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Krieg ist etwas Furchtbares

Großeltern sprachen über ihr Leben in der Nazi-Zeit

TÜBINGEN. Jungvolk und Waffen-SS, Trümmerfrau und Muckefuck: Vor allem die jüngeren Schüler des Tübinger Carlo-Schmid-Gymnasiums hörten gestern viele Begriffe, die sie nicht kannten. Zeitzeugen berichteten 60 Jahre nach Kriegsende von ihren Erfahrungen im Faschismus und danach.

10.05.2005
  • Ute Kaiser

„Es gibt kein Leben außerhalb des Friedens“, appellierte die Tübinger Philologin und Editorin Inge Jens (Jahrgang 1927) an die Oberstufenschüler, „tun Sie das Ihre, um Kriege zu verhindern.“ Ihr 1926 geborener Podiums-Partner Erhard Eppler, den Inge Jens beim Studium in Tübingen kennen lernte, las den letzten Abschnitt aus seinem Buch „Als Wahrheit verordnet wurde“. Darin fordert der ehemalige SPD-Bundesminister und Landespolitiker seine Enkelin auf zu widersprechen, wenn jemand die Gräuel des Nazi-Regimes und die Entwürdigungen bestreite, und sich dabei auf ihren Großvater zu berufen.

Großeltern der Gymnasiasten erzählten in der Unter- und Mittelstufe, wie sie die Nazi-Zeit, das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Jahre danach empfanden. Dem zehn-jährigen Jonas Malang aus Entringen war vieles neu. Doch er konnte sich schon nach der Geschichte „Ein Trümmersommer“ von Klaus Kordon „ungefähr vorstellen“, wie das Hungerjahr 1947 war, an das sich auch der ehemalige Wehrmachtssoldat Erhard Eppler erinnerte. Klassenlehrer Jürgen Frink las aus dem Roman, während die Klasse 5 a aus grünem und orangefarbenem Karton Blumen mit Wünschen für den Friedensbaum bastelte.

Die Geschichten, die Großeltern erzählten, waren so vielfältig wie ihre Lebensumstände. Margarethe Stahl, Jahrgang 1933, wuchs in einer Familie auf, „die von Anfang an dagegen war“. Ihre Mutter leistete Widerstand im Kleinen – ließ ihre Tochter beispielsweise nicht zu den Jungmädeln – und bastelte vor dem Einmarsch der Franzosen aus einer Stange und einem weißen Leintuch eine Friedensfahne.

Margarethe Stahl hat auf dem Land bei Calw „keine Fliegerangriffe erlebt wie in der Stadt“. Bei Friedrich Nobbe, der in Wuppertal aufwuchs, war das anders. Er war bei Kriegsende zehn Jahre alt wie sein Enkel heute. Nobbe sah Bomben fallen und verbrannte Leichen. Er schreckt „heute noch beim Jaulen von Jagdfliegern zusammen“. Krieg sei „etwas Furchtbares, er verschont keine Kinder, keine Frauen und keine Männer“, sagte er.

Nobbe erlebte das Kriegsende in Thüringen. Erst kamen amerikanische Truppen, zwei Monate später russische: „Es war grausam.“ Der Großvater ersparte Details. Sein Vater, ein Arzt, floh über die Grüne Grenze. Sohn Friedrich hätte in der Schule sagen sollen, er sei „ein Verräter am Sozialismus“. Doch der Junge hielt jeden Tag aufs Neue die Luft an, bis er umfiel. Danach durfte er nach Hause.

Hermann Ströbele, lange Jahre Ortsvorsteher von Obernau und jahrzehntelang CDU-Gemeinderat in Rottenburg, war vor 60 Jahren im Kreis Tübingen. Eigentlich wollte er Lehrer werden, doch dann wurde der heute 77-Jährige bei der Bahn dienstverpflichtet, weil er nicht in einem Rüstungsbetrieb in Rottenburg arbeiten mochte. Im April 1945 marschierten französische Truppen in Ströbeles Heimatdorf ein. Viele Bewohner sahen zum ersten Mal Marokkaner.

Die Franzosen richteten in Ströbeles Elternhaus eine Kommandantur ein. Zwölf französische Kriegsgefangene bescheinigten vor ihrer Heimkehr, dass sie gut behandelt worden seien. Ströbele erinnert sich an den Hass auf die Franzosen, der nach dem Ersten Weltkrieg eingetrichtert worden sei. Heute, sagte er den Kindern, sei „die Politik auf Freundschaft ausgerichtet“. Auch deshalb hoffe er, dass sich die Geschichte nicht wiederhole.

Ein Bänderriss bewahrte Inge Jens davor, noch im Januar 1945 zur Flak zu müssen. Ein Arzt gipste sie bis zur Hüfte ein. Nach dem Krieg arbeitete die Tochter aus „national und sozial“ gesinntem Elternhaus bei den Engländern. Ein Soldat schenkte der Nichtraucherin, die das erst ablehnte, Zigaretten. 40 hatte sie am Ende beisammen. Davon konnte Inge Jens zwei Semester ihres Anglistik- und Germanistik-Studiums finanzieren. Auf dem Schwarzmarkt brachten die Briten-Kippen pro Stück fünf Mark.

Nachmittags lief der Film „Drei Tage im April“ von Oliver Storz. Er handelt von politischer Verblendung, unterwürfigem Gehorsam, aber auch Zivilcourage. Oliver Storz’ Vater Gerhard war Lehrer in Schwäbisch Hall. Eppler ging bei ihm zur Schule. „Er hat uns beigebracht, was Demokratie ist“, sagt er über den Christdemokraten und späteren baden-württembergischen Kultusminister. Weil Eppler nicht zur Waffen-SS wollte, meldete er sich mit 16 Jahren als „Kriegsfreiwilliger“. Dieser Begriff, sagte Moderator und CSG-Lehrer Eberhard Frasch, müsse genau hinterfragt werden.

Frasch und Schulleiter Hans-Jürgen Dobler hissten das Leintuch mit dem stilisierten Friedensbaum. Zu Klarinettenklängen, gespielt von Anna Stephan, schwebte es langsam Richtung Foyerdecke. Ein Unterstufenschüler wünschte sich grundsätzlich „eine bessere Welt“, eine Schülerin „Frieden, keine Hungersnot, Freiheit“.

Großeltern sprachen über ihr Leben in der Nazi-Zeit
Am symbolischen Friedensbaum im Foyer befestigten Unterstufenschüler des Tübinger Carlo-Schmid-Gymnasiums ihre Wünsche für Kinder in aller Welt.

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10.05.2005, 12:00 Uhr

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