Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Mit einer satirischen Aktion machten Studierende auf dem Marktplatz auf Missstände im globalen Handel aufmerksam

„Günstige Schokolade dank Kinderarbeit“

Kinderarbeit, Hungerlöhne und unzumutbare Arbeitsbedingungen – sind die Verbraucher davon abgeschreckt? Oder freuen sie sich über niedrige Preise? Engagierte Studierende testeten die Reaktionen der Tübinger auf solche Billig-Angebote.

15.11.2014
  • PHILIPP KOEBNIK

Tübingen. Ein etwa 40-jähriger Mann steht mit seiner kleinen Tochter vor dem Stand mit der Aufschrift „Think!“ auf dem Tübinger Marktplatz. Er betrachtet die Tafel Schokolade, die ihm der junge Mann, der hinter dem Stand steht, gereicht hat. Eine Tafel kostet nur 50 Cent – das überzeugt den Herrn. Er möchte eine Tafel kaufen, obwohl der junge Mann ihn soeben darauf aufmerksam gemacht hat, dass der Kakao von Kindern angebaut wird. Die Petition zum Erhalt der Kinderarbeit möchte er allerdings nicht unterschreiben, denn darüber müsse er „erst noch etwas nachdenken“. Nachdem er drei Tafeln Schokolade gekauft hat, schlendert der Mann mit seiner Tochter an der Hand weiter.

Solche Situationen ereignen sich nicht selten, wenn die Aktivisten von „Think!“ – wie gestern Vormittag in Tübingen – ihre Produkte feilbieten. Dafür kaufen sie fair gehandelte Produkte, die sie, anders verpackt, an ihrem Stand zu deutlich niedrigeren Preisen anbieten. So kann man dort beispielsweise neben der günstigen Schokolade eine Packung Kaffee für 2,50 Euro oder Bananen zum Kilo-Preis von einem Euro erwerben.

Die Waren werden dabei explizit mit dem Verweis auf die schlechten Arbeitsbedingungen angepriesen: Nur so ließen sich derart günstige Preise erreichen. Während andere Unternehmen ihre Produktionsbedingungen in den sogenannten Entwicklungsländern verschleierten, herrsche hier „volle Transparenz“, wird einem Passanten erklärt.

Als Vorbild diente den Studierenden der Kurzfilm „Agraprofit“.

In Tübingen reagierten im Vergleich zu anderen Städten immerhin besonders viele Passanten empört über das vermeintliche Geschäftsmodell, wie Florian Grießer berichtet. Dennoch gebe es auch hier immer wieder Menschen, die bei den Billig-Angeboten freudig zugreifen. Spätestens beim Öffnen der Produkte fällt den Käufern jedoch der Flyer in die Hände, der das Konzept von „Think!“ erklärt.

Generell versuche man, mit den Passanten und Käufern ins Gespräch zu kommen. Manche Leute begreifen früher oder später aufgrund des offenkundigen Zynismus den satirischen Charakter der ganzen Sache. Diejenigen, die es nicht verstehen, werden meist am Schluss aufgeklärt, sagt Marlene Weller. Die Aktion soll provozieren und zum Nachdenken anregen. Dadurch könne ein nachhaltiger Bewusstseinswandel eher erreicht werden als durch den erhobenen Zeigefinger, meint Grießer. Ziel sei es, den Einzelnen zu einem bewussten Konsumverhalten anzuregen. Allerdings dürften auch die strukturellen Ursachen vieler Probleme – und somit das Weltwirtschaftssystem – nicht aus dem Blick geraten, so Grießer. „Think!“ wird finanziell unterstützt vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und der entwicklungspolitischen Einrichtung Engagement Global, die das Entwicklungsministerium finanziert.

Info http://thinkmarktstand.wordpress.com/

„Günstige Schokolade dank Kinderarbeit“
Die Studierenden der Aktion „Think!“ machen den Tübinger(inne)n unmoralische Angebote –von links: Marlene Weller, Florian Grießer und Max Mayer. Bild: Sommer

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.11.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball