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Gartenbaurat hat die schwäbische Albflora erkundet

Griegers große Pflanzenkunde

Unverkennbar: „Ick hab‘ immer zu jedem Plan eine Skizze aus der Vogelperspektive gemacht“ – ein Urberliner, am Fuße der Schwäbischen Alb heimisch geworden; seit er im Ruhestand ist, erforscht er hier jedes Kräutlein. Griegers große Pflanzenkunde ist daraus geworden – ein dickes Grundlagenwerk; bisher unveröffentlicht.

15.08.2012
  • Ernst Bauer

Mössingen. Berlin? Wäre das nicht die attraktivere Stadt für einen so umtriebigen Rentner gewesen? Einen, der in der Bundeshauptstadt in vielerlei Hinsicht Wurzeln geschlagen hatte – 42 Jahre lang war Helmut Grieger im Naturschutz- und Grünflächenamt von Neukölln tätig, seit 1976 als Obergartenbaurat und davor als Meister und Leiter des „Bestellwesens“ – „ich war der erste Bauleiter in Berlin, der keinen Ingenieur in der Tasche hatte!“ Im Abendstudium machte er seinen Garten- und Landschaftsarchitekten.

Ein Grün-Experte, den es im Ruhestand dann aber doch in den tiefen Süden zog, denn die Tochter hatte nach Nehren geheiratet. Im Dezember 1992 ist Grieger mit seiner Frau ebenfalls hierher gezogen, nach Mössingen. Und hat es keinen Tag bereut, im Gegenteil: Man finde hier „Ruhe, Erholung – es ist unfassbar!“, schwärmt der „Urberliner“. „Man kann abschalten, Gedanken austauschen, man kann aber auch schweigen!“

Der heute 80-Jährige sieht es inzwischen geradezu als Fügung, dass die Tochter ihr Glück im Schwabenländle fand. Und er mit seiner Frau Ingeborg – „wenn man durch dick und dünn gegangen ist nach dem Krieg, das schweißt zusammen!“ – hier ein gemeinsames Betätigungsfeld im Alter fand: „Es ist natürlich ein großes Glück, dass wir das gleich Hobby haben – wandern, Pflanzen erforschen“.

Das machen die Beiden mit ungewöhnlicher Ausdauer und Intensität: Fast täglich gehen sie auf die nahe- oder auch etwas weiter weg gelegene Alb, „an 300 Tagen im Jahr“; wandern zwischen acht und zehn Kilometer; und da kommt natürlich einiges zusammen – „sonst lohnt es sich ja nicht!“, findet der rüstige Ruheständler, eingewandert aus der Metropole. „Nur um die Häuser zu schleichen als Pensionär, das wäre nicht meine Sache gewesen – wir brauchen die Natur!“

Für Grieger spielt da auch das frühere Insel-Dasein eine Rolle: „Seit 1952 konnten wir Westberliner ja nicht ins Umland, es ist uns verwehrt worden. Uns blieb nur der Wannsee, der Spandauer Forst, der Tegeler Forst und der Grunewald.“ Und „da musste man durch die ganze Stadt fahren, wenn man in den Wald wollte!“

Als überaus bewanderter Pflanzenkundler und Grün-Experte ist Helmut Grieger, nicht zuletzt durch zahlreiche Führungen, nun auch in Mössingen zu einer Art „Pflanzendoktor“ geworden – so haben ihn die Ratsuchenden einst in Neukölln genannt: „Mich kennen ’ne ganze Menge Menschen!“ Christian Lang, der langjährige Nabu-Vorsitzende und Schulrektor, hat ihn auf die Spur der Natur in hiesigen Gefilden gebracht. Die Wanderungen von Grieger und seiner Ehefrau „erstrecken sich über die ganze Alb hier, von der Teck über die Donau hinweg“. Stets hat er sein Notizbuch dabei, schreibt „Pflanzen auf, die ich sehe, mache meine Zeichnungen“.

