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Bohrfirma füllt die Löcher

Gutachten: Erdwärmebohrungen lösten Erdsenkungen nicht aus

Die Ursachen für die Erdsenkungen im Wurmlinger Kapellenweg sind noch immer nicht hinreichend geklärt. Allerdings belegt ein neues Gutachten, dass für die Verwerfungen und die Schäden an Haus oder Garagen der Anwohner ein hydraulischer Kurzschluss verantwortlich sein könnte.

16.08.2012
  • werner bauknecht

Wurmlingen. Der Kapellenweg ist seit 2011 für den Verkehr gesperrt, nur Anwohner dürfen darauf zu ihren Anwesen fahren. „Durch die Hohlräume unter der Straße ist das Befahren gefährlich. Da muss die Stadt ihrer Verkehrssicherungspflicht nachkommen“, sagt Tiefbauamtsleiter Manfred Wanner.

Für Irritationen sorgt derzeit die Frage, wer oder was für die Löcher im Boden verantwortlich ist. Vor zehn Jahren gab es Probebohrungen nach Erdwärme in Wurmlingen. Geklärt werden muss noch immer, ob es einen Zusammenhang zwischen diesen Bohrungen und den Bodensenkungen gibt.

In Petra Scholls Haus am Kapellenweg 6 ist die Garage einsturzgefährdet, vor ihrem Hauseingang tat sich vergangenen Herbst ein drei mal drei Meter großes Loch auf, und selbst durch ihre Gartenmauer zieht sich ein Riss. Die Pressesprecherin des Landratsamtes Tübingen, Martina Guizetti, erklärte, dass die Firma, die seinerzeit die Erdwärme-Probebohrungen durch-führte, sich bereit erklärt habe, die Löcher auf Petra Scholls Grundstück sowie auf der Straße und angrenzenden Grundstücken zu füllen. Die Firma, so Guizetti, wolle das aber nicht als Schuldeingeständnis ausgelegt wissen.

Das letzte Gutachten, bei dem die Erdwärmesonden untersucht wurden, ergab einen sogenannten hydraulischen Kurzschluss zwischen „dem gespannten Grundwasser des Oberen Muschelkalks und dem darüber liegenden Gipskeupergrundwasser“. Eine dritte, ebenfalls vor zehn Jahren eingebrachte Sonde wird in den kommenden Tagen untersucht, Gespräche mit den betroffenen Anliegern sind geplant.

Das Bohrunternehmen trifft keine Mitschuld

„Alle Beteiligten sind eingebunden“, so Guizetti, „die untere Wasserbehörde des Landratsamtes, die Rottenburger Verwaltung, Bohrfirma und Betroffene.“ Unter der Aufsicht Peter Mittags vom Landratsamt wurde das Gutachten erstellt, aus dem sich eine Mitschuld des Unternehmens laut Landratsamt nicht herauslesen lässt.

Petra Scholl glaubt derweil noch nicht daran, dass das Unternehmen die Löcher tatsächlich auf eigene Rechnung zumachen wird. „Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende“, sagt sie. Im Grunde genommen dürfe man in Wurmlingen aufgrund der geologischen Bedingungen gar nicht bauen: „Ganz Wurmlingen liegt doch auf einer Gipskeuperzunge, da hätte niemals eine Baugenehmigung ausgesprochen werden sollen.“ Kommt Gipskeuper (Anhydrit) mit Wasser in Berührung, quillt er um bis zu 60 Prozent auf. Sackt er danach zusammen, können Löcher entstehen.

In einer Pressemitteilung stellte die Stadt Rottenburg jetzt klar, dass eine dauerhafte Sanierung des Gebiets nur durchgeführt werden könne, „wenn unnatürliche Ursachen für die Auswaschungen vorhanden sind.“ Sprich: Gibt es einen Schuldigen, wird saniert, ist es ein bloßes hydrogeologisches Phänomen, wird nichts gemacht.

Dabei können sich solche Sanierungsarbeiten in unabsehbaren finanziellen Regionen bewegen. So richtig weiß niemand, weit das führen kann. Wolle man die Hohlräume mit Betoninjektionen füllen, so Tiefbauamtsleiter Wanner vor einem Jahr, könne das leicht 500 000 Euro kosten – oder auch viel mehr.

Letzte Untersuchung in den nächsten Tagen

Ehe weitere Schritte erwogen werden, so die Stadt, müsse das Ergebnis der in den nächsten Tagen erfolgende Untersuchung der dritten Sonde abgewartet werden. Danach wollen die Experten über die weiteren Schritte einer Sanierung beraten. Unmittelbare Gefahr für die Gebäude der Umgebung bestünden nicht, teilte die Stadt mit, da habe eine Standfestigkeitsuntersuchung ergeben. Für die Anwohner ist eines schon jetzt klar: „Wir können mit einer Lösung nicht länger warten“, sagt Petra Scholl.

Gutachten: Erdwärmebohrungen lösten Erdsenkungen nicht aus
Der Kapellenweg in Wurmlingen ist seit 2011 wegen Bodenabsenkungen für den Verkehr gesperrt. Unterm Asphalt drohen Löcher.Bild: Bauknecht

Unter einem „hydraulischen Kurzschluss“ versteht man in der Hydrogeologie den Wasseraustausch zwischen übereinanderliegenden wasserführenden Schichten. Bei Brunnen führt das zu schneller Alterung und nachfolgendem Einbruch, dazu auch zur Verschlechterung der Wasserqualität. Bohrungen sollten deshalb für jede Grundwasserschicht getrennt durchgeführt werden. In Wurmlingen wird durch den Austausch zwischen Oberem Muschelkalk und Gipskeupergrundwasser der Gipsauslaugungsprozess intensiviert.
Karten des Landratsamtes ist zu entnehmen, dass Wurmlingen ein Risikogebiet für Erdwärme-Bohrungen ist. Zum einen gibt es sulfithaltige Gesteine (Gips), zum anderen wird unter der Erdoberfläche unter Druck stehendes (artesisches) Grundwasser vermutet.

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16.08.2012, 12:00 Uhr

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