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Das Völkerrecht angemahnt

Große Resonanz für Demo gegen den Krieg in Gaza

Zur Demo „Gegen den Krieg und für einen gerechten Frieden im Nahen Osten“ lud am Samstag der Verein Arabischer Akademiker. Vor zirka 250 Teilnehmern erinnerte Sprecher Adwan Taleb an das Leiden der Kinder und wandte sich gegen eine politische Instrumentalisierung des Antisemitismus.

10.08.2014
  • Dorothee Hermann

Tübingen. In den vergangenen Tagen gab es weltweit Proteste gegen den Gaza-Krieg. In Tübingen rief der Verein Arabischer Studenten und Akademiker zur Demo: Allein in den vergangenen Tagen seien im Gaza-Streifen 447 Kinder gestorben, 300 von ihnen unter zwölf Jahre alt, sagte der Tübinger Politikwissenschaftler Adwan Taleb.

Große Resonanz für Demo gegen den Krieg in Gaza
Palästina-Flaggen wehten am Samstag bei der Demo gegen den Krieg in Gaza. Eine der Rednerinnen war Felicia Langer (rechts auf dem Stuhl).

Palästinensische Flaggen wehten auf der Treppe zur Stiftskirche, Transparente forderten „Stoppt das Massaker in Gaza“ oder „Solidarität mit dem palästinensischen Volk – Besatzung löst kein Problem, Besatzung ist das Problem“.

Taleb verwies auf die deutschlandweiten Proteste gegen den Krieg in Gaza. „Dass einige diese Demonstrationen ausnutzen, um Antisemitismus oder Judenhass zu verbreiten, lehnen wir strikt ab“, betonte er. Gleichzeitig wolle er den jüngsten Tübinger Auftritt von Stephan Kramer, langjähriger Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, nicht kommentarlos lassen, „wer nicht für Israel sei, toleriere die Jagd auf Juden“. Solche Äußerungen weise der Verein Arabischer Akademiker „als Instrumentalisierung des Antisemitismus“ entschieden zurück.

Der Biochemiker Mahmoud El Ghoul, der mit seiner Ehefrau Karin die Arabische Schule in Tübingen leitet, hat Familie in Gaza. Seit Wochen hat er bei jedem Anruf dort Angst, dass niemand abnimmt. „Mit welchem Recht tut Israel das den Leuten an?“ An dieser Stelle ertönte zwei Mal der Zwischenruf: „Kriegsverbrecher“. El Ghoul kam nach Deutschland, um zu studieren und eine Zukunft zu haben. „Denn im Gaza-Streifen gibt es keine Perspektive für die Jugendlichen.“

Krieg könne keinen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern erzwingen, mahnte der Kusterdinger Sami Nassif, Sohn eines arabischen Vaters und einer jüdischen Mutter. „Wie viele Menschen müssen noch mit ihrem Leben bezahlen, bis klar wird, dass es keine militärische Lösung im Nahen Osten geben kann?“ Der neuerliche Krieg in Gaza sei auch Gift für die israelische Gesellschaft: „Die hochgepriesene israelische Demokratie duldet keine Kritik und keine Andersdenkenden mehr.“

Auch die deutsch-israelische Rechtsanwältin und Menschenrechtsaktivistin Felicia Langer blickt mit Sorge auf die Trümmer in Gaza. „Das Völkerrecht verbietet kollektive Bestrafung, wie sie Israel straffrei praktiziert“, sagte die 83-Jährige. Die moralischste Armee der Welt (wie sie in Israel genannt werde) habe ihre Waffen in Gaza ausprobiert, sagte Langer: „80 Prozent der Opfer sind Zivilisten, 31 Prozent Kinder.“ Dass die israelische Armee Schulen, Krankenhäuser und Uno-Einrichtungen bombardiere, seien Kriegsverbrechen. „Die Täter müssen vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag“, forderte sie. Die Trägerin des alternativen Nobelpreises ist auch dagegen, dass Israel mit Raketen aus Gaza beschossen wird. „Aber die Ursache ist die 47-jährige Besatzung“, sagte sie. Die Staatengemeinschaft müsse Druck auf Israel ausüben, das Völkerrecht zu achten.

Nach Auffassung von Oberbürgermeister Boris Palmer hätten die Teilnehmer prüfen sollen, „ob die Tübinger Demo zur Deeskalation beitragen kann“. Israelis und Palästinenser sollten die gegenseitige Abhängigkeit akzeptieren statt immer wieder Vorwürfe an die andere Seite zu richten – worauf ein Zwischenrufer „Völkerrecht!“ anmahnte. Palmer weiter: „Was bewirken wir mit den toten Kindern? – Schaden für Israel“, schlussfolgerte er. Im Angesicht des Todes sollte man nicht lachen, meinte er, wollte aber frei nach dem Schriftsteller Amoz Oz Lachen als „eines der besten Mittel gegen Fanatismus“ empfehlen, was ihm Buhrufe, aber auch Applaus eintrug.

Pfiffe und Buhrufe erntete OB Boris Palmer bei der Demo gegen den Gaza-Krieg am Samstag, als er sich gegen „Kinder-mörder“-Zwischenrufe wandte und betonte, dass Palästinenser und Israelis gleichermaßen ein Recht auf Verständnis und Dialog hätten. Die Bundestagsabgeordnete Heike Hänsel (Die Linke) sagte: „Es ist Palmers gutes Recht, seine Meinung zu vertreten.“ Was sie jedoch enttäusche: Bei der umstrittenen Pro-Israel-Demo vor gut einer Woche habe der OB auf kontroverse Äußerungen verzichtet. Die Spannungen im Nahen und Mittleren Osten würden auch durch deutsche Rüstungsexporte angeheizt, ergänzte Hänsel. „Deutschland exportiert, Israel bombardiert“, rief da ein Sprechchor. Palmer sagte zu seinem Auftritt bei Pro Israel: Er habe nicht gewollt, „dass die Juden in Deutschland allein gelassen werden“.

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10.08.2014, 12:00 Uhr

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