perspektive einer Elfjährigen, die fortwährend aneckt. Sie nimmt die Leser mit nach Williamsburg, lässt sie teilhaben an ihren Gedanken, lässt sie in ihre Seele schauen. In Bubby, der Großmutter, hat das Kind eine Vertraute. Aber einfach "Ich liebe dich" kann Bubby nicht sagen. "Sie hat gekocht, gebacken, das Essen hingestellt, das war der Ersatz für Liebe, Wärme, Frieden, Ruhe . . ."

Dass sie derart mit der Satmar-Gemeinde abrechnete, rief in den USA heftige Kritik unter chassidischen Juden hervor. In Deutschland, dem Land der Holocaust-Täter, hatte gewiss mancher politisch allzu korrekte Verleger Skrupel, Deborah Feldmans "Unorthodox" zu veröffentlichen. Aber es ist ein Aufklärungsbuch über religiösen Extremismus jedweder Art.

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19.04.2016, 06:00 Uhr

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