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Kommentar

Gruß aus Großängstingen

Für Christoph Joachim war es der Beginn der Politisierung. Noch heute, sagt der Reutlinger Grünen-Stadtrat, „hilft mir das Bezugsgruppen-System in der basisdemokratischen Arbeit“. Bezugsgruppen mit zehn bis 15 Personen, insgesamt 750 Teilnehmer, blockierten 1982 die Zufahrt zum Atomwaffenlager Großengstingen. Sie planten die Aktion gemeinsam, gewaltfrei, flexibel. So wurde der Ort auf der Alb zu einem Meilenstein der Friedensbewegung, vergleichbar den Blockaden in Mutlangen oder der Friedenskette von Stuttgart nach Ulm.

14.08.2007
  • Wolfgang Alber

In Engstingen hatte die Luftwaffe 1938 eine Munitionsanstalt („Muna“) eingerichtet, auch später wurde die Haid militärisch genutzt. In der Eberhard-Finckh-Kaserne waren zu Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses Lance-Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 120 Kilometern stationiert.

In einem Wäldchen in der Nähe lagerten unter US-amerikanischer Bewachung in Bunkern des „Sondermunitionslagers Golf“ sechs Atomsprengköpfe, jeder Kopf hatte die doppelte Wirkung der Hiroshima-Bombe. Die abgeschiedene Alb war Ausgangs- und Zielpunkt des kalt-heißen Krieges geworden, Angst ging um.

Der Protest ging von der Tübinger Friedensbewegung aus. 1981 zogen 2000 Ostermarschierer/innen nach Großengstingen. Im Sommer kettete sich eine Aktionsgruppe mit 13 Teilnehmern am Haupttor der Kaserne an, sperrte 24 Stunden lang die Einfahrt. Die Blockierer wurden von der Polizei losgeschnitten, später vor Gericht zu Geldstrafen verurteilt.

1982 nahmen 5000 Teilnehmer/innen am Ostermarsch teil. Und vom 1. bis 8. August wurde unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ in Sechsstundenschichten bei Wind und Wetter nach dem zuvor trainierten Konzept die Straße zum Atomlager blockiert. Der Reutlinger Amtsrichter Jürgen Vatter versuchte vergebens, die Demonstranten zum Aufgeben zu bewegen. Die „taz“ titelte „High Noon“, der CDU-Kreisverband ereiferte sich über einen „Gewaltakt“.

Kaum hatte die Polizei, die unter Herbert Steinhauser mit der „Reutlinger Linie“ zur Deeskalation beitrug, Blockierer weggetragen, setzten sich neue an deren Stelle. 380 Leute wurden wegen Nötigung vorläufig festgenommen, mehr als 300 bekamen Strafbefehle zwischen 400 und 2000 Mark, viele legten Widerspruch ein.

Der Münsinger Amtsrichter Thomas Rainer bestätigte in einer Prozesswelle die Strafhöhe. 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Bestrafung friedlicher Sitzdemonstrationen verfassungswidrig sei. Die Verfassungsbeschwerde ging von Aktivisten in „Großängstingen“ aus, wie der Ort auch durch ironische Grußpostkarten bekannt wurde.

Großengstingen 1982 war ein Fanal, die Demos und Friedenscamps gingen weiter und hatten letztlich Erfolg – alles lässt sich detailliert auf der Homepage des Gammertinger Vereins „Lebenshaus Schwäbische Alb – Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie“ nachlesen.

1992 zog die US-Army ab, 1993 verließ die Bundeswehr die Kaserne, die als Konversionsprojekt in den Gewerbepark Haid umgewandelt wurde – Schwerter zu Pflugscharen. Die der Gemeinde Hohenstein gehörenden Bunker und Wachtürme des Lagers Golf sind heute Schreckenssymbole des Kalten Krieges, Mahnmale für dauerhaften Frieden. Und der Engstinger Bürgermeister Klaus-Peter Kleiner ist inzwischen Mitglied bei den „Mayors for Peace“, die sich für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen.

Gruß aus Großängstingen
Die Blockerierer von Großengstingen

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14.08.2007, 12:00 Uhr

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