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Über Fehler und Widersprüche

Gutachter Christoph Engelhardt und das Bahnprojekt Stuttgart 21

Zur Erforschung der Wahrheit bedarf es notwendig der Methode: Der Physiker Christoph Engelhardt versucht, Fehler und Widersprüche beim Bahnprojekt Stuttgart 21 aufzudecken. Am Dienstag referierte er in Mössingen.

04.12.2014
  • Jürgen Jonas

Mössingen. Wer gedacht hat, der Widerstand gegen Stuttgart 21 lahme auf beiden Beinen und der Protest habe sich nach 249 Montagsdemonstrationen totgelaufen, hätte am Dienstagabend im Saal des Mössinger Feuerwehrhauses durchaus staunen können: Immerhin rund 100 Leute Zuhörer waren zum Vortrag von Christoph Engelhardt gekommen. Der Physiker und Systemanalytiker aus München ist seit langem als S 21-Kritiker unterwegs und aktuell Gutachter in der Anhörung um den Filderbahnhof sowie vor dem Verwaltungsgerichtshof.

Albrecht Esche und seine Frau Dorle, Aktivisten der „Aktionsgruppe Mössingen und Steinlachtal für K 21“ begrüßten den Referenten. Starke Worte findet Engelhardt, wenn er über das Bahnhofsprojekt spricht: „Stuttgart 21 ist der größte technisch-wissenschaftliche Betrugsfall der deutschen Industriegeschichte.“ Ein Satz, gegen den die Bahn Klage ankündigte, erzählt Engelhardt – wozu es aber nicht gekommen sei, „weil sie dann beweispflichtig worden wäre.“ Eine Handlungsanweisung des Philosphen René Descartes steht über Engelhardts Argumentation: „Zur Erforschung der Wahrheit bedarf es notwendig der Methode.“

Egenlhardts eigene geht so: Er arbeitet mit den vorhandenen Unterlagen und versucht, darin Fehler aufzudecken und Widersprüche nachzuweisen. Dabei breitet Engelhardt einiges Fachwissen aus und sucht nach Hintergründen für die Querelen.

Einen „Schildbürgerstreich ersten Ranges“ nennt er das Projekt. Es sei sogar geeignet, „das Ansehen Deutschlands zu beschädigen“. Der Vergleich mit anderen missratenen Großprojekten wie dem Nürburg-Ring, der Elbphilharmonie oder dem Berliner Flughafen scheint ihm nicht passend. In Stuttgart gehe es um wesentlich mehr Geld.

Engelhardt handelt seine Punkte nacheinander ab: Mit S 21 sei kein integraler Taktfahrplan möglich, die Verbindungsqualität werde schlechter werden. Die Risiken beleuchtet er ausführlich, die Gleisneigung sei „gemeingefährlich“, die Trassierung gilt ihm als „bahntechnischer Unfug“, da die Topographie der Stadt einen „idealen Bedarfsfall für einen Kopfbahnhof“ darstellt. Die Breite der Bahnsteige, das Gefälle im Bahnhof, die Hochwassergefahr in der Stadt, die schwierige Keuper-Geologie, alles bezieht er ein. Die angeblich größere, von Gutachtern und Bahnvorständen beschworene „Leistungsfähigkeit“ nimmt er auseinander, sie steht für ihn weiterhin auf dem Prüfstand.

S 21 sei „ein dramatischer Leistungsrückbau“, findet Engelhardt, die Kapazität des Kopfbahnhofs sehr hoch. Der Stresstest war falsch, steckte voll methodischer Fehler. „Allein der Fahrplan zeigt: S 21 ist im Stresstest heillos überlastet.“ Gegenüber der europäischen Kommission wurden haltlose Versprechungen abgegeben. Sie sind falsch, ebenso wie die hohen Simulationsergebnisse.

Der Stuttgarter Gemeinderat sei zwar informiert worden, allerdings mit unvollständigen Darstellungen, auch was die „Entfluchtung“, etwa im Brandfall, angeht. Der geplante Tiefbahnhof sei für die zu erwartenden Personenströme nicht ausreichend dimensioniert. Die Bahn versuche, die Zahlen kleinzuhalten und schönzureden, nach Engelhardts Auffassung handle es sich aber um „eine Frage auf Leben und Tod“. Für Engelhardt alles zusammen „ein Irrsinn“, der nicht genehmigungsfähig ist, nicht weiter gebaut werden darf, weil er auf systematischer Täuschung beruht. „Gravierender Schaden für das Gemeinwohl“ werde entstehen, prophezeit Engelhardt.

Ist Umkehr möglich? Die Ausstiegskosten seien maßlos übertrieben, ein Widerruf der Planfeststellung durchaus möglich. Wenn wie von Angela Merkel „das gesamtstaatliche Interesse“ ins Feld geführt werde, reichten Argumente nicht aus. „Empört euch – weiter!“ rät Engelhardt. Er ist nicht allein. Der Mössinger Siegfried Busch ist Mitglied der „Capella rebella“, die oft bei den Stuttgarter Montagsdemonstrationen aufspielt. Mit dem Saxophon stimmte er „Grandola Vila Morena“ an, unterstützt von Annegret Zschocke mit Akkordeon. Der Liedermacher Thomas Felder sang sein Wortspiel-Lied „So domm“, kein Segen liege über dem Sodom-Projekt, sondern „Gripsmangelerscheinung“. Am Ende trat wieder der Agitationschor der Gruppe auf, die am kommenden Montag zur 250. Demo fährt. Mit Felders Melodie sangen sie lautstark: „Wir sagen ja zum Ausstieg!“

Info Der gesamte Vortrag von Christoph Engelhardt wurde aufgenommen. Im Internet kann man ihn bei „cams21“ anschauen. Ein Fachartikel von Engelhardt über „Stuttgart 21: Ungenügende Leistungsfähigkeit nach Filder-Anhörung“ erscheint demnächst in der Eisenbahn-Revue International, Heft 1/2015.

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04.12.2014, 12:00 Uhr

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