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Mit Notsitzen und Zusatztickets

Großer Andrang zur Lesung aus der „Titanic“-Chefredaktion

Wie ein Klassentreffen: Drei ehemalige Chefredakteure der Satire-Zeitschrift Titanic lasen am Donnerstag im ehemaligen Tübinger Kino Löwen – und im Publikum saßen die alten Kameraden von „Unser Huhn“.

03.12.2012
  • Michael Sturm

Popstars der Satire? Sind sie auf jeden Fall: Thomas Gsella, Martin Sonneborn und der frühere Tübinger Oliver Maria Schmitt. Bekannt als ehemalige Chefredakteure der Titanic, jenem Satire-Magazin, das in keinem Zeitschriftenhalter von Toiletten in Intellektuellenhaushalten fehlen darf. Ihr gemeinsamer Leseauftritt im Tübinger Löwen auf Einladung des Zimmertheaters setzt die lokale Humor-Elite in Bewegung: Ehe der ehemalige Kino-Saal geöffnet wird, bildet sich eine Schlange bis zur Fruchtschranne. Verzweifelte fragen Umstehende, ob nicht doch noch jemand eine Karte übrig hat, oder vielleicht zwei. Drinnen werden Notsitze ausgeklappt und Zusatztickets gedruckt. Fast 200 Besucher füllen den Löwen restlos. Drei Leute bekommen keine Karte mehr.

Pech gehabt, schon der Auftakt-Einspieler auf der Videowand ist das Geld wert: Die drei von der Titanic-Boygroup ernten erste Lachsalven, unter anderem als sie einblenden lassen, sie seien beliebter als Mursi, Assad und Boris Palmer zusammen. Die selbst ernannten „abgefuckten Altstars zum Anfassen und Pflegen“ spielen sich danach gekonnt die Bälle zu: Schmitt führt quasi als Conférencier durch die Veranstaltung. Gsella ist hauptsächlich für Gedichte verantwortlich, etwa jene, in denen er verschiedene deutsche Städte besingt, auch Tübingen, das „durch seinen Pietismus rockt.“ Von Sonneborn kommen die Video-Einspieler. Darin testet er bevorzugt die Demokratiefähigkeit der Bevölkerung im ländlichen Ostdeutschland. Einmal führt Sonneborn einen Pharma-Vertreter rhetorisch derart aufs Glatteis, dass einem der Mann beinahe schon leid tut.

Das Programm der drei Wortakrobaten ist ein Rückblick auf 30 Jahre Titanic. Schon die Ansammlung von Titelbildern sorgt dafür, dass die kollektiven Mundwinkel des Publikums auf Ohrenhöhe festgetackert bleiben. Die drei auf der Bühne verlesen genüsslich Gerichtsurteile, wie das zur undichten Stelle im Vatikan aus diesem Jahr, und die meisten auf den ersten paar Seiten abgedruckten Briefe und Anwürfe der Chefredaktion an Menschen und Institutionen.

Wie sehr die drei Spaß an ihren hochgeistigen Blödeleien haben, verdeutlicht die beinahe kindliche Freude, mit der sie ihre schönsten Einfälle Revue passieren ließen. Etwa die Kleinanzeige, in der sie für Rolf, den blinden Rollstuhl-Stripper warben – zusammen mit der privaten Telefonnummer von Literatur-Papst Marcel Reich-Ranicki.

Oder die Verhohnepiepelung zweier Politiker per Facebook: Stefan Mappus (CDU) und Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD). Ersterer erhält das Freundschaftsangebot eines angeblich schwulen Computer-Nerds, welcher dann von einem empörten Mappus-Partei-freund angegangen wird. Das muss man selbst gehört haben, es nacherzählen wäre nicht mal halb so witzig.Michael Sturm

Großer Andrang zur Lesung aus der „Titanic“-Chefredaktion
Die „Titanic“-Boygroup im Löwen. Von links: Oliver Schmitt, Martin Sonneborn und Thomas Gsella. Bild: Sommer

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03.12.2012, 12:00 Uhr

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