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46 Störche versammelten sich in Tübingen

Großes Adabei bei Adebars

Wer am Donnerstag Morgen auf der B28 bei Weilheim unterwegs war, wird sich die Augen gerieben und gedacht haben: Da brat mir doch einer ‘nen Storch! Ein ganzes Geschwader, genauer gesagt, 46 dieser majestätischen Vögel hatte sich nämlich auf einem abgeernteten Acker niedergelassen.

03.08.2012

Tübingen. Für den Biologie- und Chemielehrer Stefan Hecht war es ein richtiger Glückstag. Er hatte sich am Donnerstag in früher Morgenstunde, mit Spektiv und Kamera bewaffnet, auf den Weg zum Kiebinger Baggersee gemacht. Der Hobby-Ornithologe wollte Zugvögel beobachten.

Und dann kam er um 7.45 Uhr an einem Acker voller Störche vorbei. Drumherum standen schon etliche staunende Menschen. Denn Störche – erst recht nicht in dieser Zahl – gehören nicht gerade zur normalen Population von Weilheim.

Bis auf 50 Meter konnte Hecht sich den nicht besonders scheuen Tieren nähern. „Einige von ihnen hatten wohl schon Kontakt mit Menschen.“ Selbst Hunde schienen die Tiere nicht sonderlich zu schrecken. Hecht kam jedenfalls nah genug an sie heran, um die Ringe zu fotografieren, die etwa ein Drittel der Vögel trug.

Hecht las da „DER“, was, wie er erklärt, für „Deutschland“ und „Radolfzell“ steht, der zuständigen Beringungszentrale. Zunächst hatte auch Nils Anthes, der von Hecht gleich zu dem Storchen-Spektakel gerufen wurde, den Verdacht, dass die Vögel einfach ein bisschen umherstreifen und sich bei der Futtersuche mal auf neues Terrain gewagt haben.

Doch die Codenummern, die die beiden Vogelfreunde nach Radolfzell durchgaben, lassen andere Vermutungen zu. Die beringten Tiere sind Jungtiere von diesem Jahr und kommen aus Mittelfranken. Da einige benachbarte Codes dabei sind, handelt es sich auch um Geschwistervögel.

„Störche“, so sagt Nils Anthes, Evolutionsbiologe an der Tübinger Universität und ebenfalls Hobby-Ornithologe, „sind oft im Familienverband unterwegs. Störche erhalten ihre Ringe übrigens in aufwändigem Verfahren. Ein flügge gewordenes Tier wäre kaum noch zu beringen. Deshalb rückt oft die Feuerwehr mit Hebebühnen an, wenn Experten die Ringe an den Füßen der Tiere anbringen. Mitunter braucht man auch Zimmerleute, so berichtet Ute Reinhard, die Storchenbeauftragte des Regierungsbezirks Tübingen. Manche Nester sind gar nicht anders zu erreichen.

Großes Adabei bei Adebars

Die Vermutung liegt nahe, dass sich das Storchengeschwader auf dem Weg zum Winterquartier in Spanien befindet und einen kleinen Nacht-Stopp in Weilheim einlegte. Was diejenigen, die am Donnerstag Morgen auf die Versammlung der 46 Vögel stießen, vielleicht nicht wussten: Am Abend zuvor hatten die Störche schon eine Sightseeing-Tour durch Tübingen gemacht.

Rund die Hälfte von ihnen hatte auf dem Stiftskirchendach Platz genommen – und das, obwohl es ihnen wegen der Taubendrähte, die vom First ragen, hier nicht gerade kommod gemacht wurde. Andere fanden das Verbindungshaus der Stuttgardia am Österberg attraktiver, und einige Delinquenten bezogen Posten auf dem Landgericht.

Dass Störche in der Regel hoch hinaus wollen, ist bekannt. Doch alle drei Gebäude sind eigentlich nicht die erste Adresse für sie. Wenn schon Dächer oder Türme, dann sollten sie möglichst von Grün- oder anderen Flächen umgeben sein. Schön für die Vögel, wenn Ackerflächen abgeerntet sind, dann kommen sie besser an ihr Futter.

Frösche sind für Störche mittlerweile zu eher seltenen Leckerbissen geworden. Der Storch von heute muss sich mit Mäusen, Käfern und Regenwürmern zufriedengeben. Und im Winter kommt es sogar noch schlimmer, das weiß die Storchenbeauftragte. Statt wie früher nach Afrika zu fliegen, bleiben viele der sogenannten „Weststörche“ in Südwestspanien und schlagen sich dort auf den riesigen Müllkippen durch.

Großes Adabei bei Adebars

Mäuse sind für sie geradezu ein Gourmet-Angebot, die Störche haben sich schon aufs Müllschlucken eingestellt. „Das tut ihnen aber nicht so gut“, warnt Reinhard, die froh ist, wenn die EU diese Kippen endlich stilllegt. Dennoch haben die näher gelegenen Winterquartiere auch dazu beigetragen, dass die Anzahl der Störche in Baden-Württemberg in den letzten Jahren sehr zugenommen hat.

1975 hatte man den alarmierenden Tiefstand von nur noch 15 Paaren im Land zu vermelden. Im vergangenen Jahr wurden 518 Paare gezählt. „In den letzten 20 Jahren“, berichtet Reinhard, „hat sich die Population versechsfacht.“ Im Regierungsbezirk Tübingen tummeln sich 134 Paare.

Großes Adabei bei Adebars

Störche können sehr alt werden. Im Regelfall sind es so 15 bis 20 Jahre. Aber die Lebenserwartung steigt bis auf 40 Jahre, wenn ein Storch in Deutschland überwintert. „Was allerdings“, so Reinhard, „nicht wünschenswert ist“. Als bettelnden Dauergast wünscht sich nämlich niemand einen Storch vors Haus. Die Tiere werden dann richtig lästig und verlieren ihren guten Ruf.

Ein anderer Grund für das Anwachsen der Population liegt im Elsass. Dort gibt es erfolgreiche Auswilderungs- und Zuchtprojekte. Und die elsässischen Störche fühlen sich auch im Nachbarland sauwohl. „Die Elsässer drücken nach Osten“, hat Reinhard beobachtet. Und so kommt es eben, dass zwar ihre Nahrungsgebiete nicht, aber die Störche immer zahlreicher werden.

Sie gehören auch nicht zu den Vögeln, die, wie die Mauersegler, auch im Schlaf noch fliegen. Sie brauchen diese Fähigkeit gar nicht, denn ihr Weg nach Afrika führt sie – mit Ausnahme der Meerenge von Gibraltar – über Land, wo sie dann, wie vorletzte Nacht in Weilheim, zu Nahrungssuche und Nickerchen jederzeit landen können.

Großes Adabei bei Adebars

Lange blieben sie dort nicht. Am Morgen warteten die Störche auf die Aufwinde, die durch die Erwärmung entstehen. Mit ihnen schraubten sie sich in den Himmel hoch und zogen Richtung Rottenburg ab. Ob sie Tübingen und den Weilheimer Acker nun für die Zugroute im nächsten Jahr im Gedächtnis behalten werden, sei, so meint Anthes, „jedenfalls nicht ausgeschlossen“.

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03.08.2012, 12:00 Uhr

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