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Günter Schönberger erhielt vor 57 Jahren in Tübingen eine lebensrettende Operation
G. Schönberger
Mit dem Finger im Herzen des jungen Patienten

Günter Schönberger erhielt vor 57 Jahren in Tübingen eine lebensrettende Operation

Günter Schönberger war eines der ersten Kinder, die in Tübingen 1959 am Herzen operiert wurden. Er erinnert sich noch sehr genau daran.

03.10.2016
  • Miri Watson

Schwer vorzustellen, wie’s damals war: Ein Krankensaal mit 24 Betten, in 23 davon Erwachsene und dazwischen ein 13-jähriger Junge, Günter Schönberger, der am Herzen operiert werden soll. Fast wäre er gar nicht hier gelandet: „Mein Hausarzt sagte, an meinem Leiden könne man nichts ändern“, so der heute 70-Jährige, der 1946 in Schwäbisch Gmünd geboren wurde. Seiner eigenen Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass er die lebensrettende Operation doch erhält.

Als Fünfjähriger erkrankt Schönberger an einer schweren Halsentzündung. Es sind die Nachkriegsjahre und Penicillin ist noch ganz neu; obwohl das Medikament ihm helfen würde, bekommt er es nicht. Die Folgen davon: Vereiterte Rachenmandeln, rheumatisches Fieber und Probleme mit dem Herzen, eine der vier Herzklappen – die Mitralklappe – ist verklebt. Das äußert sich erstmals in der zweiten Klasse durch Übelkeit, Kopfschmerzen und Sehstörungen.

„Mir ging es jedes Jahr schlechter“, so Schönberger. In der sechsten Klasse braucht er eine Viertelstunde, um den Weg zu seinem Klassenzimmer im dritten Stock zu bewältigen, „das war kein lebenswertes Leben mehr“. Der kranke Schüler sehnt sich nach Heilung, liest von Herz-Operationen in Amerika und redet immer wieder auf seinen Hausarzt ein, bis er eine Überweisung nach Tübingen bekommt.

Als er 1959 in der Medizinischen Klinik, der heutigen Theologischen Fakultät, untersucht wird, sagt der Arzt zu seiner Mutter, dass der Junge ohne Behandlung kein Jahr mehr überleben werde. Aufgrund der Dringlichkeit bekommt er recht kurzfristig einen Operations-Termin und wird aufgenommen. „Es gab keine Kinderstation für Herzkranke, also war ich in der Medizinischen bei den Erwachsenen“, sagt Schönberger.

Operiert wird er in der Chirurgischen Klinik, dem roten Backsteinbau, in dem heute die Frauenklinik ist. Es gibt keine Herz-Lungen-Maschine und keinen Ultraschall. „Es gab eigentlich gar nichts“, sagt Schönberger, „der Chirurg musste den Eingriff blind machen“.

Das Risiko bei der Operation ist hoch, aber Schönberger freut sich darauf, weil er endlich gesund sein möchte. Das Operations-Werkzeug ist für Erwachsene konzipiert und zu groß für das Herz des Schülers, also versucht der Arzt mit seinem Finger, die Mitralklappe zu weiten. Die Klappe reißt, der Junge blutet stark – und wird wieder zugenäht.

Schönberger bekommt die letzte Ölung; es heißt, dass er nicht überleben wird. Der Junge lässt sich davon nicht beirren. Er gesundet und von Tag zu Tag geht es ihm besser. „Später wurde klar, dass der Riss bei der Operation gar nicht schlimm war und sogar noch mehr Blut durch mein Herz fließen konnte. Das tat mir gut“, sagt Schönberger.

Schönberger ist heute 70, entgegen jeder Prognose von damals. Sein dafür hohes Alter hat er – nicht nur, aber auch – jener ersten Operation in Tübingen zu verdanken. Bild: Watson

50 Jahre Kinderkardiologie: Die wichtigsten Daten

Mit dem Dienstantritt von Jürgen Apitz am 1. Oktober 1966 wurde die Abteilung für Kinderkardiologie in Tübingen gegründet. Herzfehler bei Kindern wurden damals noch selten diagnostiziert und therapiert und führten häufig zum Tod; dass nun Behandlungsmöglichkeiten geboten wurden war wichtig.

Apitz etablierte die Technik der Herzkatheterisierung bei Kindern und baute eines der deutschlandweit ersten Kinderherzkatheterlabore auf. 1970 wurde die Kinderkardiologie um die

Kinderherzchirurgie

erweitert.

Seit 2000 leitet Michael Hofbeck die Abteilung; inzwischen erreicht die Mehrzahl der Patienten das Erwachsenenalter.

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03.10.2016, 21:00 Uhr

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