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Grieche aus Sibirien
Wird 2018 Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters: Teodor Currentzis. Foto: SWR/Anton Zavjyalov
SWR Symphonieorchester

Grieche aus Sibirien

Lange hat der Südwestrundfunk gesucht und jetzt auch einen international prominenten Chefdirigenten gefunden: Teodor Currentzis.

06.04.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. In Russland schickte man früher die Unerwünschten nach Sibirien. Es geht auch mal anders herum: Das SWR Symphonieorchester hat überraschend Teodor Currentzis als künftigen Chefdirigenten verpflichtet, einen Athener mit russischem Pass, der von Nowosibirsk und Perm aus die Musikwelt aufmischt. Ein Coup der Stuttgarter. Der 45-jährige Currentzis gehört zu den Shootingstars in seinem Gewerbe, er hat eine euphorische Fangemeinde – und auch Gegner, die ihm Effekthascherei vorwerfen. 2016 kürten ihn die Kritiker der „Opernwelt“ zum „Dirigenten des Jahres“. Das Fachblatt überschrieb das Porträt mit „Kunst und Kult“.

Im sibirischen Perm jedenfalls leitet Currentzis seit 2011 als Musikdirektor das Operntheater, und mit seinem Ensemble MusicAeterna hat er internationalen Erfolg nicht zuletzt mit Einspielungen von Mozart-Opern. Jetzt in diesem Sommer gibt Currentzis auch sein Debüt bei den Salzburger Festspielen mit Mozarts „La clemenza di Tito“.

Also, das ist der lange gesuchte internationale Name. SWR-Intendant Peter Boudgoust freute sich gestern über eine „herausragende Künstlerpersönlichkeit“. Und eine solche braucht das neue SWR Symphonieorchester auch dringend, dieser noch rund 170 Musikerinnen und Musiker starke Klangkörper – das Resultat der so umstrittenen, von Boudgoust so konsequent gegen jede Kritik durchgesetzten Orchesterfusion.

In diese aktuelle, die erste Saison war das neue SWR Symphonieorchester ohne Chefdirigent gestartet. Peter Eötvös hatte das Auftaktkonzert geleitet, Altmeister Christoph Eschenbach übernimmt mehrere Programme, ging mit dem Orchester schon auf Tournee. Es war auch die Frage gewesen, welcher Top-Dirigent nach der großen Solidaritäts- und Protestwelle gegen die Fusion sich als Chef zur Verfügung stellen würde.

Dringend benötigt

Johannes Bultmann, der künstlerische Gesamtleiter der SWR-Klangkörper, hatte vor der Saison gesagt, dass man genug Baustellen, offene Gräben und Allzumenschliches zu bewältigen habe: Wie also hätten die vielen Musikerinnen und Musiker, die zu einem Klangkörper zusammenwachsen sollen, auch noch einen Dirigenten testen und einen Chef ihrer Wahl mitbestimmen wollen? Die bisherigen Konzerte des SWR Symphonieorchesters in durchaus unterschiedlicher Qualität haben freilich gezeigt, dass ein Chefdirigent mit Charisma fehlt: als sehr präsenter Klangarbeiter. Das Orchester muss schließlich seine Identität finden, sich auch auf dem internationalen Markt etablieren, verkaufen. Currentzis jedenfalls kann viel: historische Aufführungspraxis wie Avantgarde.

In Perm ist Currentzis der unumstrittene Musik-Oligarch: „Ich bin hier, weil ich ein Exil brauche, um neue Regeln zu definieren. Ich möchte mit Musikern zusammen sein, die hierher kommen, weil sie mit mir arbeiten wollen. Hier ist ja sonst nichts“, zitiert ihn die „Opernwelt“. Soll heißen: Currentzis, der „Klassik-Rebell“, ist ein Probenfanatiker, hasst Orchesterbürokratentum, ist bekannt für unkonventionelle Interpretationen. Das kann spannend werden, wen er nun, von der Spielzeit 2908/2019 an, die Leitung des SWR Symphonieorchesters als Chefdirigent übernimmt.

Was auch bedeutet, dass dieses fusionierte Orchester zunächst eine weitere Saison ohne Chef bleibt. Immerhin leitet Currentzis am 18. und 19. Januar in der Stuttgarter Liederhalle und am 21. Januar 2018 im Freiburger Konzerthaus drei Konzerte: Anton Bruckners „dem lieben Gott“ gewidmete 9. Sinfonie, was zum griechisch-russischen Spiritualisten gut passt. Currentzis aber hat schon das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und auch das Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg dirigiert, ja er wurde 2011 dessen Erster Gastdirigent. So bekommen die Freiburger, das eigentliche Opfer der SWR-Fusion, denn der Sitz des neuen Symphonieorchesters ist Stuttgart, immerhin künftig einen vertrauten neuen Chef.

Und der zeigt sich per SWR-Pressemitteilung so „glücklich“ wie vermittelnd und enthusiastisch: „Für mich ist es von besonderer Bedeutung, den Reichtum beider Ensemble-Traditionen aufzugreifen und das neue Orchester aus dem Besten der beiden Klangkörper zu gestalten.“

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06.04.2017, 06:00 Uhr

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