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"Grünes Band" mit Nato-Draht
Flüchtlinge warten an der slowenisch-österreichischen Grenze auf die Weiterreise. Bald soll ein Zaun die grüne Grenze sichern. Foto: dpa
Österreich baut an der Grenze zu Slowenien mitten im Weingebiet einen Zaun, den vor Ort kaum jemand will

"Grünes Band" mit Nato-Draht

Durch die "steirische Toskana" wird sich künftig ein 3,5 Kilometer langer Zaun ziehen - eine Reaktion der österreichischen Regierung auf den Flüchtlingszuwachs. Sinn macht die Baumaßnahme nicht gerade.

27.11.2015
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

"A Bledsinn ist das", sagt der Unteroffizier und vertritt sich die Beine, die er sich hier in den Bauch stehen soll. "Was die da oben sich da wieder ausdacht hom!" Die rote Sonne strahlt freundlich und kalt von Slowenien herüber. Nicht einmal die gescheckte Katze, die über die Straße stolziert, scheint sich vor irgendetwas zu fürchten.

Vor einer Woche hat das österreichische Bundesheer hier im Idyll Aufstellung genommen - mit zwei Rekruten, einem Unteroffizier, einem Armeelaster und einem olivgrünen Zelt. Mitten in der "steirischen Toskana", wie die Hügel mit den strengen Pappelreihen treffend genannt werden, soll noch vor Weihnachten ein Zaun stehen - zwei Meter hoch, einbetonierte Pfosten, bei Bedarf rechts und links mit scharfkantigem Nato-Draht. Die Armee bewacht vorsorglich die riesigen Rotbuchen links der Straße.

"Der Zaun" ist in Österreich schon seit Mitte Oktober das große Thema. Täglich strömten zu Tausenden Flüchtlinge über den Grenzübergang beim Weinbauort Spielfeld. Täglich strömten zu Hunderten Anhänger der konservativen ÖVP zur ultrarechten FPÖ. Täglich trug Innenministerin Johanna Mikl-Leitner schmallippige Statements vor. Etwas musste passieren, und so sprach die Ministerin wie beiläufig auch von "baulichen Sicherungsmaßnahmen". Zwei Wochen brauchte es, bis endlich alle den Zaun einen Zaun nannten.

Gitta Rupp bewohnt ein kleines Häuschen im Grenzort Berghausen. Ein bewegtes Leben hat die 69-Jährige nach England, in die Türkei, selbst nach Syrien und für fast zwei Jahrzehnte nach Deutschland geführt, bis sie in ihre Heimat zurückgekehrt ist und eine "Buschenschank" aufgemacht hat, wie man hier die Heurigen oder Besenwirtschaften nennt.

Als unten im Tal die Flüchtlinge kamen, war Gitta Rupp von Anfang an dabei, organisierte Tee und Kleidung, warb im Ort um Verständnis, beruhigte als "old mother" junge Männer aus Syrien oder dem Irak, die alles nicht mehr aushielten. Schon seit im Frühjahr die ersten Flüchtlingsfamilien gekommen waren, wurde in Spielfeld diskutiert. Eine Gemeindeversammlung fiel freundlich aus. Zwar traten auch die "üblichen Verdächtigen" auf und schimpften über "Islamisierung" oder "Gutmenschen". Aber am Ende gründete sich eine "Arbeitsgemeinschaft Flüchtlingspartnerschaften". "Viele haben mitgemacht, von denen ich das gar nicht erwartet hätte", erzählt Rupp.

Etwas passieren musste spätestens nach den "Durchbrüchen" im Oktober. An zwei Tagen, an denen besonders viele unten im Tal ankamen, wurde es den Wartenden zu viel. Das Wetter war schlecht, es gab nichts zu trinken. Schließlich traten ein paar Männer die Absperrgitter um, und alle anderen liefen hinterher - beim ersten Mal um die 1500, beim zweiten Mal um die 800. Seither warten wieder alle geduldig.

"Sie haben keinem was getan", sagt Rupp. Und vor allem kam niemand auf die Idee, rechts und links auf die Hügel zu steigen - dorthin, wo jetzt der Zaun gebaut wird. Die Flüchtlinge liefen auf den Straßen weiter. Aber der physische Durchbruch der Flüchtlinge war auch der politische Durchbruch für den Zaun. In Postings der Lokalzeitung und in sozialen Medien wiederholten sich die Geschichten: Flüchtlinge hätten "in die Kirche geschissen", den Supermarkt geplündert, Afghanen sich im Zug nicht auf die Bank gesetzt, "weil da Christen gesessen haben". Die Polizei kam mit dem Dementieren kaum nach. "Das sind Rechtsradikale", sagt Rupp. "Die setzen das ganz gezielt in die Welt." Der Bürgermeister erklärte indes: "Wir müssen die Bevölkerung schützen." Und der Landeshauptmann dekretierte, die Menschen in Österreich hätten "berechtigt Angst". In Wien ging es fortan nicht mehr um Zaun ja oder Zaun nein, sondern um Länge, Höhe, Breite.

Erich Polz, ein Weinbauer mit Hängen gleich an der Grenze, versteht das alles nicht. "Durch meinen Weinberg hier ist kein einziger Flüchtling gelaufen", sagt er. Der Zaun zerstöre das "Lebensgefühl" hier oben auf dem Hochgrassnitzberg. "Einen Grenzzaun hat es hier noch nie gegeben. Nicht einmal gleich nach dem Krieg." Die einstige österreichisch-jugoslawische Grenze gehört zum "Grünen Band" entlang der Linie vom Eismeer bis zum Bosporus, die Europa einst in West und Ost teilte. 24 Staaten haben unterzeichnet, hier die Natur zu schützen und vor allem keine Zäune mehr zu bauen. Die engagierte Frau Rupp legte einen grenzüberschreitenden Wanderweg an.

Die Regierung in Wien hat inzwischen die Kalkulation für den Zaun veranschlagt: 1,8 Millionen Euro sollen die 3,5 Kilometer "bauliche Grenzsicherung" den Steuerzahler kosten. Es sind 500 Euro pro Meter, etwa das Zwanzigfache von dem, was man für ein solides Modell auf dem Markt bezahlen müsste.

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27.11.2015, 08:30 Uhr

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