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Gruppendruck macht Beine
Ansporn hilft: Gemeinsames Training mit dem Drillinspector "Freeletics"-App

Gruppendruck macht Beine

05.04.2016
  • BIANCA FRIESS

Die Dämmerung zieht langsam über den kalten Hof. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages beleuchten bunte Iso-Matten auf dem Asphalt. Die meisten davon gehören jungen Männern, sie machen Sit-Ups und Liegestützen. Ein anderer hängt an einem Fußballtor und zieht sich mit schnellen Zügen immer wieder daran hoch. Vor jedem Sportler liegt ein Smartphone: Darauf gibt ein virtueller Trainer Anweisungen. Aber auch die Sportler untereinander beobachten und kritisieren sich.

Fast jeden Abend trifft sich die Gruppe auf dem Pausenhof der Friedrichsau-Grundschule in Ulm, um gemeinsam nach den Regeln der Fitness-App Freeletics zu trainieren. Neu sind die Übungen nicht, nur dass Kniebeugen "Squats" und Liegestützen "Pushups" heißen.

Jeder trainiert für sich, als Ansporn ist man aber für einander da - Ausreden gibt es nicht. "Wenn jemand daneben steht und dich anschreit, gibst du viel mehr Gas", sagt Dominik Hepp und lacht. Vor zwei Jahren war er einer der ersten Athleten in der Gruppe.

Die Kälte kriecht durch die Sportmatte die Jogginghose hinauf. Moritz Ram erklärt einer Anfängerin, die zum ersten Mal dabei ist, eine Übung. Bevor es losgehen kann, fehlen ein paar Klicks auf dem Handy: Sie ist weiblich, momentan nicht so fit, möchte aber fit werden.

Moritz empfiehlt für Einsteiger das Workout "Metis", das wie jede Trainingseinheit nach einem griechischen Gott benannt ist. "Metis" ist die griechische Göttin der Weisheit. Los geht es mit "Burpees": Aus dem Stand heraus legt Moritz die Hände auf den Boden und springt in die Liegestütz-Stellung. Dann knickt er mit dem Armen ein, die Brust muss den Boden berühren. Hat er sich wieder hochgestemmt, springen die Füße nach vorn. Der Abschluss ist ein Sprung in die Luft.

Dann ist die Anfängerin an der Reihe. Schnell ist von der Kälte nichts mehr zu spüren, stattdessen zittern die Hände und Beine vor Anstrengung. Die nächsten Übungen sind nicht minder kräfteraubend. Aber eine Pause lässt Moritz ihr nicht durchgehen. "Los, immer weiter", spornt er sie an.

Moritz ist seit etwa zwei Jahren bei Freeletics aktiv, davor hat er gar keinen Sport gemacht. In den ersten drei Monaten hat er mit dem Fitnessprogramm rund 20 Kilogramm abgenommen, erzählt er. Seitdem trainiert er fünf bis sechs Mal in der Woche. Ursprünglich kommt Moritz aus München, auch dort hat er Kontakt zu einer Freeletics-Gruppe.

Natürlich könnte man die Übungen auch alleine im Wohnzimmer machen. "Einige machen das auch", sagt Dominik. Aber auch für sie ist der Erfahrungsaustausch über Soziale Medien wichtig: Die Ulmer Athleten nutzen eine Whatsapp- und eine Facebook-Gruppe. Wer sich anschließen möchte, kann die Sportler über Facebook kontaktieren. Hat man ein Workout absolviert, landet es außerdem in der Freeletics-Community. Wer einem Athleten folgt, kann ein "Clap" abgeben - also virtuell applaudieren.

Macht man die Übungen alleine, bestehe trotzdem die Gefahr, dass man etwas falsch macht, sagt Moritz. Hier auf dem Schulhof können sich die Sportler besser kontrollieren, die Erfahrenen helfen den Anfängern. "Man wächst auch zusammen, das ist ein tolles Gemeinschaftsgefühl", sagt Anna Urban, eine der wenigen Freeletics-Frauen.

Sie hat sich heute das Workout "Kentauros" vorgenommen, das besonders die Beine beansprucht. Als erstes macht sie große Schritte quer über den Pausenhof, bei jedem Schritt geht sie tief in die Knie. Nach einer Weile beginnt sie, schwerer zu atmen, ihre Wangen werden rot. Anna stieß im Juni 2015 zur Gruppe. "Beim ersten Mal hatte ich das Gefühl, alle sind verrückt", sagt sie.

Oft beginnen Menschen mit Freeletics, die viel Stress haben und Sport bislang eher vernachlässigt haben, sagt Moritz: "Dann wollen sie ihr Leben herumreißen und schnell fit werden, meist ernährt man sich dann auch bewusster."

Die Anfängerin hat immer noch mit dem Einsteiger-Workout "Metis" zu kämpfen. Zwischendurch muss sie stehenbleiben und Luft holen. Zum Schluss fehlen noch zehn "Jumps" - sie springt in die Luft und zieht die Knie hoch. An richtig hoch ist aber nicht mehr zu denken.

Anna stellt sich dazu: "Komm, wir machen es zusammen", sagt sie. Sie zählt laut und springt mit. Die Sprünge werden flacher, das Atmen fällt schwer. Trotzdem kommen die beiden schließlich bei Nummer zehn an: Das Workout ist geschafft.

Das sollte auch das Ziel eines jeden Athleten sein, kündigen die Sportler in ihrer Facebook-Gruppe an. "Oftmals ist es nur dein Kopf, der aufgeben möchte", ist dort zu lesen, ganz entsprechend dem Motto der App: Keine Ausreden.

Auch deshalb hat Freeletics den Ruf, extrem zu sein. Heinz Kleinöder vom Institut für Trainingswissenschaft der Sporthochschule Köln sieht das Programm kritisch: Für ihn steht der Gesundheitsaspekt im Hintergrund: "Man trainiert in den Verschleiß hinein, um eine Aufgabe lösen zu können."

Die Ulmer Sportler geben zu: "Es gibt Workouts, die für Unsportliche und Übergewichtige nicht machbar sind", sagt Dominik.

Nach einer Stunde ist es dunkel geworden. Die Sportler rollen ihre Matten zusammen, Anna schwingt sich auf ihr Fahrrad. Am Wochenende trifft sich die Gruppe auf einer WG-Party. Nächste Woche geht das Training aber weiter, sagt Anna: "Wenn man drei Tage nichts macht, bekommt man ein schlechtes Gewissen."

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05.04.2016, 06:00 Uhr

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