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Ein einzigartiges Zeugnis

Gutachten: Tübingen erfüllt Voraussetzungen für Weltkulturerbe

Tübingen bewirbt sich gemeinsam mit der Partnerstadt Marburg um die Anerkennung als Weltkulturerbe. Das teilte die Verwaltung jetzt mit. „Die Universitätsstadt als kultureller Raum über 500 Jahre“ heißt das inhaltliche Konzept. Ein verlangtes Gutachten liegt jetzt vor. Es bescheinigt Tübingen, „ein einzigartiges Zeugnis einer kulturellen Tradition“ im Sinne der Unesco-Kriterien zu geben.

03.12.2012
  • Gernot Stegert

Tübingen. Im Frühjahr kam die Universitätsstadt Marburg auf Tübingen zu (wir berichteten). Schon vier Mal hatten sich die Hessen für die Anerkennung als Weltkulturerbe beworben – erfolglos. Jetzt versuchen es die beiden Schwesterstädte zusammen. Die Aussichten einer gemeinsamen – so genannten seriellen – Bewerbung sind größer als Alleingänge. Zumal beide Städte viele Ähnlichkeiten aufweisen: die Prägung durch die Universität, eine starke protestantische Tradition und vieles mehr.

Der Gemeinderat stimmte Anfang Juli der Bewerbung zu (wir berichteten). Es fehlte aber noch ein Fachgutachten. Das liegt nun auf 70 Seiten vor. Erstellt hat es der niederländische Universitätshistoriker Professor Willem Frijhoff, der auch schon Marburg die Empfehlung schrieb. Sein wichtigstes Ergebnis: Tübingen hat die von der Unesco (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) verlangte Einzigartigkeit vorzuweisen. Die Stadt sei die einzige Universität ihrer Zeit, die neue Gebäude erstellt habe und nicht in bereits bestehende eingezogen sei. Welchen Bauboom Graf Eberhards Gründungs-Motto „Attempto!“ („Ich wag‘s!“) 1477 auslöste, hat Stadtarchivar Udo Rauch im September bei einer Führung gezeigt. Etwa 50 Neubauten entstanden um die Burse, die Alte Aula und die Stiftskirche herum, viele in der Münzgasse.

Das Gutachten liegt bisher nur auf Englisch vor. Darin heißt es frei übersetzt: „Vom architektonischen Standpunkt aus war die Gründung der Universität Tübingen im Jahr 1477 eine Entwicklung ohne Parallele. Es ist Tübingens Stolz, dass – im Gegensatz zu vielen anderen Universitätsstädten in Europa – fast alle in der Gründungszeit errichteten Gebäude noch heute existieren und von der Universität benutzt werden.“ Die Neckarfront sei nicht bloß eine „pittoreske Ansicht“, sondern zeige die „völlige Integration“ von Stadt und Universität. Diese habe sich in den folgenden Jahrhunderten mit der Entstehung der Wilhelmvorstadt und der Bebauung des Schnarrenbergs fortgesetzt.

In der Summe rechtfertige das „einzigartige Zeugnis einer kulturellen Tradition“ die Weltkulturerbe-Bewerbung. Städte mit Universität gebe es in Europa viele, aber nur Tübingen und Marburg würden „schlüssig und andauernd“ das (Stadt)Bild als Universitätsstadt pflegen, mehr als Heidelberg, Göttingen oder Freiburg.

Wichtig sei in Tübingen wie Marburg auch die protestantische Tradition. Die Philipps-Universität Marburg war 1527 die weltweit erste evangelische Universitätsgründung. Auch Tübingen wurde reformatorisch, als Herzog Ulrich von Württemberg 1534 das von den Österreichern besetzte Land zurückeroberte; mit Hilfe des hessischen Landgrafen Philipp von Hessen. 1536 wurde dann im ehemaligen Augustinerkloster das Evangelische Stift gegründet. Dieses und die theologische Fakultät prägten wiederum die europäische Geistesgeschichte – und auch den hiesigen Baustil, wie das Gutachten hervorhebt. Schlichtheit wurde barockem Zierrat vorgezogen: „Die städtische Physiognomie von Tübingen spricht die Sprache einer natürlichen Schönheit.“

Frijhoff betont die enge Verbindung von Universität und Stadt auch in kultureller, geistiger und wirtschaftlicher Hinsicht. Schließlich sei die „Universitätsstadt als kultureller Raum“ nicht allein städtebaulich zu verstehen. Tübingen habe zahlreiche Dichter und Denker hervorgebracht, aber auch namhafte Naturwissenschaftler wie Leonhart Fuchs (1501-1566), Johannes Kepler (1571-1630) oder den „schwäbischen Leonardo“ Wilhelm Schickard (1592-1635).

gsiehe ÜBRIGENS und die Umfrage auf www.tagblatt.de

Gutachten: Tübingen erfüllt Voraussetzungen für Weltkulturerbe
Tübingen? Nein, das ist Marburg mit der Alten Universität und der Universitätskirche. Die Stadt an der Lahn hat viel mit Tübingen gemeinsam.Bild: Stegert

Das Bewerbungsverfahren verläuft in mehreren Stufen. Das Gutachten wurde an das Stuttgarter Wirtschaftsministerium weitergeleitet, das im Land für Denkmalschutz zuständig ist. Die Landesregierung entscheidet dann, ob sie die Bewerbung an die Kultusministerkonferenz weiterreicht. Diese hat eine Expertenkommission einberufen, die voraussichtlich im Februar 2013 die Bewerbungen prüft. Die Kultusminister werden dann auf Bundesebene aus den Vorschlägen der Länder eine Liste erstellen (Tentativliste), die bei der Unesco-Kommission eingereicht wird. Die Listen der Staaten sind Grundlage für die mögliche Anerkennung einzelner Vorschläge als Weltkulturerbe in den nächsten zehn bis 15 Jahren.

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03.12.2012, 12:00 Uhr

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