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Euro-Land fast abgebrannt

Griechenland muss raus, fordern Starbatty und Stark

Die Euro-Dauer-Krise beschäftigte am Donnerstagabend ein mit hochkarätigen Wirtschaftsexperten besetztes Podium. Gut 400 Interessierte wollten im Kupferbau hören, ob es noch eine Rettung für Europas Gemeinschaftswährung gibt. Dabei wurde teils rüde gegen Griechenland gepoltert.

24.11.2012
  • Volker Rekittke

Jürgen Stark mag rhetorische Fragen. Die Griechen mag er offenbar nicht so sehr: „Sind wir wirklich überrascht von Griechenland?“ Nein, sind wir nicht: „Das neuere Griechenland seit 1830 zeigte eine ständige Neigung zur Insolvenz“, sagte das ehemalige Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) unter dem Applaus eines Gutteils der 400 im Kupferbau Versammelten.

Euro-Rettung wird noch viel Geld kosten

Stark ist Honorarprofessor in Tübingen. 2011 hatte er wegen der von ihm heftig kritisierten Staatsanleihenkäufe der Zentralbank als EZB-Direktor hingeschmissen. In Tübingen sagte er am Donnerstag: „Die Euro-Zone ist mit zu vielen Ländern gestartet“ – und machte sich unumwunden für den Austritt Griechenlands stark: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Fass ohne Boden.“

„Die Zukunft des Euro und Europas“ hieß die Veranstaltung, zu der die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft geladen hatte. Deren Vorsitzender ist der emeritierte Tübinger Wirtschaftswissenschaftler und scharfe Euro-Kritiker Joachim Starbatty, der den Zerfall der Euro-Zone samt Austritt Griechenlands im TAGBLATT schon vor Jahresfrist für „spätestens 2013“ vorausgesagt hatte. Auf dem Podium plädierte er erneut für den Austritt der Griechen, die dann ihre alte-neue Drachme abwerten und so wettbewerbsfähiger werden könnten – auch im Tourismusbereich: „Griechenland ist ein wunderbares Land, es lechzt geradezu danach, genossen zu werden.“ Applaus, Gelächter. Das saß.

Prof. Wilhelm Kohler vom Lehrstuhl für Internationale Wirtschaftsbeziehungen hielt tapfer dagegen: „Das griechische Problem wird nicht durch einen Austritt gelöst.“ Denn dann wäre das Land in (Euro-)Fremdwährung verschuldet, bei jeder Drachmen-Abwertung wüchse die Auslandsschuld. Deshalb, so Kohler: „Ein weiterer Schuldenschnitt ist notwendig.“ Starbatty zeigte sich unbeeindruckt: „Man kann sich abschminken, dass die Griechen irgendwas zurückzahlen – weder innerhalb noch außerhalb der Eurozone.“

Prorektor Heinz-Dieter Assmann, der die Debatte moderierte, zitierte Artikel 125 des EU-Vertrages („Die Union haftet nicht für Verbindlichkeiten der Zentralregierungen“) und wetterte: „Was da passiert ist, ist ein Rechtsbruch.“ Hätte er vor 2002 gewusst, dass die so genannte No Bailout-(Nicht-Beistands-)Klausel „keine Wirkung hat, wäre ich gegen die Einführung des Euro gewesen“.

Bei so viel Emotion können Zwischentöne und Interpretationsspielräume leicht verloren gehen. Der Europarechtler Martin Nettesheim wies Assmann darauf hin, dass zwar kein Mitgliedsstaat gezwungen werden kann, die Schulden eines anderen zu übernehmen, es aber andererseits auch nicht verboten ist, wenn Länder auf freiwilliger Basis in Haftung für andere gehen. Zudem gab Nettesheim zu bedenken: Im EU-Vertrag sei eine solch existenzielle Krise schlicht nicht geregelt. Der Prozessbevollmächtigte der Bundesregierung bei der Verfassungsbeschwerde gegen den ESM gab sich optimistisch: „Wir werden diesen Euro retten.“ Jedoch: „Das wird viel Geld kosten.“

Strukturreformen und Sanktionen gegen Sünder

Und was ist dazu noch notwendig? Banken regulieren, Schulden begrenzen, Strukturreformen in allen Euro-Ländern einleiten, Sanktionsmöglichkeiten, wenn Länder über ihre Verhältnisse leben, sagte Prof. Claudia Buch. Die Inhaberin des Tübinger Lehrstuhls für Wirtschaftstheorie berät seit März dieses Jahres als eine von fünf Wirtschaftsweisen die Bundesregierung. Apropos Strukturreformen und Haushaltsdisziplin: „Nicht alle verhalten sich da wie Teutonen“, gab Stark zu bedenken – und räumte gleich ein, dass die Defizitgrenze 2002 „zuerst von Deutschland gerissen“ wurde.

Schließlich kam auch das Publikum noch kurz zu Wort. Doch auf die Frage eines Studenten, ob die wirtschaftliche Dominanz Deutschlands nicht mit ein Grund für die Probleme Europas sei, gingen die Professoren nicht ein. Unbeantwortet blieb auch: „Verstehen wir angehenden Volkswirte uns mehr als Deutsche oder als Europäer?“ Kommentiert wurde das nur im Publikum: „Ich versteh mich als Teutone“, sagte einer mit ironischem Unterton zum Nachbarn. Daraufhin der: „Und ich als Schwab.“

Griechenland muss raus, fordern Starbatty und Stark
Gibt es noch Hoffnung für den Euro?Bild: Michael Tieck/Fotolia

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24.11.2012, 12:00 Uhr

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