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Eisig, doch mit Glut im Innern

Günter Randecker über Louise Zimmermann

KUSTERDINGEN. Ihr Vater war von 1823 bis 1846 Kusterdinger Pfarrer, sie selbst heiratete einen 1848-Revolutionär: Christina Louise Carolina Dizinger, verheiratete Zimmermann, war eine für ihre Zeit höchst ungewöhnliche Frau: „Im Selbststudium“ gebildet, unterstützte sie die Bestrebungen ihres Gatten, der als Abgeordneter der Nationalversammlung und als Wissenschaftler für Freiheit und Demokratie focht. Der Zimmermann-Forscher Günter Randecker hielt, vom Geschichtsverein eingeladen, am Mittwoch „Im Höfle“ einen Vortrag über Louise Zimmermann, den wir hier in Auszügen dokumentieren.

08.05.2004

Beim Schillerfest des Stuttgarter Liederkranzes, rund 25 Jahre nach des großen Dichters Tod, war auch Eduard Mörike dabei: „Ich sah bei dieser Gelegenheit zum erstenmal Zimmermanns Braut. Beide saßen einander stumm und bleich, wie zwei Totenbilder gegenüber, er scheint wenig Freude an ihr zu haben.“

Dieser Augenblicks-Eindruck trog jedoch. Der Lackierersohn Wilhelm Zimmermann (1807 bis 1878) aus Stuttgart hatte während seiner Tübinger Studentenzeit Louise Dizinger (1804 bis 1879), Pfarrerstochter aus Kusterdingen, kennen- und lieben gelernt und sich noch als cand. theol. mit ihr verlobt. Und beide waren zeitlebens ein glückliches, höchst produktives Gespann. Ihre Liebesbriefe haben sie geschickt als „anonym“ getarnt in dem von „Louise von S.“ zusammen gestellten deutschen, englischen, französischen, italienischen „Salon der schönsten Briefe der Liebe und Freundschaft aus der Literatur aller gebildeten Nationen“ versteckt.

Ein Beispiel: Zimmermanns Kusterdinger Freundin nahm den Briefwechsel von Jean Paul und Charlotte von Kalb als Spiegel: „Schreib mir bald, verantworte Dich und Dein Geschlecht. Cosi fan tutti. Und doch für immer die Deine.“

Zimmermanns Antwort ist neben Liebesbriefen von George Sand, Goethe, Schiller, Herder, Caroline Pichler, Hölderlin, „selbst ein orientalischer reihte sich ein“, – in dieser „Mustersammlung“ nachzulesen, worin – aus dem Kusterdinger Pfarrhaus stammend – auch solche Sätze zu finden sind: „Ich war heut spazieren, so schön sah ich die Berge noch nie; Lichtenstein, Mägdleinsfelsen, Achalm, der Schönste ist aber stets der Neuffen, der sieht immer so heiß glühend, lustig und vergnügt aus, dass ich ihn die Arme schließen möchte.“

Zimmermann fand am Tübinger Stift in Wilhelm Waiblinger und Eduard Mörike „traute Freunde“ – Erinnerung an die goldener zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts „in Eifferts Garten zu Tübingen“.

Als Mensch heiraten

„Ich sah sie gern lustwallen, / Am Fluss, die Mägdlein schön, / Doch eine wars vor Allen / Dort hinter Waldeshöhn; / Die trug ich im Gemüte, / Die hielt ich oft im Arm, / Und der ich damals glühte, / Die küss ich heute noch warm.“

So schrieb Zimmermann noch in der Zeit als Dettinger Pfarrer seiner geliebten Ehefrau, Mutter von fünf Kindern, ins Poesiealbum. Beide waren aus anderem Holz geschnitzt als Mörike und seine Verlobte Louise Rau. Prälat von Flatt herrschte den beurlaubten Vikar und Jungredakteuer Zimmermann an, als er um die Heiratserlaubnis nachsuchte: „Als was wollen Sie heiraten?“ Zimmermann wollte seine Kusterdinger Liebe nicht sitzen lassen und erwiderte kurz entschlossen: „Als Mensch!“ Damit hatten es die Liebenden geschafft: „Dann heiraten Sie eben als Mensch!“

