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Abschieds-Rundgang bei Egeria

Großes Interesse an Besichtigungstour

Mehr als 200 Interessierte, darunter einige frühere Egeria-Beschäftigte, nahmen gestern die wohl letzte Gelegenheit wahr, sich auf dem Gelände des ehemaligen Lustnauer Frottierwaren-Herstellers umzuschauen. Im April beginnen die Abbrucharbeiten.

15.02.2010
  • Volker Rekittke

Lustnau. Cord Soehlke konnte es kaum glauben: „Werden das noch immer mehr?“ Der städtische Projektentwickler hatte mit allerhöchstens hundert Teilnehmer(inne)n an dem sonntäglichen Mittagsspaziergang durch die Lustnauer Industriebrache gerechnet. Es wurden mehr als doppelt so viele. Ganze Familien samt Nachwuchs, aber auch etliche ehemalige Beschäftigte, wollten beim Abschieds-Rundgang durch Egeria-Shedhallen, durch Produktions- und Verwaltungsgebäude dabei sein, bevor im April die Bagger kommen.

An seinen ersten Besuch auf dem Gelände erinnert sich Soehlke noch gut. Vor zwei Jahren radelte er mal mit OB Boris Palmer nach Lustnau raus. Vor dem Egeria-Teil nördlich der Nürtinger Straße sinnierten die beiden: „Sollen wir kaufen oder nicht?“ Zwecks Anschauung kletterten sie flugs über den Zaun – bis sie von einem Hausmeister zur Rede gestellt wurden: „Der hat uns ganz fürchterlich rund gemacht.“

Auch Herbert Engelhardt erinnert sich: „Hier, in den Aussparungen im Boden, standen die großen Färbekessel.“ Bald 35 Jahre lang, von 1950 bis 1984, arbeitete der heute 89-Jährige bei Egeria. Als Patroneur setzte er den Entwurf des Musterentwerfers in eine Art technische Zeichnung auf vorgedrucktem Musterpapier um, die so genannte Patrone. „Wir waren ja eine Weltfirma damals“, sagt Engelhardt, „wir haben bis nach Amerika geliefert.“ Bei dem Lustnauer Frottierwaren-Hersteller waren zu den besten Zeiten über 1000 Leute beschäftigt.

Das war Mitte der 1970er Jahre. „Der Niedergang hat schon in den achtziger Jahren angefangen“, sagt Otto Friesch, der bis 1989 bei Egeria arbeitete und heute im Lustnauer Geschichtsverein aktiv ist. 1992 stellte Egeria den Insolvenzantrag, 1995 wurde die Produktion gestoppt. Im Jahr 2000 übernahm der Steinfurter Textilmulti Kock die Auffanggesellschaft samt der 260 verbliebenen Beschäftigten. 2002 wurde auch ihnen gekündigt, die verbliebenen Webstühle wurden in ein rumänisches Kock-Werk verfrachtet.

Acht Jahre danach bröckelt der Putz von den Wänden, in Büros liegen Akten über den ganzen Boden verstreut, darunter „Statische Berechnungen über eine Traglufthalle der Württembergischen Frottierweberei Lustnau GmbH“. Im südlichen, am Neckar gelegenen Werks-Teil künden unzählige Graffiti von Jugendlichen, die durch eins der zahlreichen zerdepperten Fenster ins Gebäude gelangten. Auch mancher Obdachlose dürfte hier die eine oder andere Nacht verbracht haben.

„Das ist ein Stück Lustnauer Geschichte, das bald verschwindet“, sagt René Bohn – „leider“. Von 1978 bis 1983 arbeitete er bei Egeria, machte hier seine Lehre zum Textilveredler. Sein Arbeitsplatz war bei den großen Kesseln der Kreuzspulfärberei, in denen Spulen mit Garn gefärbt wurden. Körperlich zur Sache ging’s vor allem in der Stückfärberei: „Wer da geschafft hat, brauchte kein Fitness-Studio mehr.“

Bis Juli wird von dem großen Gebäudekomplex wohl nur noch das Verwaltungsgebäude nördlich der Nürtinger Straße (oder Teile davon) stehen – sowie der Firmenteil mit dem charakteristischen Turm weiter östlich, der noch in Betrieb ist. Trotz Niedergang, Pleite und Abriss ist René Bohn dann doch eines wichtig: „Aber Qualität war’s!“

Großes Interesse an Besichtigungstour
Auch das einstige Egeria-Heizkraftwerk gibt’s bald nicht mehr, berichtete der städtische Projektentwickler Cord Soehlke (vor der Gebäudeöffnung mit schwarzem Mantel, orangenem Schal). Auf dem Areal der ehemaligen Lustnauer Frottierweberei Egeria (einschließlich dem Queck-Gelände jenseits der Ammer, das erst später bebaut werden kann) sollen Wohnungen für rund 1000 Bewohner und 150 Arbeitsplätze entstehen. Bild: Ulmer

Großes Interesse an Besichtigungstour
Es bröckelt im Verwaltungstrakt Egeria-Süd: Auf Matten aus Schilfrohr wurde einst der Deckenputz aufgetragen. Bild: Ulmer

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15.02.2010, 12:00 Uhr

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