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Mit Wucht und Wut im Bauch

Grachmusikoff gaben im Sudhaus wieder mal die ewige Jugend

Es gibt ein Leben jenseits der 40. Alle Jahre wieder, an Weihnachten. Früher im Zentrum Zoo, mittlerweile im Sudhaus. Grachmusikoff spielten wieder drei Abende in Folge, dieses Jahr zumindest am Samstag vor voller Hütte, mit Wucht und Wut wie einst.

28.12.2014
  • Matthias Reichert

Vielleicht 200 Leute kamen am Freitag. Eher ältere Semester. Publikumsgespräche drehen sich um die tägliche Mühle im Job und um das Finanzamt. Eine rothaarige Frau tanzt mit dem Teufel im Leib, die übrigen schunkeln eher verhalten mit. Ein paarmal gehen Feuerzeuge an.

„Willkommen zum Weihnachtsfest der Volksmusik“ – Georg Köberlein ist um keinen Kalauer verlegen. „Ich will Rente“, steht auf seinem gelben T-Shirt. Ein bisschen kokettieren sie damit, dass sie eigentlich längst im Ruhestand sein sollten. Aber Spaß scheint es ihnen auch zu machen. Georg ist der Frontman im ersten Teil des Auftritts. Er philosophiert über Hegel und die doppelte schwäbische Sprachverwirrung. Dazu singen sie „Koiner hot se wella, aber I han se kriagt“ über die Beißzange aller Beißzangen daheim. Ein früher Klassiker des einstigen akustischen Trios der fiktiven Brüder Igor, Boris und Nikita Grachmusikoff. Das waren Georg Köberlein, sein Bruder Alexander und Hansi Fink, Kindergartenkumpel und Gitarrist. Verstärkt werden sie im Sudhaus durch Schlagzeuger Martin Mohr und Bassist Paul Harriman.

Bauernkrieg und Bad Schussenried

Sie singen vom lieben Gott und vom Teufel, mit Orgelvorspiel und jaulenden Gitarren. „Sankt Magnus steh mir bei.“ Grachmusikoffs Lied vom Bauernkrieg. Georg streitet ab, ein Softie zu sein. Vor Jahren, juxt Alex am Keyboard, sei dieser der Chef einer Waiblinger Motorradgruppe gewesen. „Absolute Leidenschaft“, mit dem Pappendeckel an den Speichen. Bei einem anderen Lied vergisst Georg, die Posaune zu nehmen. „Das ist richtig Alzheimer“, lästert Alex. Später erklärt er, der Bruder brauche eigentlich ein Hörgerät, wie es der Bassist schon habe.

Kunstnebel wabert, graue Haare fliegen durch die Luft. „Zu wenig zum Leba, zu viel zum Verrecka.“ Und das Lied vom Transvestit, schön verrucht. Im zweiten Teil: „Koiner ischt gefeit“, der Song aus dem Knast. Infernalisch. Jetzt übernimmt Alex Köberlein das Kommando. Mit der alten Wut erzählt er vom schlimmen Drogenrausch von 1979, dazu der Schwoißfuaß-Klassiker „Dr tägliche Wahn“. Er schimpft auf sadistische und prügelnde Lehrer in den späten 50ern, lobt Gerd Weimers Tübinger Aufklärungskampagne. Und erzählt aus dem Bad Schussenried ihrer Kindheit und Jugend. „Scheiß-Erinnerung“ mit Ukulele, ein neueres Lied: „Schläge, bis der Buckel blutig ist, wegen nix und wieder nix.“ Oder der Song aus der Seniorenresidenz Sonnenschein, mit viel Selbstironie: Kiffen mit grauen Strähnen, vielleicht haben wir nur noch eine Nacht. Gänsehaut im Publikum.

Der „Gogo Boy“ mit dem Stachel in der oberschwäbischen Seele. Alex spuckt Gift und Galle: Bad Schussenried als Zustand, an dem man sich ein Leben lang abarbeitet. Ein ergrauter Mann mit Stoppelhaar im Publikum rastet schier aus. Das erleuchtete Lied vom Ochsen, Georgs Posaune muht wie die bescheuerten Sinnsucher, die hier einen musikalischen Tritt kriegen.

Die Popularität von Schwoißfuaß machte Anfang der 1980er Jahre die Formation Grachmusikoff zum Nebenprojekt – und jetzt singen sie die Klassiker von damals, als Höhepunkt „Paule Popstar“ mit gefeierten Soli, endlose Minuten lang, die Zuhörer hoffen, es möge niemals enden. Schwoißfuaß, das ist also ein Zustand, an dem man sich ein Leben lang abarbeitet.

Grachmusikoff gaben im Sudhaus wieder mal die ewige Jugend
„Zu wenig zum Leba, zu viel zum Verrecka.“ Georg Köberlein als Frontmann der Altschwabenrocker Grachmusikoff im Tübinger Sudhaus.Bild: Faden

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28.12.2014, 12:00 Uhr

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