Die kirchliche Trauung fand am Donnerstag, 13. September 1832, in der evangelischen Marienkirche der Tübinger Oberamtsgemeinde Kusterdingen statt. Nachzulesen im Heiratsregister der evangelischen Kirchengemeinde. Die Trauung des Doktors der Philosophie, Wilhelm Zimmermann, und der Christiana Louisa Carolina Dizinger übernahm nicht der 66-jährige Vater der Braut, vielmehr ihr Bruder, der zwanzigjährige Theologiestudent Robert, der später noch den 80-jährigen Gotthold Dizinger als Vikar unterstützte.

An Louise Wiege „saß der harte, karge Heilige Januar“, dichtete Zimmermann: „Dir geweiht . . . sind meine Lieder, mein Gesang.“ 1844 ist in einem Friedrich Theodor Vischer-Brief aus Tübingen zu lesen: „Zimmermann badet von Kusterdingen aus hier täglich in Schwefel . . . und ist gegenwärtig mit einer Bearbeitung deutscher Sagen beschäftigt“ – ungedruckt erhalten sind sie im Zimmermann-Nachlass, allerdings in der Handschrift der Gattin Louise.

An Robert Mohl richtete sie 1847 eine Dettinger Bittschrift, aufbewahrt im Tübinger Universitätsarchiv: Ganz im Sinne ihres Mannes, der „manchem armen Teufel, den Gott und Welt misshandelt hatte“, beistand. Mit ihren „Lebensbildern aus der deutschen Nationalversammlung“ – an der ihr Mann als radikaldemokratischer Abgeordneter bis zum bitteren Ende teilnahm – wurde sie zur Chronistin der 1848-er Revolution.

Sie glaubte an einen „Ostermorgen der Freiheit“. In einem ihrer Frankfurter Briefe ist zu lesen: „Als ich (einem Reisegefährten) meine Hand zeigte, die den Bauernkrieg geschrieben, so drückte er sie mir herzlich.“ Dazu der „Bauernkriegs-Zimmermann“: „Meine Gattin vermöge ihrer angeborenen Begabung und der sorgfältigen wissenschaftlichen Bildung, die sie durch ihren Vater und durch Selbststudium erlangt hatte, wirkte mit mir zusammen bei diesen geschichtlichen Arbeiten.“

Nach ihren eigenen Worten: „von seinen geistigen Schöpfungen unzertrennlich“, „mehr als sein Sekretär“, auf der Grundlage des von ihm gelieferten Materials vermochte sie Stücke seiner Werke selbstständig auszuarbeiten, so zum Beispiel einzelne Kaiserbilder des „Deutschen Kaisersaals“.

Audienz zum König

In der Zeit des Berufsverbotes für ihren Mann, der inzwischen Stuttgarter Gesichtsprofessor war, korrespondierte sie mit der Baronin von Bruiningk aus Dorpat, die der Zimmermann-Familie ein ganzes Jahresgehalt zukommen ließ, die beschlagnahmten Briefe erregten Aufsehen am württembergischen Hofe. Die Zimmermännin kämpfte: Audienz zum König Wilhelm und Wiederanstellung ihres Mannes – wenigstens als Pfarrer. Als er starb, folgte sie ein Dreivierteljahr später – „beim Gatten ruhst du – neuvermählt“ (aus der Todesanzeige). Was Mörike („Empfiehl mich Deiner lieben Frau aufs Schönste“) beim ersten Treffen übersah, hat ein anderer Zeitzeuge so ausgedrückt: Louise Zimmermann war ein „Hekla (Island), starr, eisig, schneebedeckt in langer Polnacht, der in seinem Innern aber Gluten, Feuerlicht und Blitze trug.“Günter Randecker

Günter Randecker über Louise Zimmermann
Ein Ölportrait Christina Louise Carolina Zimmermanns aus der Frankfurter Zeit (1848/49).

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08.05.2004, 12:00 Uhr

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