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Grün gegen Grau
Mitarbeiter des Tiefbauamts haben am Mittwoch den ersten Teil der Mooswand entlang der B 14 installiert. Foto: Stadt Stuttgart/Lichtgut
Luftbelastung

Grün gegen Grau

Mit einer wissenschaftlich begleiteten Pilotstudie über Moos als Mittel gegen Feinstaub beschreitet die Stadt Stuttgart Neuland. Was können die Pflanzen ausrichten?

24.11.2016
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Stuttgart. Im Kampf gegen Feinstaub setzt Stuttgarts grün geführtes Rathaus jetzt auf Grünzeug. Besser gesagt: auf eine Mooswand. Sie soll Feinstaubpartikel binden und damit unschädlich machen. Angesichts der hohen Feinstaubbelastung in Stuttgart wolle man nichts unversucht lassen, sagt OB Fritz Kuhn (Grüne). „Unser Ziel ist es, die Schadstoff-Belastung in unserer Stadt zu reduzieren – wenn es funktioniert, auch auf diesem ungewöhnlichem Weg.“

Mit dem Test beschreitet die Stadt Stuttgart Neuland. Erstmals wolle man die Wirkung nun außerhalb des Labors testen, so Kuhn. Sind die Ergebnisse positiv, „macht es Sinn, Mooswände in städtischen Gebieten zur Feinstaub-Bekämpfung einzusetzen“. Man sei nicht die erste Stadt, die mit Moosen experimentiere, aber die erste, die es in einem solchen Umfang und mit einer derart „wissenschaftlichen Tiefe“ tue, sagt eine Sprecherin ergänzend. So stemme die Stadt das Projekt gemeinsam mit der Uni Stuttgart und dem staatlichen Museum für Naturkunde – dieses übernimmt die biologisch-fachliche Begleitung.

Grundlage sind Laborstudien

Am Mittwoch wurde das erste zwei mal zwei Meter große Testelement der Mooswand an der Cannstatter Straße (B 14) auf Höhe des Heinrich-Baumann-Stegs errichtet. Also unweit der Messstelle Neckartor, die als Stuttgarts dreckigste Ecke bekannt geworden ist. Dort werden die EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid nach wie vor gerissen (siehe Infobox), während sie an anderen Stellen der Stadt mittlerweile eingehalten werden. Die zur Wand gehörige Messstation, mit deren Hilfe die Wirkung der Moose untersucht werden wird, installiert das Institut für Feuerungs- und Kraftwerkstechnik der Uni Stuttgart am kommenden Montag.

Grundlage für die Pilotstudie sind nach Angaben der Stadt Laborstudien von Wissenschaftlern der Uni Bonn, die herausgefunden hätten, dass Moose Feinstaub-Partikel aus der Atmosphäre entfernen und so möglicherweise zur Reduzierung der Luftbelastung in stark betroffenen urbanen Gebieten beitragen könnten. Das besondere an Moosen sei, dass sie nicht nur wie andere Pflanzenarten den Feinstaub auf den Pflanzoberflächen filterten, sondern die Partikel auch verwerteten und in das Pflanzengerüst einbauen könnten.

In einem ersten Schritt wird nun untersucht, welche Moosarten sich entlang der viel befahrenen Straße überhaupt eignen und dort überleben können. Anfang 2017 soll Stufe zwei folgen. Dann soll die Mooswand nach und nach ausgebaut werden – Ende März solle sie auf einer Länge von rund 100 Metern stehen, teilt die Stadtverwaltung mit. Die Ergebnisse der regelmäßigen Luftschadstoffmessungen sollen anschließend wissenschaftlich ausgewertet und aus den „Ergebnissen Handlungsempfehlungen entwickelt“ werden.

Stadt und Land investieren

Der Gemeinderat hat für die Pilotstudie im aktuellen Haushalt Mittel in Höhe von 388 000 Euro bereitgestellt. Das Verkehrsministerium fördert das Projekt zudem mit rund 170 200 Euro. Gelder, die die Behörden sicher gern investieren, wenn sie damit Fahrverbote verhindern können. Die drohen Stuttgart bekanntlich ab dem Jahr 2018. In einem Vergleich mit Anwohnern des Neckartors hat sich das Land im Frühjahr darauf verpflichtet, den Verkehr rund ums Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, sollten die Werte nicht besser geworden sein.

Und dann wäre da auch noch die Deutsche Umwelthilfe, die Dieselfahrzeuge aus der Stadt verbannen will. Ihre Klage wird voraussichtlich im Frühjahr am Verwaltungsgericht in Stuttgart verhandelt. In einem ähnlich gelagerten Verfahren in Düsseldorf hat sie bereits gewonnen. Nicht zu vergessen die EU-Kommission, die auf Einhaltung der Grenzwerte pocht und bereits Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet hat, die letztlich finanziell aufs Land durchschlagen könnten. Geldbußen in Millionenhöhe drohen.

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24.11.2016, 06:00 Uhr

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