Und im Laufe der Jahre hat sich daraus eine ganz und gar ungewöhnliche Blättersammlung entwickelt – die Albflora in Ringbuchform, in einem mittlerweile 275 Seiten dicken Wälzer. 550 Pflanzen hat Helmut Grieger darin haarklein beschrieben und, was die Lose-Blatt-Sammlung zu einer absoluten Rarität macht, auch selber gezeichnet, jede Blüte, jedes Blättlein von Hand koloriert.

Wenn er seine Schätze ausbreitet und die mitunter skurrilen, meist jedoch sehr aufschlussreichen Pflanzennamen erklärt, ist Grieger in seinem Element: „Ich könnte stundenlang darüber referieren“, lacht er. Nomen est omen: Der Storchschnabel etwa, auch „stinkender Robert“ genannt – der Landesschau-Mobil-Frau, die ihn jetzt interviewte, gefiel jener besonders –, heilt kleinere Wunden; hat er selber schon ausprobiert: „Sie nehmen den Saft, bestreichen die Wunde und halten ein Blatt eine halbe Stunde drauf – dann ist sie weg!“ Oder die Blutwurz: „Die Wurzel nehme ich, um Blut zu stillen“, erläutert Grieger die für sich sprechende Bezeichnung – „nicht, um bloß Schnaps zu brennen!“

Der passionierte Pflanzenkundler ist auch ein „Wetterfrosch“: „Das gehört einfach zu den Pflanzen dazu, zur Natur! Sie müssen global alles sehen“, sagt Grieger. „Früher musste man schon aus Existenzgründen weit denken.“ So sieht er an den Pflanzen, die statt im Mai schon Ende April blühen, das Wetter fürs ganze Jahr voraus – „da ist meist der Juni und Juli halb verregnet, aber einen schönen Herbst kriegen wir.“

Und was sagt er zur „Blumenstadt“? „Man könnte noch mehr daraus machen, wenn man auf die Fachleute der Stadtgärtnerei mehr hören, deren Fachwissen mehr berücksichtigen würde.“ Interessanterweise ist in Berlin das Naturschutz- und Grünflächenamt in der rathäuslichen Hierarchie weit oben angesiedelt, mit einem Direktor, „der steht über dem Tiefbauamt“, so Grieger. „Hier ist es genau umgekehrt.“ Die Stadtgärtnerei rangiere weit unten. Und entsprechend die Grünflächenbearbeitung: „Es ist ’n Stiefkind!“

Griegers große Pflanzenkunde
„Pflanzendoktor“ haben sie ihn in Neukölln genannt. Jetzt ist er einer der besten Kenner der Pflanzenwelt auf der Schwäbischen Alb – die er seit zwanzig Jahren fast täglich erkundet, erwandert: Helmut Grieger, 80.Bild: Freese

Griegers große Pflanzenkunde
„Sehen, erkennen, bestimmen, verwenden“: das Titelblatt der Griegerschen „Blumenwelt“.Bild: Bauer

Von A wie Ackerröte, Adonisröschen und Akelei bis Z wie Zweiblatt und Zwiebelzahnwurz hat Helmut Grieger in seiner „Blumenwelt der Schwäbischen Alb und darüber hinaus“ 550 heimische Pflanzen bestimmt und anschaulich beschrieben; darunter auch zahlreiche Orchideenarten, etwa die Herbstdrehwurz, „Spiranthes spiralis“ – die Blüte dreht sich um den Stängel; an der Olgahöhe gibt es laut Grieger hier das größte Vorkommen in Baden-Württemberg.
Das Besondere an seinem Alb-Botanikbuch: Es ist nach Monaten aufgebaut; so kann man immer sehen, was gerade blüht. Auch in gedruckter Form wäre es als Ringbuch, als Lose-Blatt-Sammlung geschickt – so könnte man sich jeweils die einzelnen Monat herausnehmen. Ein Verleger ist bisher allerdings noch nicht in Sicht.

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15.08.2012, 12:00 Uhr

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