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Günstiges Bauland in Erbpacht
Fast 1800 der insgesamt 3655 Tübinger Wohnheimplätze des Studierendenwerks sind im Studentendorf auf Waldhäuser Ost. Bild: Metz
Studentische Wohnungsnot

Günstiges Bauland in Erbpacht

Wenn Stadt oder Land den Baugrund zur Verfügung stellen, will das Studierendenwerk in Tübingen neue Wohnheime bauen.

29.11.2016
  • Volker Rekittke

Zimmer ohne Fenster oder Duschmöglichkeit, Schimmel im Bad, nervige „WG-Castings“ mit 15 Mitbewerbern, das knapp 8-Quadratmeter-Zimmerchen in der Wohngemeinschaft für sagenhafte 400 Euro: Studierende haben es nicht leicht bei der Wohnungssuche in Tübingen.

Wäre bei Quadratmeter-Preisen von 20 Euro und mehr nicht wenigstens eine Anzeige wegen Mietwucher angebracht? Theoretisch schon. Jedoch: „Kaum jemand klagt“, ist die Erfahrung von Mieterbund-Geschäftsführer Thomas Keck: „Wer will sich schon mit seinem Vermieter anlegen?“ Wer als Erstsemester in Tübingen eine Bleibe gefunden hat, selbst wenn die eher an eine Besenkammer erinnert, kann sich glücklich schätzen.

„Je kleiner die Wohnung, desto teurer“, sagt der Tübinger Stadtplaner und designierte GWG-Chef Uwe Wulfrath. Für Entspannung auf dem heiß umkämpften Markt sorgt das Studierendenwerk (Stuwe) Tübingen-Hohenheim. 3655 Wohnheimplätze bietet das Stuwe in Tübingen an. „Wer sich als Erstsemester rechtzeitig bewirbt, bekommt in der Regel ein Zimmer“, sagt Dietmar Topka, der für die Wohnheime zuständig ist. Wer von weiter her kommt, hat Vorrang.

Das Studierendenwerk will vor allem Erstsemester mit günstigem Wohnraum versorgen. Deshalb liegt die maximale Wohndauer bei sechs Semestern. Entsprechend hoch ist die Fluktuation: Jedes Wintersemester werden rund 1400 Zimmer neu vermietet. Bei 252 Euro liegt die durchschnittliche Warmmiete für ein 15-Quadratmeter-Zimmer in einer WG.

Neubauten wird es in Tübingen allerdings frühestens ab 2020 geben. Das gilt für den geplanten Schiebeparkplatz-Bau eines Studentenwohnheims nebst Wohnhaus für internationale Uni-Gäste. Und auch der Abriss sowie der danach doppelt so große Neubau des Studentenwohnheims Pfrondorfer Straße 36 muss noch mindestens vier Jahre warten.

Würde die Stadt dem Stuwe Grundstücke in günstiger Erbpacht überlassen? „Wir sind sehr offen für Initiativen des Studierendenwerks“, sagt Wulfrath. Für das Stuwe betont Topka: „Wir nehmen, was wir bekommen.“ Mehr Studentenwohnheime könnten den angespannten Tübinger Wohnungsmarkt etwas beruhigen.

„Man hat das Thema Sozialer Wohnungsbau 20, 30 Jahre lang total ignoriert“, so Wulfrath. Das räche sich nun – und sei leider auch nicht innerhalb kurzer Zeit zu ändern. Nicht im teuren Neubau, und erst recht nicht mit „finanziellen Strohfeuerchen“, so Wulfrath über die immer noch viel zu niedrigen Landesmittel. „Ein paar Milliönchen mehr reichen nicht“, sagt auch Keck, denn: „Wohnungspolitik ist wie ein Supertanker.“ Nach politischen Entscheidungen ist die Umsetzung langwierig. Es fehle an Unterstützung von Bund und Land. Derzeit würden von Stuttgart ganze 600 Wohnungen im Jahr gefördert, kritisiert Keck – und das landesweit. „6000 im Jahr – das wäre eine Zahl auf dem Wohnungsmarkt.“ Für Stuwe-Vize Tilmann Beetz indes ist klar: „Neben dem Hochschulpakt muss es auch einen Hochschulsozialpakt geben.“

Das Mietshäuser Syndikat als soziales Gegenmodell

„Wohnen ist im Kapitalismus eine Ware, die gehandelt wird“, sagt Marc Amann vom Tübinger Wohnraumbündnis. „Es ist gerade viel Geld im spekulativen Sektor, das nach Anlagemöglichkeiten sucht“, so der Bewohner des Tübinger 4-Häuser-Projekts, das Teil des bundesweiten Mietshäuser Syndikats ist. Amman nennt zwei Beispiele: Aldi stieg mit dem Bau von Wohnungen über dem dm-Markt in Derendingen ins Immobiliengeschäft ein. Davor hatte bereits Pizza Wagner in der Weststadt Häuser gebaut.

Wenn nur noch die, die viel Geld haben, in der Innenstadt wohnen könnten, werde es immer mehr zu Verdrängungsprozessen kommen, so Amman. Ein Gegenmodell sei das Mietshäuser Syndikat. Ziel der Initiative, der in Tübingen bereits fünf Hausprojekte angehören, ist die Schaffung von günstigem Wohnraum. Die Häuser sollen dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen werden. „Die Häuser gehören denen, die drin wohnen“, so Amman. Schließlich: „Wenn wir weltweit alle Wohnungen aufgekauft haben, schaffen wir die Miete ab.“

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29.11.2016, 01:00 Uhr

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