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Voll daneben · Kommentar

Grundgesetznachhilfe mit Deutschlandvorbild? Nach neun Tagen Fahne geklaut

Die Plakatkunst des LTT hat uns schon manch Pfiffiges und Schönes beschert. Über den jüngsten Einfall sollte man wohl streiten, unser Urteil lautet: Voll daneben.

07.04.2017
  • Peter Ertle

Und zwar hatten sie auf der einen Seite die Deutschlandfahne, auf der anderen einen Auszug aus dem Grundgesetz abgedruckt, was wohl angesichts der zunehmenden Rechtspopulisten ein Bekenntnis zur Demokratie made in Germany sein soll. „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Eine Zensur findet nicht statt.“, lautet einer der Artikel.

Die Plakate passen gut als Bebilderung zu Sibylle Bergs „Viel gut essen“, was derzeit am LTT läuft. Dass die auf den ersten Blick nationalistisch wirkende Fahne in Kombi mit dem Grundgesetztext eine andere Wendung bekommt, soll wohl der provozierende Aha- und Lerneffekt sein. Weil aber auf der Fahne auch noch das bekannte „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“ zu einem „Von Deutschland lernen heißt siegen lernen“ gewandelt wurde, hat alles nun etwas Tolldreistes bis Unsensibles.

Ganz davon abgesehen, dass das zu kompliziert ist und höchstens als Objekt einer Kunstausstellung funktionieren kann: Sieg war in der NS-Zeit das Wort, das zu Deutschland gehörte wie Pech zum Schwefel. Die Kombination ist so belastet, eine Umwertung nicht möglich.

Unser Urteil: Ein sicher gut gemeinter, außenwandtheatralischer Missgriff erster Güte, den wir sofort in Verdacht haben, dass er auf Empörung von der einen und Applaus von der anderen, falschen Seite spekuliert, um sich dann, noch dazu unter dem Hinweis auf das Theaterstück, als missverstandenen, provozierenden Denkanstoß gerieren zu können. Christoph Schlingensief selig hätte es allemal besser gemacht.

Wie auch immer: Die Fahne hing dort gerade mal neun Tage. Irgendjemand hat sie über Nacht geklaut, ob linke Geister oder rechte oder ganz und gar Unpolitische, wir wissen es nicht. „Deutschland, du Opfer!“, hat jemand draufgesprüht, auch da kann man rätseln, welche Intention dahinter steht. Ist es der ernst gemeinte Kommentar eines Rechtsnationalen, der Deutschland als Opfer sieht? Soll es ironisch sein? Und wie und warum? Die Artikel des Grundgesetzes daneben waren jedenfalls nicht begehrt.

So weit zu dieser Plakatkunstaktion samt Diebstahl. Wir vergessen sie jetzt.

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07.04.2017, 01:00 Uhr

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